bedeckt München 13°

Verlassenes Krankenhaus in Büren:Hunderte Patientenakten, frei zugänglich

Ehemaliges Hospital Büren

Büren bei Paderborn: Das ehemalige St.-Nikolaus-Hospital - insolvent und daraufhin geschlossen. Eigentlich.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Ein Youtuber spaziert in eine verlassene Klinik in Büren und findet dort alte Patientenakten und Röntgenbilder. Die Stadt lässt das Gebäude absperren, doch so richtig zuständig fühlt sich niemand.

Von Marija Barišić und Valentin Dornis

300 000 Menschen haben das Video bereits gesehen, das seit vergangenem Freitag auf Youtube zu sehen ist und den sensationslüsternen Titel: "Lostplaces: Unglaublich! Dieses Krankenhaus ist zehn Jahre zu!" trägt. Dabei wirkt das 23 Minuten lange Video auf den ersten Blick noch relativ unspektakulär: Ein junger Mann, 29 Jahre alt, Betreiber des Youtube-Kanals "ItsMarvin", bricht in ein offenes, leerstehendes Gebäude in der westfälischen Stadt Büren ein und lässt sich dabei von seinen Freunden mit der Kamera begleiten.

Mit Taschenlampen ziehen die jungen Männer durch die dunklen Flure und erkunden die offensichtlich alten Räumlichkeiten des verlassenen Gebäudes. Spätestens nach einer Minute, als der Youtuber einen großen Raum voller Kisten mit Akten betritt, weiß man: Es handelt sich um eine ehemalige Klinik und die beigefarbenen Dokumente sind mehrere hundert alte Patientenakten. Die Macher des Videos nehmen die Akten aus den Schränken, halten sie vor die Kamera, blättern darin und finden sogar Röntgenbilder.

Seit Erscheinen dieses Videos sind es vor allem zwei Fragen, die nicht nur die Stadt Büren, sondern vermutlich jeden beschäftigen, der das Video gesehen hat: Wie kann es sein, dass eine alte, aufgelassene Klinik mitsamt all den vertraulichen Patientenakten frei für jedermann zugänglich ist? Und vor allem: Wer ist dafür verantwortlich?

Sache des Eigentümers

Zum Hintergrund: Bei der alten Klinik handelt es sich um das ehemalige St. Nikolaus Hospital Büren, das nach Angaben von Bürgermeister Burkhard Schwuchow bereits im Jahr 2010 insolvent gegangen ist und daraufhin geschlossen wurde. Seit 2005 sei es in privater Trägerschaft gewesen, davor in kirchlicher. Somit liege die Zuständigkeit nicht bei der Stadt. "Trotzdem", sagt Schwuchow, "wurden die beiden Räume, in denen die Patientenakten aufbewahrt sind, am Samstag auf Initiative der Stadt und im Beisein der Polizei so verschlossen, dass niemand an die Akten gelangen kann, ohne einen erheblichen Aufwand zu betreiben." Das habe man gemacht, um die vertraulichen Patientendaten so schnell wie möglich vor "fremden Händen zu schützen", alles andere sei nun Sache des Eigentümers.

Bei diesem handelt es sich um die Grundstücksgesellschaft Nikolaus Büren, die ihrerseits wiederum zur Marseille-Kliniken AG gehört. Aber auch diese fühlt sich nicht zuständig. In einer E-Mail lässt der Anwalt des Krankenhausbetreibers kurz ausrichten, dass nicht die Marseille-Kliniken AG, sondern der Insolvenzverwalter Norbert Westhoff aus Bielefeld für die sichere Verwahrung der Krankenakten zuständig sei, "die auch zum Inventar der insolventen Betreibergesellschaft gehören", so die Anwaltskanzlei. "Für deren ordnungsgemäße Entsorgung und Lagerung ist der Insolvenzverwalter verantwortlich." Auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung reagierte der Insolvenzverwalter bis Redaktionsschluss nicht.

Laut Bürgermeister Schwuchow würden Eigentümer und Insolvenzverwalter "gerade jedenfalls noch über die Zuständigkeit streiten". Bis dahin sollen die Patientenakten vorerst hinter den verschlossenen Türen der ehemaligen Klinik bleiben. Man habe sowohl mit dem Eigentümer, als auch mit dem Insolvenzverwalter Kontakt aufgenommen und warte auf Beilegung des Streits.

Der 29-jährige Youtuber, der das Video gefilmt und publiziert hat, arbeitet hauptberuflich in der Werbebranche. Sein Youtube-Kanal hat 465 000 Abonnenten. In seinen Videos zeigt er unter anderem, wie er Fahrzeuge umbaut oder auf Abenteuer-Tour geht. Dafür sucht er mit der Kamera sogenannte "Lost Places" auf, also Orte, die seit langer Zeit verlassen sind. Auf Youtube und Instagram gibt es eine Szene von Leuten, die untereinander Tipps austauschen und von ihren Entdeckungen berichten. Die Orte sind meist seit Jahren verlassen, wirken in ihrem Verfall wie aus einem Endzeit-Film. Häufig sind dort auch noch Werkzeuge, Möbel oder eben Unterlagen zu finden.

"Die Stadtverwaltung muss davon gewusst haben"

Bei all diesen Unternehmungen kann es schnell Probleme mit dem Gesetz geben: Schließlich ist es Hausfriedensbruch, unbefugt fremdes Gelände zu betreten und sich Zutritt zu Gebäuden zu verschaffen, so auch im Falle des Bürener Krankenhauses. Am Mittwoch teilte die Polizei mit, man habe nun eine Strafanzeige wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs aufgenommen. Details wurden nicht bekannt gegeben, auch nicht, ob sich die Ermittlungen gegen den Youtuber richten.

Mit seinem Video wollte der 29-Jährige nach eigenen Aussagen die Stadtverwaltung nicht an den Pranger stellen. Dass diese nichts von dem frei zugänglichen Gebäude gewusst hat, glaubt er allerdings nicht: "Die Stadtverwaltung muss davon gewusst haben. Mir haben Leute geschrieben, dass sie sich an die Stadt gewandt hatten. Es ist doch schade, dass die Bürger offenbar einen besseren Draht zu mir haben als zum Bürgermeister." Auch mit dem Eigentümer der verlassenen Klinik, der Marseiller Kliniken AG, habe er Kontakt. Diese hätte ihm versichert, keine rechtlichen Maßnahmen gegen ihn vornehmen zu wollen.

© SZ/nas

Fotos von "Lost Places"
:Der Reiz des Morbiden

Vergessene Orte, verlassene Fabrikhallen, Geisterhäuser: Viele Fotografen suchen den Kitzel der Vergänglichkeit. Sie finden ihn in den Alpen, an Plätzen aus DDR-Zeiten.

Von Titus Arnu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite