Oldtimer:Mut zum Schmutz

Oldtimer: Hanns-Lüdecke Rodewald in seinem seit 46 Jahren nicht mehr gewaschenen Opel. Das Auto gilt mittlerweile als eine der Sehenswürdigkeiten von Berlin-Kreuzberg.

Hanns-Lüdecke Rodewald in seinem seit 46 Jahren nicht mehr gewaschenen Opel. Das Auto gilt mittlerweile als eine der Sehenswürdigkeiten von Berlin-Kreuzberg.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Wie oft muss man eigentlich sein Auto waschen? Nie, behauptet der Berliner Hanns-Lüdecke Rodewald und tritt mit seinem 67 Jahre alten Opel den Beweis an.

Von Martin Zips

Das schreckliche Geschwätz der Nachbarschaft ist es ja meist, was einem so zusetzt. Da hat man also ein Auto, schon die Wahl des Modells war - wenn man ehrlich ist - einem gewissen gesellschaftlichen Druck der Umgebung geschuldet, und nun ist es dreckig. Wobei sich die Frage stellt, ob es auch diesmal wieder der teure Alufelgen-, Wachs- und Unterbodenschutz in der Waschanlage sein muss oder ob ein einfacher Regenguss reicht.

Seit 46 Jahren hat der pensionierte Berliner Professor Hanns-Lüdecke Rodewald seinen Opel Olympia Caravan (Baujahr 1956) nicht mehr gewaschen. Ein Experiment, wie der Experte für Kraftfahrzeugtechnik der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft gerade der Deutschen Presse-Agentur erklärt hat: Wie lange läuft so ein Auto eigentlich, wenn man immer nur das Nötigste repariert? Also ohne Beauty-Behandlung und so. Mittlerweile wachsen auf und in Rodewalds Auto Moose und Flechten, doch die aktuelle TÜV-Plakette tangiert das nicht.

Oldtimer: Das Interieur des Opel Olympia - nicht ganz auf dem Stande der heutigen Technik.

Das Interieur des Opel Olympia - nicht ganz auf dem Stande der heutigen Technik.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Natürlich sollte sich nun niemand wundern, dass die Karre wegen ihres liederlichen Aussehens seit Jahrzehnten der Berliner Polizei sowie weiteren Behörden ein Dorn im Auge ist. In einem Land, welches größten Wert auf Sauberkeit und Insta-Optik legt, fällt es eben auf, wenn Lack plötzlich zum Urwald wird. Doch der dreimalige Versuch des Ordnungsamts, Rodewalds Auto als Abfall zu deklarieren, scheiterte. Ebenso die Zwangsstilllegung durch die Polizei - bereits im Jahre 1995. Und es fährt ja! Lediglich beim Anlassen hat der Besitzer gelegentlich Probleme, vielleicht wegen der Mykorrhizae, welche sich mittlerweile auch im Motorraum ausgebreitet haben.

Autohersteller empfehlen eine Wäsche pro Monat

Was freilich auch als früher Protest gegen die einst vor allem in der Bundesrepublik weit verbreitete Unsitte, sein Gefährt samstags in der heimischen Einfahrt zu reinigen, gesehen werden kann, das wirkt heute angesichts von etwa 1850 Waschstraßen, 14 000 Portalwaschanlagen und 2400 SB-Autowaschanlagen im Land eher infantil. An Tankstellen oder neben Einkaufszentren übernehmen - unter strengen, die Umwelt schonenden Auflagen - sogenannte geschlossenzellige Polyethylen-Schaumstoffwalzen die Arbeit. Warum da noch den Konflikt mit Behörden suchen? Was die Häufigkeit betrifft, so gibt es bei der Wäsche allerdings unterschiedliche Ansichten: Während Hersteller und Verbände eine Reinigung pro Monat empfehlen (so praktiziert es auch etwa ein Drittel der Deutschen), raten Umweltverbände eher zum Verzicht. Doch Vorsicht: Das von Winterdiensten bei großer Kälte auch hierzulande eingesetzte Calciumchlorid frisst sich gerade bei älteren Modellen doch recht munter in Rohr und Feder, weshalb eine zumindest saisonale Süßwasserdusche als durchaus sinnvoll betrachtet werden kann.

Den Winter übrigens meidet Professor Rodewald mit seinem einst grünen, heute eher grau-braunen Automobil. Man muss Akzente setzen: Wer Wert auf Flora und Fauna im Fortbewegungsmittel legt, der muss nicht zusätzlich noch die Herausforderung auf alpinen Passstraßen suchen. Generell aber, da erhält der Fahrzeugführer Rückenwind von der Wissenschaft, zeichnet sich sein Langzeitexperiment in Sachen Nachhaltigkeit durch einen geradezu wegweisenden Charakter aus.

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