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Logbuch: Folge 2:"Wir alle vermissen Schlaf"

Logbuch Telefonica Black

Die Hochseeregattenyacht "Telefonica Black" wurde für Rennen gebaut, wie hier. Jetzt fahren Europäer damit nach Hause.

(Foto: Rick Tomlinson)

Der Deutsche Johannes Bravidor saß wegen Corona in der Karibik fest. Nun hat er sich mit anderen Seglern zusammengetan, um den Atlantik zu überqueren. In Folge 2 des Logbuchs erzählt er vom Sturm auf See und von gefriergetrocknetem Hähnchen-Curry.

Wie viele andere Touristen saß der deutsche Segler Johannes Bravidor in der Karibik fest. Flüge nach Hause gab es keine, die Versorgungslage wurde schlechter. Deshalb hat er sich entscheiden, mit elf anderen Seglern auf der Telefonica Black, einer etwa 21 mal fünf Meter großen Hochseeregattenyacht, nach Europa aufzubrechen. Quer über den Atlantik, 3500 Seemeilen Luftlinie bis nach Portsmouth in England. Sorgen gibt es viele: Häfen unterwegs können wahrscheinlich nicht angesteuert werden, das Wetter ist rau, und was, wenn einer an Bord an Corona erkrankt? In der SZ berichtet Bravidor von der gewagten Überfahrt.

8. Tag auf See

Position: 32°38'N, 53°14'W, 560 Seemeilen östlich von Bermuda

Durchschnittsgeschwindigkeit: neun Knoten

Zurückgelegte Strecke: etwa 1000 Seemeilen (1850 Kilometer)

In den vergangenen Tagen hatten wir versucht, mit Motorunterstützung dem Sturm vorauszufahren. Aber jetzt hat uns das Tief eingeholt und braust mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern in der Stunde über uns hinweg. Die See ist rau, die Wellen mit ihren Schaumkämmen hoch, und wir sind alle nass bis auf die Knochen.

Seit 24 Stunden werden wir durchgeschüttelt. Wellen und Wind erfordern ein Maximum an Konzentration und Kraft von jedem, damit wir nicht vom Kurs abkommen. Gleichzeitig schlägt uns das Meerwasser ins Gesicht, das regelmäßig über die Reling peitscht. Da ist der Regen eine willkommene Abwechslung, um das Salzwasser vom Gesicht zu spülen. Es zehrt an den Kräften, und wir alle vermissen Schlaf. Aber dafür ist gerade keine Zeit.

Wir schaffen in der Spitze 21 Knoten, das sind umgerechnet fast 40 Kilometer in der Stunde. Damit sind wir sicherlich schneller als die meisten Boote, die derzeit ihren Weg aus der Karibik nach Europa suchen, bevor die Hurrikansaison beginnt. Die Telefonica Black ist kein gewöhnliches Boot. Es ist ein Rennboot für Ozeane, eine Volvo 70, speziell für das Volvo Ocean Race 2008 gebaut und später ausrangiert. Es besteht fast vollkommen aus Karbonfasern und war damals weltweit eines der schnellsten Boote seiner Klasse. Der britische Skipper Lance Shepherd hat es völlig verwahrlost wiederentdeckt und flott gemacht.

Luxus ist sicher etwas anderes. Aber darum geht es nicht. Es geht um das Abenteuer. Unser Essen besteht vorwiegend aus gefriergetrockneter Expeditionsnahrung. Die gießen wir mit Wasser auf, das wir zuvor mit dem Gaskocher aufgewärmt haben. Auf dem Speiseplan stehen Beef Stroganoff, Spaghetti Carbonara oder Hähnchen-Curry. 2500 bis 3500 Kilokalorien nimmt jedes Besatzungsmitglied pro Tag zu sich. Das ist auch nötig, weil der Körper durch den Seegang ständig in Bewegung ist und Energie braucht, auch im Schlaf.

Manche träumen von Steak

Unser Crewmitglied Claire sorgt dafür, dass wir mindestens einmal am Tag frische Sachen zu essen haben. Das hält uns kulinarisch bei Laune. Dennoch träumen einige von einem Steak oder von englischem Frühstück.

Johannes Bravidor, 41, hat zuletzt in London gelebt. Er erfuhr erst nach seiner Ankunft auf Antigua, dass das Coronavirus die Welt verändert hat.

(Foto: privat)

Unsere Kojen unter Deck können so justiert werden, dass sie sich der Schräglage das Bootes anpassen. Das macht das unkomfortable Schlafen bei einem Wellengang von drei bis sechs Metern etwas erträglicher. Einzelkabinen haben wir nicht. Als Heizung dienen heißer Tee oder der Motor des Dieselstromaggregats, das wir einmal am Tag laufen lassen, um die Bordbatterien wieder aufzuladen. Zum Trocknen der nassen Sachen reicht das allerdings nicht. Eine Dusche gibt es auch nicht. Dafür muss ein Eimer Meerwasser herhalten. Süßwasser ist kostbar, deshalb spülen wir uns damit nur alle paar Tage ab. Wir gewinnen es hauptsächlich durch unseren Wassermacher an Bord, einen Filter, der das Meerwasser entsalzt. Außerdem ist das ganze Boot voll mit Zusatzkanistern voll Wasser und Diesel. Für die Spülung auf der einzigen Toilette muss man das Wasser selbst pumpen.

Auf einem anderen Boot ist die Crew erkrankt

Je nördlicher wir kommen, desto kälter wird es. Während wir vor wenigen Tagen noch in Shorts und T-Shirts auf dem Deck waren, trägt inzwischen jeder seine Regenkleidung. Insbesondere nachts wird es inzwischen schon sehr kalt.

Unsere Wachen bestehen aus einem Schichtsystem: Immer drei Mann halten zusammen drei Stunden Wache. Einer steuert das Boot, die anderen kümmern sich um Navigation, Funk, Wetter und andere Dinge, die anfallen - immer abwechselnd. Eine Ruderanlage zur Selbststeuerung haben wir nicht. Jede einzelne Meile muss von Hand ersteuert werden. Danach sind sechs Stunden Pause bis zur nächsten Schicht. So kann das Boot 24 Stunden am Tag in Bewegung gehalten werden.

Noch ist unklar, ob wir die Azoren anlaufen können oder ob wir, wenn das Wetter es erlaubt, direkt nach Europa durchsegeln. Von der Welt kriegen wir gerade nicht viel mit. Unsere Nachrichtenquelle ist ein Mittelwellenradio. Ansonsten bekommen wir nur einmal am Tag mit, was uns Angehörige per E-Mail schreiben, wenn wir kurz das Satellitentelefon anschalten, um das Wetter zu empfangen. So haben wir erfahren, dass die Besatzung eines französischen Flugzeugträgers der Marine an Covid-19 erkrankt ist. Da halten wir kurz inne, aber dann konzentrieren wir uns wieder auf die Aufgabe, die vor uns liegt: nach Hause kommen.

© SZ

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