Pipapo-Festival in Gelting:Eskalierender Rückwärtssalto

Pipapo-Festival in Gelting: "Obacht, i kann wos": Teresa Reichl.

"Obacht, i kann wos": Teresa Reichl.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Senkrechtstarter-Kabarettistin Teresa Reichl bringt das Publikum im "Hinterhalt" zum Johlen und Kreischen.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Seien wir ehrlich: Die Zweitausendfünfhundert, die da waren, hatten einen Fetzenspaß. Besonders als Teresa Reichl auf der Bühne voll eskalierte, einen Salto rückwärts machte und einen Spagat hinlegte. Unglaublich? Ja, so ist das bei der Kabarettistin, die gerade mit dem bayerischen Senkrechtstarterinnen-Preis ausgezeichnet wurde: Was sie macht, behauptet, zitiert und erklärt, kann stimmen oder auch nicht. Wahrheit und Lüge sind ihre Themen, aber auch Diskriminierung und Emanzipation, Eisprung und Menstruation, Literatur und Genforschung. Beim Pipapo-Festival im Geltinger "Hinterhalt" ist die rotzfreche, kracherte, feministische Niederbayerin am Donnerstagabend dermaßen gut angekommen, dass es kein Halten gab. Im exaltierten Kreischen und schrillen Lachen jedenfalls hat Teresa Reichl dort sehr ernsthafte Konkurrenz erfahren.

Reichl, 27, erzählt in ihrem Programm "Obacht, i kann wos!", das sie "alloa mit meim Größenwahn" geschrieben hat, ihr junges Leben vom leicht hinterfotzigen Kleinkind im 300-Einwohner-Kaff Haunersdorf über die einsam-melancholisch dichtende Pubertierende bis zur Absolventin eines Lehramtsstudiums in Deutsch und Englisch, die sich statt fürs Referendariat dann doch lieber für die Bühne entscheidet: "Ich bin wie Tinker Bell - wenn niemand klatscht, dann stirb i einfach."

Und das Klatschen weiß sie nun wirklich herauszufordern. Besonders bei den Zuhörerinnen. Die ergötzen sich geradezu daran, vorgeführt zu bekommen, dass Frau getrost kühn, selbstbewusst, gern auch mal dreist und über die Schamgrenze hinaus witzig sein darf - und kann. "Ich hab keine Muskeln, ich hab nur Ego", sagt Reichl an einer Stelle; an einer anderen: "I woaß, es is lustig. Wenn ihr net lacht's - eier Problem!" Gelegentlich philosophiert sie über das Witzpotenzial von Penis und Vulva. Aber vor allem - und das zeigt ihre veritablen dichterischen Fähigkeiten - setzt sie sich satirisch mit der Männerlastigkeit des deutschen Literaturkanons auseinander.

Hier fügen sich die beiden Professionen der Teresa Reichl - die Schule und das Kabarett - auf wunderbare Weise in eins. Sie arbeitet sich durch die Dichtkunst vom 13. Jahrhundert über Barock, Biedermeier und Neue Sachlichkeit bis ins Heute. Und stellt fest: "Alles Männer. Ein Riesenzufall. Man hat einfach superspät erst rausgefunden, dass Frauen schreiben können." Wie sie es können, beweist Reichl prompt selbst. Sie setzt den überkommenen Gedichten, in denen Frauen zwar angehimmelt werden, aber immer dem Manne untertan zu sein haben, eigene entgegen: der Märe "Die eingemauerte Ehefrau" (nicht erfunden!) eine Märe "Der eingepflasterte Ehemann" oder einem Barock-Sonett "An die Frau" ein metrisch gleichwertiges "An einen Jüngling".

Selbst bei zeitgenössischen Singer-Songwritern entdeckt sie frauendiskriminierende Schmachtfetzen wie diesen: "Ich will mit dir zu zweit alleine sein. Wir schließen uns in deiner Wohnung ein. Zwischen uns darf nicht mal Platz zum Atmen sein. Das Salz auf deiner Haut wird meine Wirklichkeit. Du darfst jetzt nicht verlegen sein." Sie schlägt mit einem "Boy, du bist so sweet" zurück: "Komm in meine Wohnung und mach mir 'n Kind in meinen Bauch". Dass ihre Methode der Entlarvung frauenverachtender Literatur vom Mittelalter bis ins Heute funktioniert, das, so sagt sie, "spricht nicht für unsere Gesellschaft".

So direkt politisch ist Teresa Reichl aber meist nicht. Sie versteckt die Kritik eher in komischen Nummern, etwa wenn sie, die "herausragend gute Lügnerin", bemerkt, mit einer erfundenen Geschichte habe sie "aus Versehen eine Religion erfunden". Denn das Wesen der Religion sei es ja, dass Leute etwas glaubten, "weil niemand ihnen beweisen kann, dass es net stimmt". Wie beim Christentum. Wer könne da nach 2000 Jahren schon noch überprüfen, wie's wirklich war!

So könne das, woran eine Gruppe glaubt, langsam "zum Fakt mutieren". Zum Beispiel, dass Teresa Reichl auf der Geltinger Kleinkunstbühne total eskalierte, einen Rückwärtssalto machte und einen Spagat hinlegte. Die reine Wahrheit. Nur dass dies vor zweitausendfünfhundert Leuten geschah, stimmt natürlich nicht - das würde der Brandschutz im "Hinterhalt" nicht zulassen.

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