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Einsturz des Kölner Stadtarchivs:Eine Katastrophe und viele Schicksale

  • In Köln hat heute der Prozess um den Einsturz des Stadtarchivs vor neun Jahren begonnen.
  • Fünf Angeklagten wird vorgeworfen, durch Pfusch am Bau das Unglück, bei dem zwei Menschen starben, ausgelöst zu haben.
  • Der Halbbruder eines Verstorbenen ist kurzfristig als Nebenkläger aufgetreten.

Von Valentin Dornis, Köln

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, warum am 3. März 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte: Bei den Bauarbeiten an einer U-Bahnstrecke wurden Fehler gemacht. Fehler, die zwei Menschen das Leben kostete und tonnenweise bedeutende Dokumente beschädigte oder zerstörte.

Der Einsturz war eines der größten Bauunglücke der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Seit neun Jahren läuft die Aufarbeitung, an diesem Mittwoch beginnt nun der Strafprozess vor dem Landgericht Köln. Großer Andrang war erwartet, der Eröffnungstermin extra in den größeren Saal 210 des Landgerichts Köln verlegt worden: eher dunkel ist es hier, schweres Holz, brauner Teppich, braune Stühle und Decke. Im Zuschauerraum blieben aber viele Plätze leer, etwa 30 bis 40 Besucher sind gekommen, ähnlich viele Pressevertreter sind da.

Es geht in diesem Prozess um die Frage, ob die Katastrophe hätte verhindert werden können. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hätte sie das. Sie geht davon aus, dass beim Bau der seitlichen Stützwände gepfuscht wurde, außerdem soll die Kontrolle durch die beteiligten Unternehmen und die Bauaufsicht der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) versagt haben. Als Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich die Anklage verliest, verweist er auf Fotos und Gutachten, die das Fehlverhalten der Bauarbeiter und Aufsichtspflichtigen dokumentieren sollen.

Fünf Angeklagte müssen sich ab heute vor Gericht verantworten. Ursprünglich waren es sieben, doch einer ist in der Zwischenzeit verstorben, ein anderer ist schwer erkrankt und nicht verhandlungsfähig. Die beteiligten Baufirmen weisen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück. Für sie handelt es sich bei dem Einsturz um ein Naturereignis - nicht menschengemacht also.

Der Halbruder des verstorbenen Bäckerlehrlings Kevin K. ist kurzfristig noch Nebenkläger geworden. Er ist heute 14. Zum Zeitpunkt des Unglücks war er sechs Jahre alt. Sein Bruder starb, weil das Stadtarchiv beim Einsturz mehrere Nachbarhäuser mitriss. Er verfolgt das Geschehen im Gericht aufmerksam, liest in der Anklageschrift mit. In einem Gespräch am Rande der Verhandlung sagt er, er wolle "Gerechtigkeit" für seinen Bruder, an den er noch viele gute Erinnerungen habe, wie sie zum Beispiel in seiner Wohnung an der Severinstraße gespielt hätten. Er sei bis heute ein Vorbild für ihn.

© SZ.de/dpa/eca
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