Pandemie:Vielleicht doch lieber mit Maske?

Schulgeschichte

Sollten im Klassenzimmer wieder alle Masken tragen, wie hier im Frühjahr im Gymnasium Geretsried?

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit dem Coronavirus stecken sich derzeit vor allem Kinder an. Und auch an den Schulen im Landkreis steigen die Infektionszahlen. Eltern beginnen deshalb, am Sicherheitskonzept zu zweifeln.

Von Marie Heßlinger

Sabina Kieslich hat angefangen, die Corona-Fallzahlen der Realschule in Geretsried über ihren Whatsapp-Status zu teilen. Losgegangen ist es mit zwei positiven Corona-Fällen und 25 Leuten an der Schule in Quarantäne. Rund zwei Wochen später, am Freitag, listet das Landratsamt für die Geretsrieder Realschule 32 positive Fälle in dreizehn verschiedenen Klassen auf, darunter viele in der Unterstufe. Die Anzahl der Kontaktpersonen stieg auf 110. Die Fallzahlen an der Schule haben sich innerhalb von zwei Wochen also versechzehnfacht. An anderen Schulen im Landkreis steigt das Infektionsgeschehen ebenfalls. Das Gesundheitsamt kommt mit der Nachverfolgung der Fälle nicht mehr hinterher.

Sabina Kieslichs Sohn geht in die zehnte Klasse, die Abschlussklasse. Er lässt sich an einer Teststation testen und behält im Unterricht die Maske auf - viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler nehmen diese in der ersten Schulstunde ab, um sich vor Ort selbst zu testen, so erzählt es die Mutter. Einen Corona-Ausbruch hat es in seiner Klasse in diesem Schuljahr noch nicht gegeben. Doch der 15-Jährige, sagt seine Mutter, habe Sorge, vor den Abschlussprüfungen krank zu werden oder in Quarantäne zu müssen. Dass jemand aus ihrer Familie sich in den kommenden Wochen mit Corona infiziere, sei dabei eigentlich nicht mehr aufzuhalten, glaubt Kieslich. Zwar vermeide die Familie soziale Events, allerdings: "Die Achillesferse sind die Schulen", sagt die 41-Jährige, "und da können wir uns nicht schützen, weil es gibt eine Schulpflicht."

An Schulen in Bayern gilt seit dem 4. Oktober, außer in Gängen, keine Maskenpflicht mehr. Wer geimpft oder genesen ist, muss sich nicht testen lassen. Wer leichten Schnupfen und gelegentlichen Husten hat, kann die Schule besuchen. Luftfilter gibt es meist keine. In Fächern wie Sport, Religion und Ethik sowie den Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag durchmischen sich die Klassen. Welche und wie viele Schüler nach Kontakt mit einem Infizierten in Quarantäne müssen, entscheidet das Gesundheitsamt für jeden Fall individuell. Bei der Vielzahl an Fällen, wie sie im Landkreis derzeit auftreten, ist das Gesundheitsamt bei der Kontaktnachverfolgung jedoch heillos überfordert.

Insgesamt 371 Infektionen hat die Behörde seit Schulbeginn bei den Zwei- bis 19-Jährigen im Landkreis registriert. 172 unter ihnen, und damit knapp die Hälfte, waren jünger als zwölf Jahre. Für sie gibt es bislang noch keine zugelassene Schutzimpfung. Die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis liegt bei den Fünf- bis Neunjährigen bei 357,82, bei den Zehn- bis 19-Jährigen bei 561,84.

Nach einer Infektion wirklich schwer erkrankt ist allerdings aktuell offenbar kein Kind. Laut Martin Dotzer vom Klinikum Murnau, der als ärztlicher Koordinator für die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen darauf achtet, dass dort kein Krankenhaus überlastet ist, wird derzeit nur ein Minderjähriger wegen Corona stationär behandelt - nicht auf der Intensivstation, sondern ganz normal. Auch Dotzers Stellvertreter Tobias Reploh, der als Kinderarzt in Bad Tölz arbeitet, sagt: "Ich sehe hier keine rote Lampe - weder für die Kinder, noch, dass die Kinder eine Gefahr sind." Wichtig sei ein gutes Sicherheitskonzept an Schulen.

Das Kultusministerium sagt über sein Sicherheitskonzept: "Es gibt nahezu keinen gesellschaftlichen Bereich, in dem so umfassende und konsequente Infektionsschutzmaßnahmen gelten wie in Schulen." Sabina Kieslich hat daran Zweifel. Sie ist besorgt im Hinblick auf mögliche Langzeitfolgen von Corona und Long-Covid-Symptomen bei Kindern. "Natürlich sind das seltene Fälle", sagt die Mutter. "Aber je mehr Kinder krank werden, desto mehr seltene Fälle werden auftreten." Kieslich fände es daher gut, wenn die Schulleitung Eltern und Schüler über die hohen Fallzahlen an der Schule informieren würde. Aus diesem Grund hat Kieslich angefangen, die Fallzahlen über ihren Whatsapp-Status zu teilen. Viele befreundete Eltern hätten überrascht und bestürzt auf die Zahlen reagiert. Wüssten alle Eltern Bescheid, könnten Familien darüber entscheiden, ob ihre Kinder Maske im Unterricht trügen oder nicht, findet Kieslich.

Susanne Arndt war bis vor Kurzem Vorsitzende des Landeselternbeirats in Bayern. Forderungen nach einer Wiedereinführung der Maskenpflicht hat sie in der Vergangenheit in Bayern nicht vernommen. Die Eglingerin sagt: "Prinzipiell finde ich gut, dass die Kinder keine Maske mehr im Präsenzunterricht brauchen." Die Sehnsucht nach Normalität sei groß. Dass die nun mit Corona infizierten Kinder sich in ihren Schulen angesteckt haben, glaubt sie nicht. "Warum ist es bei uns so schlimm und in Oberfranken nicht?", fragt sie. "Es kann nicht die Schule sein. Das muss andere Gründe haben." Arndt glaubt, dass Kinder und Jugendliche nun wieder auf Feiern gehen und sich dabei anstecken.

Eine ähnliche Ansicht vertritt das Tölzer Landratsamt: "Natürlich sind die Zahlen sehr hoch", sagt ein Sprecher. "Aber es ist nicht gesagt, dass die Kinder sich auch wirklich in der Schule anstecken." Es sei schwierig nachzuvollziehen, wo sich Schüler infizierten. Dass es am maskenfreien Unterricht liege, sei deshalb zwar nicht auszuschließen. Die Infektionsschutzregeln für den Unterricht beschließe aber das Kultusministerium.

Die aktuellen Regeln gelten noch bis Ende Oktober. Am kommenden Dienstag trifft sich der Ministerrat. Gut möglich, dass dieser dann über eine Änderung oder Verlängerung der Regeln berät. Kieslich ist der Meinung: "Die können nicht Präsenzunterricht um jeden Preis haben wollen, aber dann sämtliche Maßnahmen, die das garantieren, abschaffen." Sie ist für eine Maskenpflicht in Klassenzimmern, für Kohortentrennung und Luftfilter.

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