Fortwirtschaft im Wandel:Wie wird der Wald weiblicher?

Fortwirtschaft im Wandel: Zum Thema Jungbestandspflege haben die Waldbesitzerinnen viel zu sagen - und zu fragen.

Zum Thema Jungbestandspflege haben die Waldbesitzerinnen viel zu sagen - und zu fragen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Damit auch Frauen in der männlichen Domäne Fuß fassen, setzen Waldbesitzerinnen und Försterinnen auf Schulungen und Vernetzung.

Von Veronika Ellecosta, Bad Tölz-Wolfratshausen

Im Weiler Eulenschwang bei Egling gibt es kein Handynetz, keine Gästezimmer und keine Bushaltestelle. Der Ertl-Hof steht dort seit 1490. Auf dem Ertl-Hof gibt es Pensionspferde, und um den Hof herum Wald, viel Wald. Um etwa 40 Hektar Holz muss Familie Westner sich kümmern, das heißt: den Bestand pflegen und verjüngen, den Nachwuchs vor Verbiss schützen, den Wald im Winter durchforsten, Bäume auf den Borkenkäfer untersuchen, das Holz ernten.

Die Landwirtin auf dem Ertl-Hof ist seit einigen Jahren eine junge Frau: Dorothea Westner, 36, lautes Lachen, kariertes Hemd, lehnt sich aus der Tür. Draußen regnet es, deshalb schlägt sie zum Gespräch die Stube vor. Ein Kachelofen, ein Schrank mit Festkrügen, ein Schaukelstuhl am Fenster und ein großer Holztisch, damit ist der Raum ausgefüllt.

Bevor Westner den Hof übernahm, hatte sie als Diätassistentin gearbeitet. Warum ist sie Landwirtin geworden? "Es kommt, wie es kommt", sagt sie lachend. Mit dem Holz und dem Wald sei sie zwar aufgewachsen, aber interessiert habe sie sich dafür erst in ihren Zwanzigern. Bei ihrem Vater war das anders. Der Großvater war vom Krieg gezeichnet, hatte nur noch einen Arm. Ihr Vater ging mit 14 schon ins Holz, "der kann im Wald alles".

Fortwirtschaft im Wandel: "Die Arbeit ist schwer, aber sinnvoll. Ich bin fast immer draußen. Ich bin da einfach frei", sagt Dorothea Westner über ihre Tätigkeit im Wald.

"Die Arbeit ist schwer, aber sinnvoll. Ich bin fast immer draußen. Ich bin da einfach frei", sagt Dorothea Westner über ihre Tätigkeit im Wald.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Seit einigen Jahren stellen Forschende im Forstsektor einen Wandel fest: An den Universitäten schreiben sich immer mehr Studierende in entsprechende Fächer ein, die Zahl der Försterinnen, Jägerinnen und Waldbesitzerinnen steigt. Laut einer Rechnung von der dritten Bundeswaldinventur gibt es Stand 2019 beim privaten Waldbesitz in Bayern einen Frauenanteil von 40 Prozent. Bei der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen sind 191 Frauen von 1426 Mitgliedern im Register eingetragen, sagt Geschäftsführer Florian Loher. Das sind lediglich 13,4 Prozent, aber Loher beobachtet, dass es mehr werden.

Geschlechterklischees

Die steigende Zahl der Waldbesitzerinnen führt er unter anderem auf strukturelle Gründe zurück. Seit Jahren sinkt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern kontinuierlich. Zwar ist im Freistaat die Erbfolge für Bauernhöfe nicht gesondert geregelt, aber oft wird aus Traditionsbewusstsein der Hof an den ältesten Sohn weitergegeben. Wird ein Betrieb aufgegeben, wird der Besitz unter den Erbinnen und Erben aufgeteilt, und auch Frauen fällt dann Wald zu. Die bayerische Landesanstalt für Forstwirtschaft nennt noch andere Gründe dafür, dass der Wald weiblicher wird. Aufweichende Rollenbilder und Bewusstsein um den Klimawandel. Wie steht es also um die Gleichberechtigung im Forst?

Da gibt es zum einen die hartnäckige kulturelle Deutung von Wald. Wald ist Natur, und Natur wird hierzulande oft weiblich assoziiert, steht für Passivität, Mütterlichkeit und Fürsorge. Nicht nur im Ökofeminismus wird Naturschutz deshalb zum Anliegen von Frauen, die wirtschaftliche Nutzung und mitunter auch Ausbeutung von Wald und Natur werden hingegen als männliches Agieren verstanden. Geschlechterbilder, die sich auf den Umgang mit dem Wald auswirken zu scheinen: Diverse Studien kamen zum Schluss, dass Waldeigentümerinnen tendenziell weniger Holz schlagen als Männer, dass sich diese hingegen lieber mit Holzwirtschaft beschäftigen, Frauen häufiger in Bereichen wie Waldpädagogik und Öffentlichkeitsarbeit vertreten sind.

Alexandra Gibis, Försterin im Revier Kochel, kann dem nur zustimmen. Sie selbst sei in den vergangenen Jahren etwa immer wieder mit Projekten in der Waldpädagogik betraut worden, während sich ihre männlichen Kollegen lieber mit Holzarbeit beschäftigten. "Das macht mir natürlich Spaß, aber es wurde mir eben von den Männern zugeteilt", sagt sie.

Dabei können Frauen im Wald alles machen, nachhaltige Kreislaufwirtschaft, Waldpädagogik und harte Arbeit, wie Dorothea Westner bestätigt. "Nur das Baumschneiden schaff ich gar nicht körperlich. Das macht mein Vater, ich fahr das Holz mit dem Kranwagen raus."

Fortwirtschaft im Wandel: Handynetz gibt es beim Ertl-Hof nur bei den Pferden. Dafür gibt es einen idyllischen Dorfweiher.

Handynetz gibt es beim Ertl-Hof nur bei den Pferden. Dafür gibt es einen idyllischen Dorfweiher.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Westner war es wichtig, ihren Wald kennenzulernen. "Da möchte ich schon selbständig sein", sagt sie. Sie hat den Titel Meisterin im Waldbau erworben. 20 Männer waren in ihrem Jahrgang, und nur eine weitere Frau. In ihrer Abschlussarbeit nahm sie die Bestände in ihren Wäldern auf und formulierte Ziele: Wo gibt es Altbestand, wo wächst Jungwald? Wo muss entnommen werden? Aber oft kommt es anders, als man plant. "Entweder es kommt ein Sturm, oder der Käfer, dann muss man reagieren."

Und dann das Eschensterben, ein ganzer Hektar junger Eschen fiel dem Pilz zum Opfer, alles Kahlschlag. Sie führt in ihren Garten und deutet auf eine Esche auf der anderen Straßenseite. Auch sie ist jung, auch sie muss jetzt wegen des Eschensterbens weg. Westner schüttelt den Kopf: "So ein schöner Baum."

Dann gibt es noch die Waldpädagogik. Dorothea Westner möchte, dass auch andere Frauen den Wald verstehen. Die Försterinnen vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Holzkirchen haben sie mal drauf angesprochen, also organisierten sie gemeinsam 2021 die erste landkreisweite Schulung für Waldbesitzerinnen auf dem Ertl-Hof. 15 Frauen seien damals gekommen, berichtet sie.

"Bei Frauen entwickelt sich mehr Austausch."

Seit 2020 das interregionale europäische Projekt Fem4Forest ins Leben gerufen wurde, das mehr weibliche Teilhabe in der Waldbewirtschaftung anstrebt, sind Schulungen für Waldbesitzerinnen häufiger geworden. Im Landkreis werden sie nun regelmäßig angeboten. Und finden Anklang.

Fortwirtschaft im Wandel: Die Försterinnen Alexandra Gibis, Tereza Möbus, Katharina Bauer und Katharina Eberl (von links) geben regelmäßig Schulungen für Waldbesitzerinnen.

Die Försterinnen Alexandra Gibis, Tereza Möbus, Katharina Bauer und Katharina Eberl (von links) geben regelmäßig Schulungen für Waldbesitzerinnen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Beim heutigen Termin soll es um Jungbestandspflege gehen. Etwa 20 Frauen von Jung bis Alt sind gekommen, ein Jagdhund ist da, und ein Kind sitzt auf dem Arm einer Mutter. Einige Frauen sind zum ersten Mal hier, andere sind erfahrener. Gemeinsam mit drei Försterinnen leitet Gibis die Schulung. Die Frauen sollen sich in den Wald aufmachen und Bäume suchen, die geschnitten oder gefördert werden sollen. Ausgestattet werden sie mit zwei Rollen Band. Rot heißt: Der Baum kann weg, damit er den anderen Platz lässt. Gelb heißt: Er darf bleiben und wachsen.

Die Teilnehmerinnen diskutieren bei einem dichten jungen Fichtenwald. "Ich hab den Wald grad übernommen, und bei mir schaut's genauso aus wie hier", ruft eine Frau aus der hinteren Reihe. "Ich hab meine Wälder in einem totalen Saustall gekauft und dann viel rausgezwickt. Dann merkt man schnell, dass das den anderen gut tut", berichtet eine andere.

Dass der Forst nach wie vor überwiegend Männern gehört, weiß Alexandra Gibis aus ihren täglichen Erfahrungen im Revier. Auch auf Forstversammlungen träfen sich beinahe ausschließlich Männer, sagt sie. "Viele Waldbesitzerinnen lassen sich dort von ihrem Vater, Bruder oder Mann vertreten." Aber dennoch bemerke sie eine Aufbruchsstimmung.

Fortwirtschaft im Wandel: Alexandra Gibis kennt den Forstsektor als Männerdomäne. Aber sie beobachtet auch Veränderungen.

Alexandra Gibis kennt den Forstsektor als Männerdomäne. Aber sie beobachtet auch Veränderungen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Frauen wollten in den Schulungen lieber unter sich sein, weil "viele glauben, dass die Männer schon alles wissen und sich deshalb in gemischten Gruppen gar nicht trauen zu fragen", sagt Gibis. Bei Männergruppen habe sie oft den Eindruck, es gehe eher darum, Fragen zu beantworten. "Bei Frauen entwickeln sich Gespräche und es findet ein richtiger Austausch statt." Im Anschluss an den Kurs gehe die Gruppe gemeinsam essen und baue so ein Netzwerk auf.

"Ich glaube schon, dass Frauen sich in einer Frauengruppe mehr zu fragen trauen. Oft übernehmen die Männer die Waldarbeit und Frauen haben wenig Ahnung", findet auch Dorothea Westner. Sie möchte, dass sich das ändert. "Es braucht mehr von uns", sagt sie mit einem Lachen.

www.lwf.bayern.de/fem4forest

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