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Dominique Strauss-Kahn vor Gericht:Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Franzosenfeindliche Schlagzeilen, ein Chor der Hausmädchen, der "Schande über dich" ruft - und ein prominenter Angeklagter, der auf "nicht schuldig" plädiert: In aufgeheizter Atmosphäre beginnt in New York der Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

Die Szenerie vor dem Gerichtsgebäude gleicht einem Rummelplatz. Dicht an dicht haben die Fernsehsender ihre Zelte aufgebaut, wie Buden auf einem Straßenfest. Für die Weltmedien geht es an diesem Montagmorgen in New York um die besten Plätze im Prozess des Jahres. Dominique Strauss-Kahn, der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds und gefallene Hoffnungsträger der französischen Sozialisten, muss sich vor dem Strafgericht in Lower Manhattan den Vergewaltigungsvorwürfen stellen, die eine junge afrikanische Einwanderin gegen ihn erhebt.

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Protest mit Schürze: Die Gewerkschaft der Hauswirtschaftshilfen rief ihre Mitglieder am Montag in New York zur Demonstration auf.

(Foto: AFP)

Nachdem Strauss-Kahn vor zweieinhalb Wochen gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, mussten die Fernsehteams die Sendezeit mit Nichtigkeiten füllen. Auf jede Einkaufstüte, die in das kleine Stadthaus geschleppt wurde, in dem der Angeklagte für die Dauer der Verhandlung untergekommen ist, richteten sie ihre Objektive. Jetzt endlich beginnt das Verfahren. Um halb neun Uhr morgens tritt Strauss-Kahn vor die Tür. Er trägt einen Anzug mit dunkler Krawatte und blauem Hemd. An seiner Seite seine Frau Anne Sinclair. Gemeinsam steigen sie in einen schwarzen Geländewagen, der sie hinüberfährt zum Gericht.

Derweil werden die Besucher und Journalisten vor dem Justizbunker in der Center Street von Demonstranten empfangen. Hundert, vielleicht 150 "Zimmermädchen", die Bediensteten aus der untersten Hierarchiestufe der New Yorker Hotels, nutzen die Publizität des Prozesses, um mehr Sicherheit zu fordern. Es sind Einwanderer aus allen Winkeln der Erde, auch ein paar Männer sind darunter. "Was wir wollen, ist Gerechtigkeit", sagt eine junge Schwarze in der feinen, schwarz-weißen Uniform des Plaza Hotels. "Übergriffe wie der, um den es hier geht, gehören bei uns zum Alltag", fügt sie hinzu, ohne weiter ins Detail zu gehen.

Viele Einzelheiten aus dem Strauss-Kahn-Prozess hingegen sind schon vor Verhandlungsbeginn durchgesickert. Der 62-jährige Franzose soll am Samstag, den 14. Mai, ein 32-jähriges Zimmermädchen in seinem Hotelzimmer angefallen haben. Nackt habe er sich auf die gläubige Muslimin gestürzt, heißt es, und sie zum Oralsex gezwungen.

Staatsanwaltschaft und Verteidigung bezichtigen sich gegenseitig, Informationen zu streuen und damit die Wahrheitsfindung zu erschweren. Dieses Verfahren, das steht bereits fest, ist auch ein Kampf um die öffentliche Meinung. Vor allem die Berichterstattung der Boulevard-Postille New York Post hat die Stimmung angeheizt. Immer franzosenfeindlicher wurden die Schlagzeilen. "Der Frosch vergoldet sein Seerosenblatt", titelte das Blatt, als es davon erfuhr, dass Strauss-Kahn Kunst, Einrichtungsgegenstände "und seine Lieblingspuschen" aus seinem Haus in Washington nach New York bringen ließ.

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