SZ-Serie: Wer wohnt denn da?:Angekommen in der Freiheit

Er floh vor dem Geheimdienst, sie verließ schweren Herzens ihre Wahlheimat Griechenland. Dann fanden sich beide. Jetzt wohnen Andrei Stefanescu und Ursula Wöhlcke in Icking zwischen S-Bahn-Gleisen und Bundesstraße - und genießen die Weite.

Von Marie Heßlinger

Wer mit der S-Bahn vorbeibraust, wird es die ersten Male vermutlich übersehen: das Häuschen direkt an den Gleisen. Zu gigantisch ist in diesen Momenten der Blick auf die Berge, zu klein das Gebäude mitten auf Ickings Feldern, zwischen S-Bahngleisen und Bundesstraße. Dabei würde es sich lohnen, auszusteigen. Denn seine beiden Bewohner sind alles andere als gewöhnlich.

Vier Bäume, vier Vogelhäuschen, eine Thujenhecke zu den Gleisen hin, der Sonnenschirm flackert im Wind. Im zweiten Jahr habe ihnen der Vermieter einen Weinstock geschenkt, sagt Andrei Stefanescu. Hätte es nicht gehagelt, hingen nun Weintrauben von der Ziegelwand. Dann wäre es sehr mediterran, "mit Feigen und Oleander und meinem Olivenbaum", sagt Ursula Wöhlcke. Sie berührt ihren Mann am Arm und lacht. "Wir sind so begeistert von unserem Haus."

Wöhlckes Augen blitzen amüsiert, sie wirkt definitiv nicht wie 68 Jahre. Ihre Kette und Ohrringe sind gold und türkis, ihre Haare und Augenbrauen dunkel. Wöhlcke kommt aus Icking. "Als Jugendliche zu Zeiten von Woodstock haben wir uns immer gedacht: Mensch, das wäre toll, in so einem Häusl zu wohnen." Sie zeigt auf eine Sträuchergruppe in der Ferne. "Da hinten in dem Gehölz haben wir Gitarre gespielt oder Lager gebaut oder geknutscht." Sie lacht. Als sie in Griechenland ihre Sachen packte, hat sie wohl nicht so viel gelacht.

Wöhlcke war ein Kind, als ihr Onkel ihr ein Buch mit griechischen Sagen schenkte. Sie war 22 und Pharmaziestudentin, als sie mit einem VW-Bus nach Griechenland fuhr und sich in das Land verliebte. Sie war Mitte 30, Apothekerin und frisch geschieden, als sie auf die griechische Insel Amorgos auswanderte. Erst 14 Jahre später, als ihre Mutter krank wurde, kehrte Wöhlcke zurück. "Das ist mir nicht leicht gefallen", sagt sie. Und: "Ich habe einen Gentest gemacht!" Sie habe zu einem kleinen Prozentteil balkanische, süditalienische und griechische Wurzeln. "Ja, das erklärt manches", sagt Stefanescu und grinst. "Die Liebe zu Knoblauch?", fragt sie. "Die Liebe zu Nasreddin Hodscha", antwortet er.

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: Ursula Wöhlcke und Andrei Stefanescu leben seit 2007 zur Miete in dem ehemaligen Streckenwärterhaus zwischen Icking-Irschenhausen und Ebenhausen.

Ursula Wöhlcke und Andrei Stefanescu leben seit 2007 zur Miete in dem ehemaligen Streckenwärterhaus zwischen Icking-Irschenhausen und Ebenhausen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nasreddin Hodscha ist im Balkan und im islamischen Raum eine bekannte Witzfigur, ähnlich dem deutschen Till Eulenspiegel. Dem Protagonisten zahlreicher Geschichten und Anekdoten ist es zu verdanken, dass sich Wöhlcke und Stefanescu nach Wöhlckes Rückkehr aus Griechenland kennengelernt haben. Sie entdeckte den zwei Jahre älteren Stefanescu auf einer Partnervermittlungsseite, auf seiner Profilseite zitierte er eine Nasreddin Hodscha-Geschichte. "Jemanden, der Nasreddin Hodscha kennt, finde ich interessant", sagte sich Wöhlcke und überwies 30 Euro an die Partnervermittlung, um Stefanescu zu schreiben. Sie versuchte es ebenfalls mit einer Nasreddin-Hodscha-Geschichte, wusste aber bald nicht weiter. "Mensch, das ist ein Cliffhanger", dachte sich Stefanescu und wurde neugierig. Zwei Jahre später, das war im Jahr 2007, suchten Wöhlcke und er ein gemeinsames Haus. "Wir haben uns einiges angeschaut und beide gleichzeitig den Kopf geschüttelt", sagt Stefanescu. Als sie das Häuschen auf den Feldern in Icking sahen - es war zu diesem Zeitpunkt eine Baustelle, ein Bagger stand mittendrin -, "haben wir uns angeschaut und beide genickt."

Das kleine Haus aus Klinker steht schon seit 1891 neben den Schienen. Es wurde einst für den Streckenwart gebaut, der die Gleise kontrollierte und ins Horn blies, wenn die Dampflok kam, die von 1891 an nach Wolfratshausen fuhr. Auf rund 700 Quadratmetern Grund lebte der Streckenwart dort mit Frau und Kindern, zeitweise mit Hühnern, Gänsen, Schweinen. Ein Landwirt kaufte der Bahn das Haus ab, als Streckenwärter überflüssig geworden waren. Und verpasste dem kleinen, quadratischen Klinkerbau einen lang gezogenen Anbau, um es zu vermieten.

"Die Kunden haben mich immer gefragt: Wohnen Sie schon darin?", erinnert sich Wöhlcke an die ersten Monate nach Einzug. "Haben Sie Strom?" So sehr nach Baustelle habe es ausgesehen. Die 68-Jährige steht auf, um sich ein Glas Saft zu holen. Eine S-Bahn kündigt sich mit einem Surren an. Stefanescu redet von den Arbeiten am Haus. Dann hebt er seine Stimme: Die S-Bahn braust vorbei. Eins, zwei, drei - vier Sekunden braucht eine kurze Bahn, acht Sekunden eine lange. Wenn sie voll und schwer ist, rattert sie auf den Schienen. Schwer, sich dabei auf Stefanescus Worte zu konzentrieren. Er spricht ruhig weiter,als wäre nichts dabei. Etwas von "Eigenarbeit" sagt er. Und als es still ist: "Jetzt haben Sie gerade die S-Bahn gehört, das ist das Lauteste."

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: Die lautesten Züge, die das Häusschen passieren, sind die S-Bahnen.

Die lautesten Züge, die das Häusschen passieren, sind die S-Bahnen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Damit der Streckenwärter einen guten Blick auf die Gleise hatte, zeigen im Erdgeschoss des Klinkerhäuschens ein Fenster nach links und eines nach rechts auf die Gleise. Die Küche, in einer Nische im linken Teil des Hauses, ist so winzig, dass Töpfe und Pfannen von der Decke hängen. Dafür ist die Aussicht beim Kochen besonders: Sie geht direkt auf die Zugspitze.

Gegenüber der Küchenzeile führt eine Holztreppe ins Obergeschoss, geradeaus folgt ein Wohnraum mit Kachelofen und Obstschale, und schließlich der Anbau, mit Sitzecken und Bücherreihen, zwischen denen sich Figuren aus Holz und aus Stein finden. "Alles, was wie Skulptur ausschaut, hab' ich gemacht", sagt Stefanescu, als er den Anbau betritt. Wöhlcke hat draußen Blumen und Gemüse gepflanzt, er feilt in seiner Werkstatt an Kunstskulpturen. Vor seinem Ruhestand war er schon Lehrer, Journalist, IT- und Unternehmensberater. "Ich habe mich mehrere Male selbst erfinden müssen - erfinden wollen", sagt der 70-Jährige. Auch er wirkt jünger, trägt Segelschuhe und rotes Hemd. Er hat einen leichten Akzent, seine Wortwahl wirkt eleganter als die vieler Deutscher.

Stefanescu ist gebürtiger Rumäne mit deutschen Wurzeln. Als junger Mann in dem osteuropäischen Land hatte er Glück, dass sein Nachname nicht deutsch klang. "Die deutsche Minderheit wurde toleriert, aber auch nicht gefördert", sagt er. Dagegen wurde er selbst gefördert: Er bekam im zweiten Semester seines Germanistikstudiums ein Stipendium und studierte fortan in der damaligen DDR, genauer in Leipzig. Als Lehrer kehrte er an seine eigene Schule zurück. Dann wurde der Geheimdienst auf ihn aufmerksam. "Warum wollen Sie nicht Kulturattaché an einer ausländischen Botschaft werden?", wurde Stefanescu gefragt. "Sie müssen nichts weiter tun, als uns zu erzählen, wer sich mit wem trifft."

Der 70-Jährige sitzt nun auf einem der Sessel beim grauen Sofa. Draußen ist es kühl geworden. "Der Geheimdienst hat gesehen, dass ich mehrere Sprachen spreche und recht gut beieinander war", sagt er. Sein Sohn war damals noch klein. Und er deshalb erpressbar. "Sie haben mir sanft gedroht: Sie wollen doch bestimmt nicht in der Provinz landen mit Ihrem Baby." Stefanescu antwortete, er sei zu unerfahren und jung. "Das haben sie erst einmal so stehen lassen", erinnert er sich - "aber da war ich schon weg."

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: Nicht nur aus der Küche reicht der Ausblick bis zur Alpenkette.

Nicht nur aus der Küche reicht der Ausblick bis zur Alpenkette.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit zwei Koffern kam er in München an, seine Frau und ihr Kind würden nachkommen. Er war 28 Jahre alt. Und fing noch einmal von vorne an. In Stuttgart fand er einen Job als Verlagsvertreter. Als er den Wunsch äußerte, in der Verlagsredaktion für Schulbücher zu arbeiten, sah ihm der Personalchef tief in die Augen und sagte: "Sie werden bei uns niemals in einer Redaktion arbeiten." Stefanescu war erschüttert. Nun stand ihm sein nicht-deutscher Name im Weg. Bald darauf aber wurde ein Jobangebot an ihn herangetragen, das ihn begeisterte: Ob er nicht für Radio Free Europe arbeiten wolle? Der US-amerikanische Sender strahlte von München aus in viele damalige Ostblock-Staaten. "Alle, die wir kannten, klebten am Radio Freies Europa", sagt Stefanescu. Er wurde Nachrichtenredakteur. Später, als er neue Herausforderungen suchte, IT-Berater, und schließlich, nach einem Studium in England, Unternehmensberater.

Und heute? Stefanescu hat sich aus seinem Sessel erhoben und schaut aus dem Fenster. Vom Streckenwärterhäuschen aus sieht man bis nach Österreich. Über den Gipfeln haben sich Wolken gesammelt, Licht bricht hindurch. "Das sind Naturspektakel, die wir hier manchmal erleben, die sind atemberaubend", sagt Stefanescu. Lichtverhältnisse, die könne man nicht beschreiben. Und die Rapsfelder davor, "das ist ein Meer aus Gold." Wöhlcke erinnert der Ausblick an die Weite Griechenlands. Und Stefanescu erinnern die Berge hier an Kindheitsurlaube im rumänischen Siebenbürgen.

© SZ vom 02.08.2021
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