Kriminalität:Schläge im Keller der Shisha-Bar

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Kriminalität: Die Angeklagten und ihre Anwälte im Düsseldorfer Landgericht: Eineinhalb Stunden dauerte das Verlesen der Tatvorwürfe.

Die Angeklagten und ihre Anwälte im Düsseldorfer Landgericht: Eineinhalb Stunden dauerte das Verlesen der Tatvorwürfe.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

In Düsseldorf stehen sieben Clan-Mitglieder vor Gericht, die in einer Villa residiert und gleichzeitig Sozialleistungen kassiert haben sollen. Nun kommen noch viel schwerere Vorwürfe ans Licht, darunter Geiselnahme und Zwangsarbeit.

Von Sabine Maguire, Düsseldorf

Bis zu 14 Stunden am Tag frisierte er den Kunden die Haare in einem Barber-Shop in Leverkusen. Sechs Tage in der Woche, überwacht von Videokameras, nur 15 Minuten Pause täglich, für knapp drei Euro die Stunde. Und als er wegen einer Corona-Erkrankung ganz ausfiel, zahlten ihm seine Arbeitgeber, Mitglieder einer berüchtigten Großfamilie, gar nichts mehr. Irgendwann reichte es dem Friseur und er kündigte. Doch da ging der Albtraum erst richtig los.

So steht es in der 127 Seiten umfassenden Anklageschrift, die der Staatsanwalt am Mittwoch in Saal E 116 des Düsseldorfer Landgerichts in Auszügen vorliest. Der Friseur ist nur einer von vielen Fällen aus einem langen Katalog an Tatvorwürfen. Auf der Anklagebank sitzen sieben Mitglieder eines Clans, der nicht zum ersten Mal auffällt, als im Juni 2021 die Polizei die Villa des mutmaßlichen Bosses in Leverkusen mit einem gepanzerten Fahrzeug stürmt und scharfe Schusswaffen sowie 360 000 Euro Bargeld beschlagnahmt. Etwa 600 Beamte waren bei der Großrazzia in 15 nordrhein-westfälischen Städten im Einsatz gewesen.

Beim Prozessauftakt in Düsseldorf wirft die Staatsanwaltschaft den vier Männern und drei Frauen im Alter von 22 bis 47 Jahren in wechselnder Beteiligung Geiselnahme und Zwangsarbeit vor, bandenmäßigen Betrug und Geldwäsche. Während sich die Anwesenden in Saal E 116 setzen, ruft einer der Angeklagten ein paar laute, unverständliche Worte, eine Frau im Publikum weint, dann ist es still. Regungslos sitzen die vier Männer und drei Frauen zwischen ihren 15 Anwälten und hören sich ungerührt an, wie der Staatsanwalt eineinhalb Stunden lang die Tatvorwürfe der Anklage auflistet.

Sonst würden sie ein Video verbreiten, das ihn beim Geschlechtsverkehr zeigt

Demnach drohten Badia Al-Z. und seine drei Söhne dem Friseur: Er könne nur gehen, wenn er die 26 000 Euro zahle, die seine Großfamilie in den Barber-Shop investiert hätte. Andernfalls würden sie ihn in einen Keller schleppen - und was ihm dort blühen würde, präsentierten sie in einem Handyvideo: darauf ein Mann, der offenbar von Clanmitgliedern gefoltert wird. Oder sie würden ein Video verbreiten, in dem er beim Geschlechtsverkehr zu sehen sei. Der Friseur bekam Panik und floh nach München. Auch dort sollen die Clanmitglieder ihn bedroht haben, am Telefon: Man sei gut mit den Hells Angels bekannt und müsse sich noch nicht mal "vor den Behörden fürchten".

Was passieren kann, wenn man sich dem Clan widersetzt, hatten auch andere Opfer zu spüren bekommen, die in der Anklageschrift auftauchen. Einen Mann hatten Mitglieder der Großfamilie demnach in ein schallisoliertes Tonstudio im Untergeschoss einer Shisha-Bar in Düsseldorf verschleppt, weil dieser angeblich eine Beziehung zu einer Frau hatte, die mit einem dem Clan nahestehenden Mann verheiratet gewesen sein soll. Im Musikstudio aufgereihte Gartengeräte sollten dem verängstigten Opfer demonstrieren, dass er erst gefoltert und dann im Wald verscharrt werden wird. Nur weil eines der Clanmitglieder befürchtete, dass ihnen der Mann wegsterben könnte, hätten sie mit den Stockschlägen aufgehört, und dem Opfer gelang die Flucht.

Von Panzern überrollte Körper, abgehackte Beine

Bei solchen Geschichten geraten einige der anderen Tatvorwürfe, die auf den 127 Seiten ebenfalls geschildert werden, zur Randnotiz. Etwa dass die Angeklagten dem Inhaber einer Pizzeria 15 000 Euro Schutzgeld abgepresst haben sollen, und der Gastronom sich am Ende dennoch in seinem demolierten Lokal wiederfand. Oder dass sie per Whatsapp Gewaltvideos des sogenannten Islamischen Staats an Minderjährige geschickt hätten, darin von Panzern überrollte Körper, abgehackte Beine und mit Macheten abgeschlagene Köpfe, wie der Staatsanwalt auflistet.

Oder dass einer der Clan-Söhne, der zuvor von Sozialleistungen lebte, im August 2018 offenbar eine Villa gekauft und sie an vermeintlich mittellose Familienmitglieder vermietet hat. Diese sollen 460 000 Euro Sozialhilfe zu Unrecht kassiert haben. Davon sollen unter anderem ein zum Kauf der Villa abgeschlossener Kredit und ein Bausparvertrag bedient worden sein. Von "Geldwäsche in Reinkultur" sprach Thomas Jungbluth, damaliger leitender Kriminaldirektor und zuständig für die Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Düsseldorf, nach der Razzia im Juni 2021.

Der Angeklagte ist noch immer Besitzer der Villa

Nur wenige Tage später waren Familienmitglieder in das Anwesen zurückgekehrt. Ob weiterhin Sozialhilfe bezogen wird, konnte NRW-Justizminister Peter Biesenbach auf Anfrage von Medien nicht sagen. Nur so viel ist bislang bekannt: Der zum Tatzeitpunkt 21-jährige Sohn des Hauptangeklagten Badia Al-Z. sitzt nun neben seinem Vater auf der Anklagebank. Er ist noch immer Besitzer der Villa, deren Wert auf eine Million Euro geschätzt wird. Erst wenn das Gericht Geldwäsche im Zusammenhang mit der Villa feststellen würde und dieses Urteil rechtskräftig werde, könne der Staat auf die Immobilie zugreifen, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Das Düsseldorfer Landgericht hat einiges an Arbeit vor sich, für die komplexe Beweisaufnahme hat die Kammer bis November 30 Verhandlungstage festgesetzt. Die Angeklagten wollen sich zu den Tatvorwürfen vorerst nicht einlassen. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu 15 Jahren.

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