Schnell auf zwei Rädern? Schwerer Gang

Birgit Sachers fährt dreimal in der Woche von Schäftlarn bis nach München zur Arbeit mit dem Fahrrad. Schnell und sicher wäre anders, weshalb sie sich Schnellradwege wünscht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Radfahrer haben es im Landkreis nicht einfach. Zwar gibt es zahlreiche Pläne für neue Verbindungen. Doch bis die Wege gebaut sind, ist es oft ein langwieriger Prozess.

Von Nora Schumann

Birgit Sachers ist eine Frau mit offenem Lächeln und roten Wangen. Bei der Jahresversammlung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Geretsried begrüßt sie die neu ankommenden Mitglieder und ist ständig in Bewegung. Auch sonst ist Sachers eine aktive Frau: Seit rund fünf Jahren fährt sie drei Mal in der Woche von Schäftlarn bis nach München - mit dem Fahrrad.

Die begeisterte Radfahrerin ist im Vorstand des Kreisverbands des ADFC und findet neben den umweltpolitischen Aspekten auch praktische Gründe für das alltägliche Radeln. Sie sei den Stau und den Autoverkehr in und um München leid. "Ich kannte mal einen Zivildienstleistenden, der hat mich hier in Schäftlarn mit dem Auto überholt und wir sind gleichzeitig an der Arbeitsstelle angekommen", erzählt sie.

Die Situation für Radfahrer im Landkreis ist jedoch nicht immer einfach. Ein schneller, sicherer Arbeitsweg auf längeren Strecken zwischen den Ortschaften ist für Radler eher Ausnahme als die Regel.

Eine Veränderung der Radwegssituation im Landkreis sieht Birgit Sachers deshalb als "absolut notwendig" an und wünscht sich Verbesserungen im Radwegenetz. "In Schäftlarn ist die Situation von der Kreuzung bis zum Ortsende sehr schlecht, da muss man auf einer verengten Straße im Berufsverkehr fahren und wird ständig von den Autos angehupt", erzählt Sachers. "Erst am nördlichen Ausgang von Schäftlarn beginnt der Radweg, dann geht es gut bis nach Baierbrunn an der Ampel, dort muss man dann auf der Straße fahren, weil es keinen Radweg gibt."

Auch weiter südlich im Landkreis hat Sachers Erfahrungen mit unzureichender Infrastruktur für Fahrräder gemacht. "Der Weg zwischen Dorfen und Icking ist beispielsweise wahnsinnig schlecht, teilweise ist die Unterführung überschwemmt oder der Weg ist allgemein nicht gepflegt, weil es keinen Teerbelag gibt", erklärt sie.

Kopenhagener Index heißt eine Bewertungsskala, welche die Radlfreundlichkeit eines Stadtgebiets beschreibt. München steht in diesem Index auf Platz 15 - hinter Städten wie Berlin, Paris oder Straßburg. Und auch im Landkreis Bad Tölz- Wolfratshausen dominiert das Auto die Straße. 2017 herrschte hier eine Fahrzeugdichte von 620 Pkw pro tausend Einwohnern.

Dass sich daran etwas ändern soll, darüber ist man sich im Kreistag schon seit 2011 einig. Damals wurde der Aktionsplan zur Umsetzung des integrierten Klimaschutzkonzepts für den Landkreis vorgestellt. "Der Aktionsplan zielt darauf ab, dass man Mobilität umweltbewusster gestalten muss", erklärt Kreisrätin Cornelia Irmer (parteifrei/Freie Wähler).

Er ist der neue Ansprechpartner rund um das Thema Energie im Landratsamt: Der Klimaschutzbeauftragte Andreas Süß - ein passionoerter Radfahrer.

(Foto: privat/oh)

Die Verfasser des Klimaschutzkonzepts kommen zu dem Schluss, dass knapp zwei Drittel des Energieverbrauchs aus Treibstoffen im Landkreis auf den motorisierten Individualverkehr entfielen, 60 Prozent der CO²-Emission im Bereich Verkehr verursachten ebenfalls Personen, die im einzelnen Pkw herumfahren. Das Klimaschutzkonzept benannte auch die Einsparpotenziale beim Thema Verkehr: mit 27 Prozent liegt auch hier der motorisierte Individualverkehr ganz vorne.

Um Einsparungen an Energie und CO² beim Verkehr zu erreichen, sieht das Klimaschutzkonzept eine Verlagerung vor, weg vom Auto, hin zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fuß- und Radverkehr. Doch wo sollen all die Menschen laufen und radfahren, die vom Auto auf die umweltfreundlichere und gesündere Alternative umsteigen wollen?

"Die Situation der Wege ist für Alltagsradler im Landkreis unbefriedigend", sagt Susanne Leonhard, Bauamtsleiterin in Wolfratshausen. "Der Isarweg ist touristisch schön, aber wir brauchen Stadtstraßen begleitende Wege." Dabei ist die Stadt Wolfratshausen im Landkreis noch gut aufgestellt. Nach Egling und Ascholding sei ein Radweg vorhanden, erläutert Leonhard. Nur nach Icking würde sie sich eine schönere Verbindung wünschen.

Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat sich des Themas nun angenommen und ein Projekt für ein Radwegekonzept begonnen. "Der zentrale Baustein eines solchen Konzeptes ist ein sogenanntes Zielliniennetz, also wie komme ich von A nach B", erklärt Projektleiterin Cornelia Irmer.

Andreas Süss, Klimaschutzbeauftragter des Landkreises, stellt mit Blick auf die angestrebte Verkehrswende fest: "Es hat ein politisches Umdenken stattgefunden." Durch die E-Mobilität sei klar geworden, dass auch längere Strecken zwischen den Ortschaften mit dem Rad machbar seien. "Also dass man in Zukunft zum Beispiel von Geretsried nach Bad Tölz fahren könnte, wenn die Verbindung da wäre", erklärt Süss. Die Kreisregierung unterstütze solche Vorhaben mittlerweile.

Im Kreistag wurde beschlossen, ein Radverkehrskonzept mit Schwerpunkt "Alltagsradverkehr" in Auftrag zu geben. Für das Konzept, nicht für den Wegebau, gibt es eine Förderung von der Europäischen Union durch das sogenannte Leader-Programm. Das Leader-Programm zielt auf die Entwicklung der ländlichen Wirtschaft ab, Hauptmerkmale sind dabei Innovation, Kooperation aber auch Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung. 26 460 Euro beträgt die Förderung der Konzepterstellung durch das Leader-Programm, 25 000 Euro steuert der Landkreis bei.

Andreas Wüstefeld ist Sprecher der Leader-Aktionsgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen (LAG), die über die Förderung solcher Anträge entscheidet. Er findet es durchaus sinnvoll, nicht nur die Umsetzung von Projekten, sondern auch die Erstellung von Konzepten zu fördern. "In der Regel bekommt man für die Konzeptarbeit keine Förderung, weil es heißt, Papier fördere man nicht." Dabei sei ein gut durchdachtes Konzept nicht nur sinnvoll, sondern könne letztlich auch Kosten sparen. "Ohne Konzept plant man ins Nirwana", sagt Wüste-feld. "Es wird immer groß gelobt, wenn gebaut wird und dann erlebt man Baustellen, deren Kosten explodieren und merkt hinterher, das irgendwas schiefgelaufen ist."

Der Lenkungsausschuss der LAG hat am 18. März positiv darüber entschieden, dass das Konzept gefördert und in Auftrag gegeben werden soll. Der Projektantrag wird jetzt an die zuständige Förderstelle in Rosenheim weitergegeben. "Der nächste Schritt ist dann, das Ganze auszuschreiben und loszulegen", erklärt Klimaschutzbeauftragter Süss.

Birgit Sachers hält ein Radewegschellnetz für unabdingbar, um mehr Menschen zum Radfahren zu animieren. "Wenn Leute beispielsweise angehupt werden, lassen sie sich sehr verunsichern und steigen deshalb nicht aufs Rad", erklärt sie. "Wenn ich die Strecke von Wolfratshausen nach Schäftlarn nehme, dann muss ich auf der B11 teilweise ohne Radweg fahren, oder ich muss durch die Pupplinger Au und da bleibt mir auch nichts anderes übrig, als dass ich die Klosterstraße zwischen den Autos nach Schäftlarn hochfahre, das ist keine wirkliche Alternative", sagt sie.

Auch mehr Übergänge an der Isar hält Sachers für wünschenswert. Oberste Priorität habe jedoch ein Radschnellweg von Bad Tölz nach München. "Ich kenne jemanden", erläutert Sachers, "der fährt von Tölz nach Schäftlarn. Er muss teilweise auf der Straße fahren und wenn es das Wetter nicht zulässt, weil er auf schlechten Nebenwegen durch Sumpfgebiete fahren müsste, dann nimmt er deshalb das Auto".

"Nicht alles, was wirtschaftlich sinnvoll und politisch gewünscht ist, lässt sich auch ohne Weiteres in die Fläche bringen", heißt es im Klimakonzept des Landkreises und fasst in einem Satz die Bredouille zusammen, in der sich die politischen Kräfte beim Radwegeausbau befinden. Denn Herausforderungen für die Umsetzung eines fertig gestellten Konzepts gibt es viele.

Cornelia Irmer, die Projektleiterin im Landratsamt, bereitet sich auf eine intensive Umsetzungsphase vor. Man müsse sich mit allen Beteiligten, den Bauträgern, den Kommunen, den Bürgern und schließlich den benachbarten Landkreisen abstimmen. "Vom Seiten des Landratsamts wird es dann entsprechende Arbeitsgruppen geben, die sich mit den Kommunen in Verbindung setzen, was an Wegen bereits existiert" sagt Irmer. Auch Andreas Süss erklärt, dass der Landkreis bei der Umsetzung eine koordinierende Rolle spielen solle. Abstimmung sei wichtig, damit es "kein Fleckerlteppich" aus Radwegen gebe.

Eine der größten Herausforderungen ist jedoch, dass viele Grundstücke, durch die ein potenzieller Radschnellweg führen könnte, in Privatbesitz sind. Für die Strecke Bad Heilbrunn nach Penzberg wurde ein solcher Radschnellweg im Kreistag beschlossen, bei der Umsetzung hapert es aber noch. "Das Problem mit den Grundstücken löst man nicht durch das Konzept, aber man hängt das Thema halt schon noch mal eine Stufe höher auf", zeigt sich Andreas Süss optimistisch.

Der Landtagsabgeordnete Hans Urban (Grüne) ist der Meinung, Enteignung sei zwar immer das schlechteste Mittel, man könne das aber natürlich tun, wenn das öffentliche Interesse überwiege. Urban ergänzt: "Da sollte man aber eher an die Grundstücksbesitzer appellieren, dass sie mitmachen und ihnen beispielsweise Tauschflächen anbieten." Alternativ könne man auch einfach weniger Straßen bauen - letztlich also weniger fürs Auto und mehr fürs Radl planen.

Urban weist darauf hin, dass der Freistaat ein Programm aufgesetzt hat, das den Bau von Radwegen in den Jahren 2020 bis 2024 fördert. Die Radwegekonzepte kann man allerdings nur noch bis Juli einreichen. Die Pläne für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen werden bis dahin noch nicht ausgearbeitet sein. Immerhin, fügt Urban hinzu, könnten beantragte Förderungen für einzelne Wege wie beispielsweise von Bad Heilbrunn nach Penzberg unabhängig vom Radwegekonzept eingereicht werden. Vielleicht wird es zu Beginn dann doch eher ein "Fleckerlteppich" mit den Schnellradwegen.

Birgit Sachers ist dennoch froh, dass die Politik sich des Themas annimmt. "Ich sprühe vor Ideen", sagt die ADFC-Frau, "aber unser Kreisverband ist ganz klein, wir können nicht alles umsetzen". Dennoch: Man müsse für die Radler im Landkreis etwas tun. Familien zum Beispiel: Die würden durch die schlechte Infrastruktur vom Radeln abgehalten, sagt Sachers. Und nicht zu vergessen der Gesundheitsaspekt. "Ich brauche kein Fitnessstudio mehr", sagt Sachers lachend.