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Logbuch: Folge 3:"Unser Hauptsegel ist durchgerissen"

Logbuch Telefonica Black1

Europäer segeln über den Atlantik nach Hause, Logbuch Johannes Bravidor im Bild die Segelyacht Telefonica Black

(Foto: Jose Barrios)

Der Deutsche Johannes Bravidor saß wegen Corona in der Karibik fest. Nun hat er sich mit anderen Seglern zusammengetan, um den Atlantik zu überqueren. In Folge 3 des Logbuchs erzählt er von blauen Flecken, Tee mit Salzwassergeschmack und der schwierigen Suche nach Extraschub.

Wie viele andere Touristen saß der deutsche Segler Johannes Bravidor in der Karibik fest. Flüge nach Hause gab es keine, die Versorgungslage wurde schlechter. Deshalb ist er mit elf anderen Seglern auf der Telefonica Black, einer etwa 21 mal fünf Meter großen Hochseeregattenyacht, nach Europa aufgebrochen. Quer über den Atlantik, 3500 Seemeilen Luftlinie bis nach Portsmouth in England. Häfen unterwegs können wahrscheinlich nicht angesteuert werden, das Wetter ist rau, das Proviant begrenzt. In der SZ berichtet Bravidor von der gewagten Überfahrt.

11. Tag auf See

Position: 37°58'N, 46°30'W, 960 Seemeilen westlich der Azoren

Durchschnittsgeschwindigkeit: vier bis sechs Knoten

Zurückgelegte Strecke: 1600 Seemeilen (3000 Kilometer)

Die Fahrt bis hierhin war anstrengend und hat Mensch und Material einiges abverlangt. Ermüdungserscheinungen machen sich breit, und die Konzentration lässt nach. Nicht jeder ist dafür gemacht. Wir hatten bei dem starken Seegang alle wenig Schlaf, und jeder von uns hat irgendwo blaue Flecken. Das ist normal und einkalkuliert, macht uns aber trotzdem zu schaffen. Einer von uns hat auch einen geprellten Arm, der wird aber gut versorgt.

Vor uns liegen noch 2000 Seemeilen. Wir nähern uns der Hälfte der Strecke. Alle zwei Stunden schöpfen wir Wasser aus der Küche, die immer wieder mit Regenwasser vom Mast vollläuft. Inzwischen sind auch manche unserer Schlafsäcke nass. Luxus ist, wenn die Sachen zwar nass, aber nicht gleichzeitig kalt sind. Wenn doch etwas trocknet, wird insbesondere Baumwolle vom Salzwasser hart. Inzwischen schmeckt auch der Tee etwas nach Meerwasser, wenn eine Welle über Bord springt.

Letzte Nacht ist es passiert: Unser Hauptsegel ist durchgerissen. Dass immer mal wieder etwas kaputtgeht, ist bei der Belastung durch Wind und Wellen normal. Ein Seil schabt sich ab, eine Schnalle springt - wir haben genügend Ersatz dabei. Ein Segel bekommt Risse - wir machen einen Flicken drauf und nähen die Stelle. Elektronische Geräte fallen aus - wir nutzen den klassischen magnetischen Kompass, bis alles wieder läuft. Wir haben sogar einen alten Sextanten dabei, mit dem wir im Zweifel unsere Position bestimmen könnten. Alles kein Problem. Aber dass unser Hauptsegel durchreißt, ist eine neue Dimension.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Johannes Bravidor, 41, hat zuletzt in London gelebt. Er erfuhr erst nach seiner Ankunft auf Antigua, dass das Coronavirus die Welt verändert hat.

(Foto: privat)

Es ist zu groß, zu schwer und zu zerrissen, als dass wir es auf offener See reparieren könnten. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Allein mit unserem Vorsegel kommen wir nur auf eine Geschwindigkeit von vier bis sechs Knoten anstatt der sonst üblichen neun. Damit sind wir erheblich langsamer, und unsere erwartete Ankunftszeit verschiebt sich nach hinten.

Unsere Verpflegung reicht für mindestens weitere 15 Tage, weil wir gut vorgesorgt haben. Wenn wir bis dahin nicht unser Ziel oder einen sicheren Hafen erreichen werden, müssen wir das Essen rationieren. Keiner will das, denn die Wetterbedingungen erfordern eine Menge Energie von jedem. Wir müssen uns beeilen, denn hinter uns ist ein Windloch, das uns mehrere Tage kosten könnte. Wenn wir mit dieser Geschwindigkeit weiterfahren, können wir die Azoren, einen möglichen Zwischenstopp, in acht Tagen erreichen. Normal wären vier bis fünf Tage, allerdings können wir mit dem aktuellen Segel nicht schräg gegen den Wind kreuzen.

Den Luxus, günstige Zeitfenster bezüglich des Wetters abzupassen, haben wir nicht. Wir müssen es nehmen, wie es kommt. Immerhin bekommen wir exzellente Unterstützung vom Festland: Simon Rowell, der Meteorologe des britischen olympischen Segelteams, informiert uns jeden Tag über die neuen Wettervorhersagen, um die optimale Route zu bestimmen.

Zwischenstopp auf den Azoren oder durchfahren?

Unter normalen Bedingungen würde man jetzt wahrscheinlich die Azoren anlaufen, versuchen, die nötigsten Reparaturen vorzunehmen, und dann ein günstiges Wetterfenster abpassen, um die Reise fortzusetzen. Wir haben aber keine normalen Bedingungen. Wir leben in Zeiten von Covid-19. Die Azoren sind geschlossen. Unser letzter Kenntnisstand ist, dass man zwar davor ankern und sich unter Aufsicht mit Proviant, Wasser, Diesel und sicherlich auch ein paar Ersatzteilen eindecken kann. Aber ein ganzes neues Segel oder dessen Reparatur? Unwahrscheinlich. Zumindest nicht ohne ausreichende Quarantäne - und das würde die Reise stark verlangsamen. Diese Zeit haben wir nicht. Nach Bermuda zurückzukehren, dem zweiten möglichen Zwischenstopp auf der Route, ist ebenso keine Option. Soweit wir wissen, konnte man dort wegen der Corona-Maßnahmen nicht mal mehr vor der Küste ankern.

Die Stimmung an Bord ist zeitweilig etwas am Boden - wegen der hohen Wellen, der Nässe, der kalten Winde aus dem Norden und weil wir keine Möglichkeit haben, uns wirklich aufzuwärmen. An Corona denkt hier gerade keiner mehr. Nachrichten aus Europa bekommen wir momentan eh nicht.

Wir segeln jetzt für eine Nacht mit reduzierter Geschwindigkeit und lediglich dem Vorsegel weiter. Morgen reaktivieren wir ein altes Trysegel, das eigentlich für Stürme gedacht ist. Es ist zwar erheblich kleiner als das Hauptsegel, und wir sind damit deutlich weniger flexibel, aber es verleiht uns einen Extraschub, den wir dringend brauchen. In den kommenden Tagen wird wahrscheinlich ein Vorsegel nach dem anderen seinen Dienst aufgeben. Spätestens in drei Tagen müssen wir entscheiden, ob wir die Azoren anlaufen oder nicht.

© SZ

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