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SZ-Serie Dorfdynastien:"Einfach hineingewachsen"

Serie: Dorf Dynastien

Peter Hierl ist stolz auf die alte Handwerkskunst.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Name Hierl steht in Wolfratshausen seit 1862 für das Handwerk der Sattler, Tapezierer und Raumausstatter. Peter Hierl führt den Betrieb in fünfter Generation - und hofft auf eine Übernahme durch seinen Enkel Kilian

Von Konstantin Kaip

Der Name Hierl gehört schon sehr lange zur Wolfratshauser Altstadt. Das gleichnamige Geschäft am Untermarkt 47 gibt es schließlich bereits seit 1862. "Raumausstattung" steht in großen Lettern vor dem Namen über dem Laden, den Peter Hierl in fünfter Generation betreibt. Was dort früher war, kann man in altdeutscher Schrift auf dem Schild lesen, das der Historische Verein Wolfratshausen an der Fassade angebracht hat: "Zum Untersattler" steht dort weiß auf blau. In den Schaufenstern sind handbezogene Möbel zu sehen, Bettwäsche und an einer Wäscheleine aufgehängte Gesichtsmasken. Die Aufkleber an den Scheiben weisen auf das 150-jährige Bestehen des Familienbetriebs hin, mittlerweile auch schon seit acht Jahren.

Serie: Dorf Dynastien

Die Gesellen und der Stift, wie der Lehrling genannt wurde, präsentieren die ledernen Pferdekummats, die sie gefertigt haben.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Im Laden muss Peter Hierl noch zwei Kunden bedienen: Er hat mehrere Sitzflächen alter Stühle neu gepolstert und bezogen. Eine packt er aus, das Ehepaar begutachtet zufrieden den königsblauen Bezug mit weißem Muster. "Einen Reservestoff haben Sie?", fragt der Meister. Die beiden nicken und verabschieden sich. Corona habe sein Geschäft eher beflügelt, sagt Hierl. "Die Leute sind die ganze Zeit zu Hause und merken, was alles kaputt ist." Und weil Hierl seit mehr als 40 Jahren alte Möbel restauriert, kennt man ihn nicht nur in Wolfratshausen, sondern auch am Starnberger See und in München. Mit Aufträgen sei er eingedeckt, sagt der 72-Jährige, bevor er sich an den Tisch setzt und die Geschichte seiner Familie in Wolfratshausen erzählt.

Sattleranwesen Nummer 135

Begonnen hat sie mit seinem Urgroßvater Karl Hierl, der als Sohn eines Sattlers mit seiner Ehefrau Franziska aus Taufkirchen an der Vils nach Wolfratshausen zog, wo er das Sattleranwesen Nummer 135 nebst "realer Sattlergerechtsame" von Bartholomäus Leidl übernahm. Der Betrieb war damals noch umgeben von Handwerksbetrieben: Gegenüber war der Weißgerber, daneben der Schmied, am Birnmühlplatz drehte sich noch das Rad einer wasserbetriebenen Mühle. Die Geschichte des Hauses sei also noch deutlich älter als die seiner Familie in der Stadt, sagt Peter Hierl. Schon bei der Sendlinger Bauernschlacht 1705, erzählt er, soll ein Geselle des Untersattlers aus Wolfratshausen teilgenommen haben. Zum Anwesens am Untermarkt, in dem er, seine Frau und seine Tochter auch wohnen, gehören heute noch ein weiteres Häuschen, der Selbstversorgergarten Richtung Bergwald und die Werkstatt, die sein Vater 1946 aus Ziegeln des Münchner Kriegsschutts gebaut hat.

Sein Urgroßvater sei noch als Störarbeiter zu den Höfen gegangen, um sein Handwerk dort zu verrichten, wo es gebraucht wurde, erzählt Hierl. Sein Großvater Georg, der den Betrieb 1896 übernommen hatte, habe dann sein Warensortiment umgestellt. "Man muss mit der Zeit gehen", sagt Hierl. Zum Beleg zeigt er eine Annonce von 1926, die auch auf der Broschüre zum 125. Firmenjubiläum von 1987 abgedruckt ist. "Sattlermeister, Tapezierer und Wagenbaugeschäft", steht dort geschrieben. Zu den genannten Anfertigungen zählen neben Pferdegeschirr und -decken auch schon Möbel sowie Treibriemen für Mühlen und Dreschmaschinen und "Rucksäcke in allen Größen und Preisklassen". Hierl hat auch noch ein Foto aus der Zeit seines Großvaters: Es zeigt links und rechts die beiden Gesellen mit den ledernen Pferdekummats, die sie hergestellt haben, in der Mitte den noch kindlich wirkenden Stift - "der Sailer Michael aus Königsdorf", wie Hierl erklärt. Vor den Arbeitern mit ernsten Gesichtern, Weste und Schleife sitzen zwei blonde Kleinkinder mit weißen Jäckchen. Rechts sein Vater Georg junior, der das Geschäft 1936 als Tapezierermeister übernahm, links sein Onkel Karl, der Architekt wurde.

Das Bild wirkt heute anachronistisch, nicht nur wegen der Kleidung und weil die beiden Töchter, die sein Großvater ja auch hatte, darauf fehlen. Es symbolisiert ein Hineingeborenwerden in einen Betrieb, das heute nicht mehr selbstverständlich ist, das Peter Hierl jedoch, genau wie sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater, nicht anders kannte. 1977 hat er als Erstgeborener das Geschäft am Untermarkt übernommen, nachdem er in München seinen Meister gemacht hatte. Auf die Frage, ob das für ihn als jungen Mann auch eine Last war, zuckt der 72-jährige mit denn Schultern. Sein Vater habe Knieprobleme gehabt, vom vielen Stehen und den zahlreichen Bodenbelägen, die er verlegt hatte, sagt er. "Ich musste oft aushelfen und bin da einfach hineingewachsen."

Für seinen Beruf hat Hierl eine Leidenschaft entwickelt, die man spürt, wenn er darüber spricht. "Wir legen Wert auf alte Handwerkskunst", sagt er über sein Hauptgeschäft, die Restauration antiker Möbel. Schaumstoff nutze er nur, "wenn es sein muss". Ansonsten arbeite er mit alten Polstermaterialien wie Rosshaar oder Seegras, das von der Ostsee geliefert werde. "Jedes Möbel", weiß Hierl, "braucht seine individuelle Verarbeitung."

Hierl, der auch Bodenbeläge in Teppich und Kunststoff, Bettwäsche und Vorhänge macht, hat in seiner Laufbahn bereits ein gutes Dutzend Gesellen ausgebildet, auch mal mehrere Angestellte gehabt. Inzwischen aber ist die Raumausstattung ein reiner Familienbetrieb. Seine Frau Karin, die er einst auf einem Wolfratshauser Faschingsball kennengelernt hat, kümmert sich um den Laden und den Kundenkontakt. Seine Tochter Andrea ist in der Werkstatt für die Stoffe zuständig. "Ich habe ihr alles beigebracht", sagt der 72-Jährige.

"Jeden Tag in der Werkstatt"

Bemerkenswert ist auch der gerahmte Gesellenbrief, der an einem Stuhl im Laden lehnt. Es ist der seines Enkels Kilian, Jahrgang 2001. Der sei gerade auf der Meisterschule für Raumausstatter in Stuttgart, sagt Peter Hierl. Der Übergang in die nächste Generation scheint also gesichert. Peter Hierl gibt sich vorsichtig. "Man weiß natürlich nicht, was in den jungen Leuten vorgeht", sagt er zu einer möglichen Übergabe an seinen Enkel. "Aber wir haben ihm die ganzen Voraussetzungen gegeben." Etwas Entlastung, stellt der 72-Jährige klar, könne er jedenfalls gut brauchen. "Ich bin immer noch jeden Tag in der Werkstatt."

Peter Hierl ist stolz auf seinen Enkel, den Jüngsten in einer langen Reihe - und den einzigen seiner Generation, der in Wolfratshausen den Familiennamen trägt. Denn sein Bruder Georg, der Beamter bei der Stadt war und im vergangenen Jahr gestorben ist, blieb kinderlos, genau wie die Tochter seines Onkels Karl. Weit verzweigt ist die Familie also nicht. Ihre Geschichte aber, die so eng mit dem Laden am Untermarkt verbunden ist, geht weiter.

In zwei Jahren feiert der Familienbetrieb sein 160-Jähriges Bestehen. "Vielleicht machen wir einen Tag der offenen Tür", sagt Peter Hierl. "Wenn das bis dahin wieder erlaubt ist."

© SZ vom 05.01.2021/van
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