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Dominique Strauss-Kahn vor Gericht:"Die Beweislast ist substanziell"

Als der Angeklagte um kurz vor neun am Gerichtsgebäude eintrifft, bricht Unruhe aus. "Schande über dich", rufen die Hotelangestellten, während Strauss-Kahn die flachen Stufen zum Haupteingang hinaufgeht. Seine Frau weicht keinen Schritt von seiner Seite. Kurz darauf wird im Verhandlungssaal die Anklageschrift verlesen. Der Beschuldigte plädiert auf nicht schuldig. Dann ist die Anhörung auch schon wieder vorbei. Unter den Rufen der Demonstranten braust Strauss-Kahns Geländewagen davon.

Die Verteidigung hatte sich schon vor Prozessbeginn sicher gezeigt, dass sie die Vorwürfe gegen den Angeklagten entkräften würde. Sollte es tatsächlich zu einem sexuellen Kontakt zwischen Strauss-Kahn und der Hotelangestellten gekommen sein, sei dieser freiwillig geschehen, suggerierten die Anwälte bei der Kautionsentscheidung vor zweieinhalb Wochen.

Allerdings scheint sich auch die Staatsanwaltschaft ihrer Sache sicher zu sein. "Die Beweislast ist substanziell. Und sie wächst mit jedem Tag", sagte Staatsanwalt John McConnell. Medienberichten zufolge haben die Ermittler DNS-Spuren auf der Uniform der Hotelangestellten gefunden, womöglich von einem Spermafleck. Dass Strauss-Kahn die Frau vergewaltigt hat, wäre damit allerdings noch lange nicht bewiesen.

Keiner in New York rechnet mit einem schnellen Ende des Verfahrens. Es steht Aussage gegen Aussage, und offenbar gibt es keine Zeugen. Letztlich wird es ein Kampf um Glaubwürdigkeit werden. Auf der einen Seite die Glaubwürdigkeit eines weltweit respektierten Politikers, der bis zu kurzem beste Chancen hatte, der nächste französische Präsident zu werden. Auf der anderen Seite die Glaubwürdigkeit einer unbekannten jungen Frau, deren Leben durch den Vorfall in der Hotelsuite und das spektakuläre Verfahren aus den Fugen geraten ist.

Strauss-Kahns Anwälte werden alles daran setzen, die Belastungszeugin im Kreuzverhör als Lügnerin zu entlarven. Die Anklage hingegen will offenbar versuchen, Strauss-Kahn als notorischen Schwerenöter und gierigen Machtmenschen darzustellen, der sich schon mehrfach an Frauen vergriffen habe. Sein Büro gehe Hinweisen nach, dass "der Angeklagte in mindestens einem weiteren Fall ein ähnliches Verhalten gezeigt" habe, hat Staatsanwalt McConnell gesagt. Sollten die Geschworenen ihm Glauben schenken, drohen Strauss-Kahn zwischen fünf und 25 Jahre Haft.

© SZ vom 7.6.2011/jab

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