Fotos von "Lost Places" Der Reiz des Morbiden

Ein ehemaliges Klassenzimmer in Tschernobyl. Es gibt sogar Fototouren durch die verlassene Zone.

(Foto: Peter Untermaierhofer)

Vergessene Orte, verlassene Fabrikhallen, Geisterhäuser: Viele Fotografen suchen den Kitzel der Vergänglichkeit. Sie finden ihn in den Alpen, an Plätzen aus DDR-Zeiten.

Von Titus Arnu

Die Wände sind mit Efeu überwuchert, vor den Haustüren wachsen Wälder aus Brennnesseln. Wurzeln zerstören das Mauerwerk, die Dächer sind mit Moos bedeckt. Im Superzeitlupentempo erobert die Natur eine ganze Siedlung zurück: Die Gemeinde Gena Alta, auf 800 Meter Höhe in den Dolomiten bei Belluno gelegen, wurde schon im Jahr 1966 verlassen. Seit gut 50 Jahren verwandelt sich das ehemalige Bergdorf in einen unwirklich anmutenden Geisterort.

Gena Alta erreicht man nur zu Fuß durch eine Höhenwanderung, aber die Hobby- und Profifotografen kommen trotzdem in Scharen, besonders gerne zur Dämmerung oder wenn es in den Bergen neblig ist. Dann wirkt die Szenerie besonders spukhaft. Der deutsche Fotograf Stefan Hefele machte ein Foto der Ruinen, als sich gerade ein Regenbogen über das Tal spannte und im Hintergrund Wolken um die Dolomiten-Gipfel waberten. Ein sehr spezieller Moment mit einer eigentümlichen Stimmung zwischen Fantasy, Gruselfilm und Naturfotografie.

Auf der Jagd nach dem verlassenen Ort

Je abgelegener, umso besser: "Urbexer" stellen Fotos von einsamen Plätzen ins Netz, verraten die genaue Lage jedoch nicht. Trotzdem kommen sie sich manchmal in die Quere. Von Sarah Mahlberg und Lea Zurborg mehr ...

Hefele hat verlassene Orte in den Alpen aufgesucht - stillgelegte Minen, leer stehende Bauernhöfe und vergammelte Gasthäuser - und sie mit seiner Kamera in Szene gesetzt. "Geisterhäuser" heißt sein Fotoprojekt, das nun als Bildband erscheint. Für den Landschaftsfotografen, der besonders gerne in den Bergen unterwegs ist, sind Aufnahmen von verlassenen Orten so spannend, weil sie eine "Verschmelzung von Landschaft und Architektur" darstellen. "Ein verlassenes Gebäude birgt meistens einen gewissen Gruselfaktor", sagt Stefan Hefele. "Da springt das Kopfkino an." In einem verlassenen Bauernhaus etwa fiel ihm eine Weinkaraffe auf einem Holztisch auf, daneben stand ein Kinderstuhl, das Sofa war von Spinnweben überzogen. "Da fragt man sich schon: Was ist dort passiert?"

Der Bildband mit den verlassenen Alpen-Orten reiht sich ein in eine Flut anderer Bildbände, Blogs und Webseiten zum Thema. Das Sujet "Lost Places" ist seit einigen Jahren in Mode. Renommierte Profi-Fotografen stapfen mit ihren Großbildkameras ebenso in pittoresken Bruchbuden herum wie Instagram-Knipser mit ihren Smartphones. Auf Internetseiten wie Lost-place.org stellen Freunde der morbiden Ästhetik Hunderte Fotos von verlassenen Orten ein. Hobbyfotografen präsentieren auf den einschlägigen Seiten stolz ihre schönsten Geisterhäuser. Hardcore-Fans in diesem Bereich nennen sich "Urban Explorer" oder kurz "Urbexer" - sie gehen auf Expedition in verfallenen Fabrikhallen, leer stehenden Villen und still gelegten Bahnhöfen. Meist ist es verboten, solche Orte zu betreten, was den Reiz natürlich noch erhöht.

Christian Süllhöfer, im Hauptberuf Online-Marketing-Berater in Wuppertal, sucht in seiner Freizeit verlassene Orte und dokumentiert seine Funde auf dem Blog Lost-place.org. Besonders interessant fand er die Cristallerie val Saint Lambert in Belgien, eine Glasbläserei aus dem Jahr 1826, die relativ gepflegt wirkte, als er sie betrat. In den verlassenen Fabrikhallen standen verstaubte Gläser und Karaffen, die dort hergestellt worden waren. In einem stillgelegten Krankenhaus wunderte sich Süllhöfer: "Das sah so aus, als wäre die Klinik fluchtartig verlassen worden. Da standen noch Krankenakten rum und Gerätschaften, das hat mich sehr verwundert." Er stöberte auch in einem leer stehenden Bordell in Nordrhein-Westfalen und einem ehemaligen Mädchengymnasium in Belgien herum. Man erahnt, dass viele persönliche Geschichten an diesen Orten versteckt sind, sie hallen nach und schwingen quasi geisterhaft auf den Bildern mit.

Muss man von allen guten Geistern verlassen sein, um sich unter Lebensgefahr in baufälligen Häusern herumzutreiben, nur um ein Foto von einem vergammelten Bett, einem efeuüberwucherten Tresen oder einem verfaulten Dachboden zu machen? Und woher kommt die Faszination solch verlassener Orte?

Ein spezielles Ambiente, das die Fantasie anregt

"Es sind Zwischenwelten", sagt Stefan Hefele, "eigentlich gibt es sie nicht mehr, aber sie sind doch noch da." Teilweise hat er nachrecherchiert, was an den Orten passiert war, bevor sie verlassen wurden, aber viel bekam er nicht raus. Beim Fotografieren in einer verlassenen Villa in den italienischen Alpen wusste er, dass ein Mann zuletzt alleine in dem Gebäude gelebt hatte, Frau und Tochter waren unter ungeklärten Umständen in den umliegenden Wäldern verschwunden. Allein dieses Wissen über die früheren Bewohner empfand der Fotograf als latent gruselig, dazu kommt noch das spezielle Ambiente, das die Fantasie anregt. "Solche halb verfallenen Gebäude geben oft Geräusche von sich," erzählt Hefele, "da hört man es knarren, knirschen, klirren." Hinzu kommen die modrigen Gerüche.

Viele Fotografen lassen sich davon nicht abschrecken. Mitunter treten sie sich an den vergessenen Orten fast gegenseitig auf die Füße. Besonders beliebte Lost Places wie der Spreepark Plänterwald in Ostberlin, ein 2002 geschlossener Vergnügungspark mit verrostetem Riesenrad, kaputten Karussells und überwucherten Märchenfiguren, sind inzwischen mit meterhohen Zäunen abgeschottet, weil sich zu viele Fotografen auf dem Gelände herumtrieben. Unter den Hashtags #spreepark und #lostplacesgermany findet man trotzdem Zehntausende Bilder des baufälligen Rummelplatzes im Netz.