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SZ-Serie: Unikate:Schlag auf Schlag auf Schlag

Damaszenerklingen verlangen dem Schmied Markus Pollinger Kraft und Kunstfertigkeit ab.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In den Messern, die Markus Pollinger in Lenggries schmiedet, stecken nicht nur viele Stunden harter Arbeit. Wie in seiner Kunst geht es dem 36-Jährigen darum, Einzigartiges zu schaffen - und das am liebsten täglich.

Von Stephanie Schwaderer

Zeit und Fortschritt sind eben mal draußen geblieben. Markus Pollinger hat sie ausgesperrt, hinter der Werkstatttür, die er energisch geschlossen hat. Jetzt gibt es nur noch das glühende Stück Erz, das er mit einer langen Zange aus dem Feuer holt und auf dem blankgewetzten Amboss platziert. Er greift zu einem klobigen Hammer, packt ihn weit vorne am Griff und holt aus. Nur ein paar Sekunden hat er, um das mehr als tausend Grad heiße Metall mit gezielten Schlägen ein winziges Stück weiter in die Form zu treiben, die es einmal haben wird - in ein paar Tagen vielleicht, womöglich aber erst in Wochen. Bis dahin wird noch unzählige Male dieses schneidende "Kling" die Werkstatt erfüllen, der Klang von Eisen, das auf Eisen trifft und so alt ist wie des Menschen liebstes Werkzeug, das Messer.

"Messer braucht man immer", sagt der 36-Jährige, ein drahtiger Mann mit wachen Augen und wild abstehendem schwarzen Haar. Je nach Betrachtungsweise ist er einer der Letzten seiner Art oder ein mutiger Individualist. Pollinger gehört zu den wenigen jungen Silberschmieden in Deutschland, die es wagen, sich selbständig zu machen, und versuchen, von ihrem Handwerk zu leben. "Ein harter Weg", sagt er, "aber ein ehrlicher."

Seine Ausbildung zum Gold- und Silberschmied hat der Lenggrieser an der staatlichen Berufsfachschule für Glas und Schmuck in Neugablonz absolviert. Schon dort begeisterte er sich fürs Messerschmieden, brachte sich die komplizierte japanische Technik Mokume Gane bei, die Metall wie gemasertes Holz erscheinen lässt. Anschließend machte er in München seinen Meister und studierte an den Kunstakademien in Nürnberg und München. Für seine Abschlussarbeit - organisch deformierte Kupferskulpturen, die auf das menschliche Dasein anspielen - erhielt er vor vier Jahren den Bayerischen Staatspreis in der Kategorie Gestaltung.

Wer sein Reich, die kleine Angerschmiede hinter der Lenggrieser Pfarrkirche, betritt, erkennt sofort, dass dort ein kreativer Geist am Wirken ist. Das beginnt mit der Vitrine gleich neben dem Eingang. Die meisten Kollegen würden sie wohl dazu nutzen, potenzielle Käufer auf erlesene Schmuckstücke aufmerksam zu machen. Nicht so Pollinger. Er bewahrt in dem Glaskasten ureigene Schätze auf, eine skurrile Mischung aus angestaubten Fund- und halbfertigen Arbeitsstücken, Hölzer, Samen, Wildschweinzähne. "Das sind Erinnerungen", sagt er, "aber auch Missgeschicke und Gedankenspiele." Der Hauptraum - eine Kombination aus Atelier, Lager und Ausstellungsflächen - ist so zugestellt mit Werkbänken, Regalen und schwerem Gerät, dass es kaum ein Durchkommen gibt. "Der Platz wird immer weniger", sagt Pollinger entschuldigend, "aber ich brauche täglich eine neue Herausforderung, damit es spannend bleibt."

Blickfang ist eine Glasvitrine, in der sich wundersame Kannen und Gefäße reihen. Die Grundformen hat Pollinger aus industriell produzierten Automobilteilen gefertigt und sie durch Um- und Anschweißungen in eigenwillige Individuen verwandelt. Vom Bezirk Oberbayern soll er dafür in den nächsten Tagen eine Auszeichnung erhalten. Jedes der rätselhaften Objekte, die er zuletzt in München, Berlin und Amsterdam ausgestellt hat, könnte Wasser fassen, ist also prinzipiell funktionsfähig. "Da kommt der Silberschmied in mir durch", sagt er, "der will etwas bauen, das funktioniert." Umgekehrt steht auch der Künstler mit am Amboss, wenn er den Hammer schwingt, um ein Messer zu schmieden.

Das gilt besonders dann, wenn eine Damastklinge entstehen soll - eine Spezialität, auf die Pollinger sich versteht. Ausgangsmaterial ist ein Paket aus verschiedenfarbigen Eisen- oder Stahlblechen, die er zunächst unter Druck und Hitze verbindet. Anschließend wird dieses Paket in vielen Arbeitsschritten immer wieder erhitzt, gefaltet und verdreht. "Wie bei einem Blätterteig", sagt Pollinger. Allerdings erfordere jeder Schritt und jeder Schlag die volle Konzentration. Er greift zu einem etwa einen Zentimeter dicken matten Riegel, ein unspektakuläres Stück Metall. "Da stecken etwa 200 Lagen drin."

Zunächst verdichtet Pollinger verschiedenfarbige Metallblechezu einem kompakten Paket.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ob sie gut gedreht und gewickelt sind, wird auch der Meister erst wissen, wenn er die Klinge ausgeschmiedet hat. Das wird noch einmal viele Stunden dauern. 50 000 Schläge pro Messer seien keine Seltenheit, sagt er. Ebenso viel Zeit wie das Schmieden erfordere das anschließende Schleifen. Zuletzt werden die Klingen geätzt, um die Musterung noch deutlicher hervortreten zu lassen, und poliert. Ein unglaublicher Aufwand. Und dann ist erst das halbe Messer fertig.

"Den richtigen Griff zu finden ist noch einmal eine ganz eigene Sache", sagt er. Sein bevorzugtes Material ist Holz. "Aber für meine Messer muss kein Tropenbaum dran glauben." Pollinger hat ein Verfahren entwickelt, heimische Hölzer mit Harz zu härten und dabei ihre ganz eigene Färbung und Maserung zum Ausdruck zu bringen. "Wer mag, kann mir ein Stück Holz aus dem eigenen Garten geben, dann hat man gleich eine ganz andere Verbindung zu seinem Messer." Das einfachste Schnitzmesser, das er gerade im Angebot hat, kostet 70 Euro. Die Damaszener-Stars liegen im vierstelligen Bereich.

Zu jeder individuellen Klinge sucht der Künstler den passenden Griff. Am liebsten verwendet er Hölzer aus dem eigenen Garten.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Als Bub habe er sich immer "so ein Crocodile-Dundee-Messer" gewünscht, erzählt er und lacht. "Habe ich nie bekommen." Schon damals habe er seine Zeit am liebsten damit verbracht, "etwas in die Hand zu nehmen und zu schauen, was sich daraus machen lässt". Einen Großteil der Zangen und Hämmer, die zu Dutzenden an den Wänden hängen, hat er selbst geschmiedet. Auch seinen Schmiedeofen, ein mit Flüssiggas betriebenes, fauchendes Ungeheuer, hat er selbst gebaut. Sein jüngstes Auftragswerk? "Eine zwei Meter lange Eisenbrechstange", sagt er, "so etwas bekommt man ja sonst nicht." Ach ja, und eine uralte Briefwaage habe er gerade repariert, für eine ältere Dame, die sich sehr gefreut habe. "Man muss ja auch ein bisschen über den Tellerrand schauen."

Das jüngste Messer, das er geschmiedet hat, liegt noch auf der Werkbank. Es könnte aus einem Märchenstück stammen, ein Jagdmesser für Zwerge. Zwischen Klinge und Holzgriff hat es einen Abrutschschutz. "Ein Geschenk für meine Nichte", sagt Pollinger. Wie alt ist das Mädchen? "Dreieinhalb", sagt er. "Es wird allmählich Zeit."

© SZ vom 14.01.2021
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