bedeckt München 10°

Vor Gericht:Begraben unter einem Haufen Stahl, Beton und Schlamm

Einsturz  Stadtarchiv Köln

Nach dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln im Jahr 2009 standen Kerzen und Schilder nahe des eingestürzten Gebäudes.

(Foto: dpa)
  • In Köln beginnt der Prozess wegen des eingestürzten Stadtarchivs vor neun Jahren.
  • Angeklagt sind sieben Personen, ihnen wird unter anderem fahrlässige Tötung vorgeworfen.
  • Wenn bis zum 2. März kommenden Jahres kein Urteil vorliegt, verjähren die mutmaßlichen Taten.

Von Valentin Dornis, Köln

Am frühen Nachmittag des 3. März 2009 rumpelt es plötzlich kräftig an der großen Baustelle in der Kölner Severinstraße, mitten im Stadtzentrum. Wasser dringt in die unterirdische Baustelle ein und entzieht den umliegenden Gebäuden den Grund. Die Bauarbeiter schaffen es noch, viele Menschen in den Häusern zu warnen, bevor das Kölner Stadtarchiv um 13.58 Uhr zusammenbricht. Zwei junge Männer, die in einem Nebenhaus wohnen, sterben - und tonnenweise wertvolles Archivmaterial wird unter einem Haufen aus Stahl, Beton und Schlamm begraben.

Der Einsturz war eines der größten Bauunglücke der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Seit neun Jahren läuft die Aufarbeitung, an diesem Mittwoch beginnt nun der Strafprozess vor dem Landgericht Köln. Es geht um die Frage, ob die Katastrophe hätte verhindert werden können.

Das Kölner Archiv galt als eines der bedeutendsten Kommunalarchive in Deutschland. Bis heute ist nicht klar, welcher Teil des Bestandes gerettet werden kann, die Arbeit an den aus dem Schlamm geborgenen Dokumenten wird für Dutzende Restaurateure eine Lebensaufgabe bleiben. In dem Trümmerhaufen haben sie unter anderem die Nobelpreis-Urkunde von Heinrich Böll und ein Original-Schriftstück aus dem Jahr 922 gesichert.

Derzeit gibt es zwei Versionen, wie es zu dem Einsturz gekommen sein könnte, eine von der Staatsanwaltschaft und eine von den beteiligten Baufirmen. Beide hängen mit der Baustelle für die neue Nord-Süd-U-Bahn zusammen, die unter der Kölner Altstadt verlaufen sollte. Ein ehrgeiziges Projekt, auf das die Stadtverwaltung stolz war. Sie wollte zeigen, dass es hier - anders als bei anderen großen Bauvorhaben - keinen Kölschen Klüngel gab. Mit dem Stolz ist es seit jenem Märztag vorbei.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass beim Bau der seitlichen Stützwände gepfuscht wurde, außerdem soll die Kontrolle durch die beteiligten Unternehmen und die Bauaufsicht der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) versagt haben. Die Ermittler befragten in den vergangenen neun Jahren fast 100 Personen, ordneten Razzien an und ließen Gutachten erstellen.

Anklageschrift mit 196 Seiten

Ihre Ergebnisse haben sie nun auf 196 Seiten Anklageschrift zusammengefasst, sie werfen insgesamt sieben Personen fahrlässige Tötung, Baugefährdung oder beides in Tateinheit vor. Fünf von ihnen werden bei dem Prozess auf der Anklagebank sitzen. Ein Angeklagter ist in der Zwischenzeit verstorben, ein anderer ist schwer erkrankt und nicht verhandlungsfähig.

Mehrfach sollen Bauarbeiter bei den Grabungsarbeiten für die U-Bahn-Linie auf Hindernisse gestoßen sein, die sogar die Zähne ihrer Greifwerkzeuge zerstörten. Doch statt die Probleme zu melden, sollen sie einfach weitergearbeitet haben. Weil die Barrieren nicht entfernt wurden, konnte die Betonwand dort nicht in der nötigen Struktur und Stärke gebaut werden. Eine Schwachstelle, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft auch bei den Kontrollen durch die beauftragten Ingenieure und die KVB hätte auffallen müssen und schließlich zu dem Unglück führte.

Die beteiligten Baufirmen, die sich zur Arbeitsgemeinschaft Süd zusammengeschlossen hatten, stellen die Lage komplett anders da. Demnach sei die Bodenbeschaffenheit unerwartet problematisch gewesen. Wasser und Schlamm sollen nicht durch ein Loch in der Seitenwand, sondern von unten durch den Boden in die Baugrube eingedrungen sein, ein sogenannter "hydraulischer Grundbruch" und damit eine Art Naturereignis - kein Pfusch am Bau.

In dem Strafprozess, der nun beginnt, steht die Staatsanwaltschaft unter Zeitdruck: Wenn bis zum 2. März 2019 kein Urteil vorliegt, verjähren die Vorwürfe. Zudem dürfte die Beweisführung kompliziert werden, denn das Gutachten des unabhängigen Sachverständigen Hans-Georg Kempfert ist noch nicht fertig und könnte sich sogar bis 2020 hinauszögern. Um die Ursache des Schadens festzustellen, ließen er und sein Team einen Besichtigungsschacht in die Erde bauen, Spezialtaucher tragen den Schlamm Schicht für Schicht ab und filmen unter Wasser, wie die Betonwand in der Tiefe aussieht.

Um weitere Bewegungen im Erdreich und damit verfälschte Untersuchungsergebnisse zu verhindern, wurde der Grund eingefroren. Ein Verfahren, das zusammen mit dem Bau des Besichtigungsschachts nach Schätzungen der Stadt Köln bis zu 60 Millionen Euro kosten könnte. Unabhängig vom Ergebnis des Strafprozesses läuft auch noch ein Zivilverfahren, in dem die Stadt etwa 1,2 Milliarden Euro Schadenersatz fordert.

© SZ.de/jael/sks
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema