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SZ-Serie "Ein Anruf bei ...":Warum es in der Vergangenheit ein bisschen fäkal gerochen hat

Beating the Retrat - 200 anniversary of the Battle of Waterloo

Pulvergeruch: 2015 feierten diese Herren in London den 200. Jahrestag der Schlacht von Waterloo bei einem Reenactment.

(Foto: dpa)

Der Historiker William Tullett erforscht Gerüche. Ein Gespräch über den Mief der Vorzeit, den Duft von Waterloo und Parfüms aus einem Analdrüsensekret.

Von Alexander Menden

William Tullett ist Historiker an der englischen Anglia Ruskin University in Cambridge und Experte für Gerüche der Vergangenheit. Als Mitarbeiter des europaweiten Forschungsprojekts "Odeuropa", an dem sich auch die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt, werten er und seine Kollegen riesige Mengen digitalisierter Text- und Bilddaten aus. Daraus soll eine Online-Enzyklopädie europäischer Gerüche zwischen dem 16. und dem frühen 20. Jahrhundert entstehen. Zudem können so Gerüche nachempfunden werden, um Museumsbesuchern einen authentischen sinnlichen Eindruck der Epoche zu geben, aus der die Ausstellungsstücke stammen.

SZ: Herr Tullett, stimmt das Klischee, dass es früher überall furchtbar gestunken hat?

William Tullett: Genau wie heute gab es Gestank und auch sehr angenehme Düfte. Aber wenn wir in eine deutsche Stadt des 16. Jahrhunderts zurückreisen würden, dann fänden wir die meisten Gerüche nicht angenehm. Es gab zum Beispiel keine Abwassersysteme. Die Leute damals haben das wahrscheinlich ganz anders wahrgenommen, weil diese Gerüche für sie normal waren.

Wie lässt man den Geruch einer verflossenen Epoche aufleben?

Uns geht es mehr darum, bestimmte Situationen olfaktorisch erfahrbar zu machen. Meine Kollegin Caro Verbeek in Amsterdam hat zum Beispiel den Geruch der Schlacht bei Waterloo nachempfunden.

Und, wie roch es da?

Sehr viel Pulverrauch, Blut, Körperausdünstungen, Matsch und Gras.

Hatten Gerüche in der frühen Neuzeit eine andere Bedeutung als heute?

Die Menschen schrieben Düften bestimmte medizinische und magische Wirkungen zu. So galt etwa Rosmarin, der heute einfach nur ein Gewürz ist, im 16. und 17. Jahrhundert als Mittel gegen die Pest. Von diesem Ansatz ist heute allenfalls die Aromatherapie übrig.

William Tullett von der Anglia Ruskin University erstellt eine europäische Datenbank für Gerüche.

(Foto: Anglia Ruskin University/OH)

Gibt es Gerüche, die einmal als angenehm galten, später aber als Gestank?

Tabak zum Beispiel galt als sehr exotisch, als er im 16. Jahrhundert nach Europa kam. 100 Jahre später wurde er schon überall geraucht, in Schenken, zu Hause, sogar im Theater und bei Bällen. Vom 18. Jahrhundert an begann man, die angeblich gesundheitsfördernde Wirkung von Pfeifenrauch anzuzweifeln, und damit begannen dann auch die ersten Kampagnen, Tabakrauch im öffentlichen Raum einzuschränken. Heute ist der Geruch im Alltag wieder viel weniger präsent als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Würde es sich denn lohnen, ein historisches Parfümrezept neu aufzulegen?

Nicht unbedingt. Im 17. Jahrhundert wurde zum Beispiel viel Zibet verwendet. Das ist ein Sekret aus den Analdrüsen einer äthiopischen Schleichkatzenart. Es riecht in Reinform, das muss man so sagen, ein bisschen fäkal. Eine sehr seltsame Grundsubstanz für Parfüms, die dann im 18. Jahrhundert immer mehr von Ingredienzen wie Rosenwasser und Lavendel abgelöst wurde. Aber es kommt letztlich auf die Dosis an - Zibet war beispielsweise noch Teil des Originalrezepts von Chanel No.5.

Wie würde es für jemanden aus der Vergangenheit riechen, wenn er in die Gegenwart reisen könnte?

Für solch einen Menschen wären die Gerüche einer modernen Großstadt sicher sehr überwältigend - allein die Luftverschmutzung durch Abgase, dann die Fast-Food-Dämpfe und so weiter. Viele Dinge, die wir selbstverständlich finden, würden für Besucher aus der Vergangenheit sicher stinken.

© SZ/moge
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