Berlin:Rennstrecke Kudamm

Raser in Berlin: Unfall nach einem illegalen Straßenrennen auf dem Kudamm

In diesem Kleinwagen saßen die beiden schwer verletzten Unfallopfer: Der Wagen war bei dem Unfall auf dem Kurfürstendamm von der Seite getroffen worden und landete auf dem Dach.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Zwei Menschen werden bei einem Zusammenstoß in Berlin schwer verletzt. Die Verursacher flüchten zu Fuß, sie sollen an einem Wettrennen teilgenommen haben. Warum ist die Stelle nicht besser überwacht?

Von Moritz Geier

Geschichte wiederhole sich nicht, so lautet eine bekannte Weisheit, "aber manchmal reimt sie sich". Am Montagabend bewahrheitete sich der Spruch wieder einmal: Die Bilder der völlig verbeulten und demolierten Fahrzeuge, die da auf dem Kudamm in Berlin herumstanden, im Blaulicht der Polizei- und Feuerwehrwagen, die hatte man ja nicht zum ersten Mal gesehen.

Zwei Menschen sind am Montag auf dem Kurfürstendamm in Charlottenburg schwer verletzt worden. Eine 45 Jahre alte Frau und ihre 17-jährige Tochter, so steht es am nächsten Morgen im Polizeibericht, waren abends gegen halb zehn in einem Ford auf dem Kurfürstendamm in Richtung Brandenburgische Straße unterwegs. An der Ecke Cicerostraße sei die Frau dann mit einem entgegenkommenden BMW zusammengestoßen. "Durch den Zusammenprall kippte der Ford auf die linke Seite und blieb liegen. Der BMW schleuderte nach rechts und prallte gegen drei weitere geparkte Autos."

Unfallverursacher flüchten zu Fuß

Die Frau erlitt dabei laut Polizei lebensgefährliche, die Tochter schwere Verletzungen. Die Fahrerin musste von Rettungskräften reanimiert werden, bevor sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Auch zwei Zeugen des Unfalls wurden leicht verletzt, Trümmerteile sollen hundert Meter durch die Luft geflogen sein. Wegen der Rettungsmaßnahmen war der Kurfürstendamm streckenweise bis drei Uhr nachts in alle Richtungen gesperrt, die Feuerwehr war mit 36 Einsatzleuten vor Ort.

Von den Insassen des schweren BMW fehlte dagegen noch am Dienstag jede Spur. Nach dem Unfall sollen sie zu Fuß in Richtung Halensee geflüchtet sein, anscheinend nahezu unverletzt. Im Raum steht mal wieder der Verdacht, dass sie an einem illegalen Autorennen beteiligt gewesen sein könnten, so lassen es erste Zeugenaussagen vermuten. Zwei weitere, noch unbekannte Fahrzeuge sollen womöglich in dieses Rennen verwickelt gewesen sein. Die Polizei hofft, weitere Zeugen zu finden.

500 Meter "freie Bahn"

Auf dem Kurfürstendamm hat es schon mehrmals gekracht, immer wieder wegen illegaler Rennen. Der Streckenabschnitt sei bei Rasern beliebt, schreibt der Tagesspiegel, da es "zwischen Joachim-Friedrich-Straße und Adenauerplatz keine Ampeln gibt, also 500 Meter ,freie Bahn'".

Wäre es also nicht sinnvoll, die Stelle umfassender zu überwachen? Ein Sprecher der Berliner Polizei konnte keine Auskunft darüber geben, ob an der Stelle Kameras zur Verkehrsüberwachung angebracht sind. Ständige Blitzgeräte stelle die Polizei dagegen "nur an Unfallschwerpunkten" auf, Stellen, an denen es mehrmals pro Woche zu Unfällen komme. "Ein einzelner schwerer Unfall ist noch kein Unfallschwerpunkt", sagt der Sprecher zum Kurfürstendamm.

2017 bretterte ein 23-Jähriger nahezu an derselben Stelle mit hoher Geschwindigkeit in das Fahrzeug eines 28-Jährigen, vier Menschen wurden verletzt. Ein Jahr davor, im Februar 2016, war es auf dem Kudamm zum bisher folgenreichsten Vorfall gekommen: Zwei Männer hatten sich ein Wettrennen geliefert, mit bis zu 170 Stundenkilometern waren sie durch die Innenstadt gerast. An einer Kreuzung am Kurfürstendamm kollidierte einer der beiden mit einem Jeep. Dessen Fahrer, ein 69 Jahre alter Rentner, war sofort tot. Den kaum verletzten Rasern wurde der Prozess gemacht, der Fall schrieb 2017 Rechtsgeschichte: Zum ersten Mal wurden in Deutschland Teilnehmer eines illegalen Autorennens wegen Mordes verurteilt.

Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hob das Urteil zwar ein Jahr später wegen Rechtsfehlern wieder auf, im Juni 2020 aber bestätigte der BGH ein erneutes Mordurteil des Landgerichts gegen einen der Unfallfahrer. Der Fall des zweiten Angeklagten wird neu verhandelt.

Nach dem tödlichen Unfall 2016 habe die Polizei Berlin "zielgerichtete Verkehrsüberwachungsmaßnahmen" deutlich intensiviert, schreibt Polizeioberkommissar Martin Halweg auf SZ-Nachfrage. Rennen würden "überall im Stadtgebiet" registriert. 2019 habe es auf dem Kurfürstendamm "71 Verkehrssonderkontrollen zur Bekämpfung verbotener Kraftfahrzeugrennen" gegeben.

Über bauliche Maßnahmen, die den Streckenabschnitt für Raser weniger geeignet machen könnten, denken die Berliner Behörden nicht nach. Das Problem könne "aus unserer Sicht nicht durch Straßeninfrastruktur gelöst werden, sondern am ehesten durch konsequente Kontrolle, Sanktionierung und Strafverfolgung", teilt ein Sprecher der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz mit. "Schwellen oder ähnliche Einbauten" würden sich auf einer solchen Hauptverkehrsstraße nicht eignen, da sie auch Rettungsdienste behinderten.

© SZ/zip
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