Brückeneinsturz in Genua "Wir werden nicht aufhören zu suchen"

  • Auch über Nacht ist die Suche nach den Opfern des Brückeneinsturzes in Genua fortgesetzt worden.
  • Mindestens 37 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, es gibt zahlreiche Schwerverletzte. Unter den Todesopfern sind auch Kinder.
  • Die Morandi-Brücke, über die die Autobahn A 10 führt, war am Dienstagmittag auf einer Länge von etwa 100 Metern eingestürzt.
  • Dem Autobahn-Betreiber zufolge wurde zum Zeitpunkt des Unglücks an der Brücke gearbeitet, um das Fundament der Fahrbahn zu verstärken.

Nach dem Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua haben Rettungskräfte in der Nacht ihre Suche nach Opfern fortgesetzt. "Die ersten Opfer an der Oberfläche konnten in Sicherheit gebracht werden, jetzt muss unter den Trümmern der Häuser gesucht werden, aber da sind Tausende Tonnen Beton", sagte der aus Frankreich zur Verstärkung eingetroffene Feuerwehrmann Patrick Villardry der Nachrichtenagentur AFP. Der Einsatz sei äußerst schwierig.

Die "Morandi"-Brücke war am Dienstag auf einem rund 100 Meter langen Teilstück eingestürzt. Bis zum frühen Morgen lag die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer laut der zuständigen Präfektur bei 37. Darunter seien drei Minderjährige im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren.

Suche in den Trümmern

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Auch in der Nacht sind immer noch Sirenen zu hören. Stetig rollt neues Rettungsgerät an. Helfer von Militär, Feuerwehr, Polizei und der italienischen Bundespolizei versuchen, sich mit Raupen und Kränen einen Weg durch die Trümmer zu bahnen, die in das ausgetrocknete Flussbett unterhalb der Brücke gestürzt sind. Erschöpfte Suchhunde werden so schnell es geht durch neue abgelöst. Auch mit spezieller Lasertechnik versuchen die Helfer, Überlebende zu finden. "Wir werden nicht aufhören zu suchen", sagte der Einsatzleiter des Zivilschutzes, Luigi D'Angelo.

Ein Anwohner berichtet, er habe gesehen, wie die Brücke auf ein kleines, gelbes Haus gestürzt sei. Das habe danach ausgesehen, wie eine Banane, die jemand zerstampft habe, sagt er. Zum Glück sei niemand zu Hause gewesen. In der Gegend sind gerade noch Ferien.

Nach dem ersten Schrecken über das Unglück richtet sich der Blick nun zunehmend auf dessen Ursachen. Erste Spekulationen drehen sich um eine womöglich zu schwache Brückenspanne. Der Einsturz der Autobahnbrücke sei nicht zu akzeptieren, sagte Verkehrsminister Danilo Toninelli. "Wer auch immer einen Fehler gemacht hat, muss bezahlen".

Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella nannte das Unglück "erschreckend und absurd". Genua und ganz Italien seien von einer Katastrophe getroffen worden. "Italiener haben das Recht auf moderne und effiziente Infrastruktur, die sie sicher durch ihren Alltag bringt", sagte er. Regierungschef Conte sagte, die "gesamte Infrastruktur" Italiens müsse überprüft werden. "Wir dürfen nicht zulassen, dass sich eine solche Tragödie wiederholt." Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schickten Beileidsbekundungen.

Die Morandi-Brücke stammt aus den Sechzigerjahren, immer wieder hatte es in der Vergangenheit Berichte über Baumängel gegeben. Der Autobahn-Betreiber Autostrade per l'Italia erklärte, es seien zum Zeitpunkt des Unglücks Arbeiten im Gange gewesen, um das Fundament der Fahrbahn zu verstärken. "Die Arbeiten und der Gesamtzustand der Brücke wurden ständig überwacht", teilte das Unternehmen mit. Die Einsturzursache werde gründlich untersucht, sobald die Unglücksstelle begehbar sei.

"Eine gewaltige Tragödie"

Nach dem Einsturz einer Autobahnbrücke bei Genua bekunden europäische Politiker ihr Beileid. Und in Italien gehen die Schuldzuweisungen los - via Twitter. mehr ...

Ein Anwohner namens Giancarlo, der den Abend nach dem Unglück bei einer Tüte Chips und einem Glas Wein in der Bar Eridania verbrachte, hat sich seine Meinung über die Ursache der Tragödie bereits gebildet. "Das Ding war nicht mehr zu warten, das war einfach nur noch abzureißen", sagte er der SZ.

Die Autobahn A10, die an die Riviera und nach Südfrankreich führt, war zur Mittagszeit üblicherweise stark befahren. Das eingestürzte Teilstück des Polcevera-Viadukts - auch Ponte Morandi genannt - misst etwa 100 Meter und liegt zwischen Sampierdarena und Cornigliano im Westen Genuas. Insgesamt ist die Brücke etwa einen Kilometer lang und erstreckt sich über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet. Beim Brückeneinsturz kamen auch Gebäude zu Schaden, in der Nähe der Brücke wurden vorsichtshalber Gebäude evakuiert.

Seit Montagabend toben in der Region heftige Gewitter. Augenzeugen wollen einen Blitz gesehen haben, der kurz vor dem Einsturz in die Brücke einschlug. Die Behörden vermuten "strukturelle Schwächen am Bau" als Auslöser des Brückeneinsturzes. Das Unglück ereignete sich bei sintflutartigem Regen. In Medienberichten heißt es, dass durch die Wassermassen Teile des Fundaments aufgeweicht oder weggeschwemmt worden sein könnten.

Die Autobahn A 10 bleibt nun für unbestimmte Zeit auf weiter Strecke gesperrt: zwischen dem Autobahnkreuz mit der A 7 und dem Flughafen Genua in beiden Richtungen, wie der ADAC mitteilt. Der Fährhafen ist demnach weiterhin über die A 7 von Norden aus erreichbar. Reisende dürften die Auswirkungen im Großraum Genua auch noch in den kommenden Wochen spüren.

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