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Sachsenkam entdecken:Mit Mut und Schlitzohrigkeit

Das neue Buch über Sachsenkam sei keine klassische Chronik, sondern führe direkt hinein in das Leben des Ortes, sagt der ehemalige Bürgermeister Hans Schneil.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Sein Gründungsjubiläum, das eigentlich für für dieses Jahr angesetzt war, kann Sachsenkam aufgrund der Corona-Pandemie erst zu einem späteren Zeitpunkt feiern. Ein Buch bringt allerdings schon jetzt die Geschichte und die Seele des Dorfes nahe.

Es erinnert fast ein wenig an einen binären Code: 1000, 1001, 1010 oder 1011. Doch dies sind Zahlen, die man alle mit dem Alter des bayerischen Dorfes Sachsenkam aktuell in Verbindung bringen kann. "Zumindest, was die Belegbarkeit durch Urkunden angeht, denn Sachsenkam ist eigentlich sogar noch viel älter", betont Hans Schneil, ehemaliger Bürgermeister des Ortes.

Aber der Reihe nach: 1000 Jahre, das war der Markstein, den die oberbayerische Kommune ursprünglich in diesem Jahr feiern wollte mit einem dreitägigen Festreigen im Juli. Die runde Zahl bezieht sich auf die Nennung Sachsenkams im Jahr 1020 in den sogenannten Tegernseer Verlustlisten, die lange als älteste offizielle Erwähnung galten. Doch wie es sich für die Vorbereitung einer 1000-Jahr-Feier gehört, begann ein Team Ortskundiger schon vor etwa zwei Jahren zu recherchieren, um zum Jubiläum ein Buch herauszugeben. Und dieses Team mit Hans Reiter, Helmut Rührmair, Ulli Schneil, Christa Rührmair und Sepp "James" Bacher stieß im Zuge der Recherchen auf drei Schenkungsurkunden im Cartular, zu deutsch: Besitzverzeichnis, des Klosters Ebersberg - aus dem Jahr 1010. Unter den sechs Zeugen, die darauf aufgeführt werden, steht an erster Stelle ein "Adalpero de Sahsincheim", der erste bislang bekannte Herr von Sachsenkam. Demnach also war das Dorf zehn Jahre älter als angenommen. "Wir haben uns aber dennoch entschlossen, 2020 das 1000. Gründungsjubiläum zu feiern und nicht das 1010. Jubiläum, das wäre schon komisch gewesen", berichtet Hans Schneil. Die Jahre, die der Ort mit seiner Gründungsfeier eigentlich zu spät gewesen wäre, fallen spätestens dann nicht mehr ins Gewicht, wenn man sich die Belege in Erinnerung ruft, dass das Dorf noch weit älter ist. Denn ein spektakulärer Fund in einer Baugrube in den 1960er Jahren führt gar bis ins die Zeit von 500 bis 400 vor Christus zurück. Damals wurde bei einem Aushub für einen Hausneubau an einem Moränenhügel am Rande des Moors eine keltische Tierkopf-Fibel aus der Latène-Zeit gefunden. Solche Fibeln sind Broschen, die Gewänder und Umhänge zusammenhalten. An der Fundstelle wurden auch zerbrochene Knochenreste entdeckt - möglicherweise menschliche Überreste. Als sie nach einigen Tagen näher untersucht werden sollten, waren sie allerdings verschwunden und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Trotzdem legte der Fund nahe, dass es sich bei der Fibel um eine Grabbeigabe handelte und nicht um etwas Verlorenes, auch wenn es bislang bei dem einen Fund blieb.

Wäre noch die Frage nach den ungeraden Zahlen 1001 und 1011 zu klären: Sie kommen zustande durch die aktuelle Corona-Pandemie, denn die Feierlichkeiten Sachsenkams mussten wegen des Virus um ein Jahr auf 2021 verschoben. Somit kann sich jeder denken, dass es eigentlich die 1001-Jahres-Feier oder aber, seit den neuen Erkenntnissen, gar die 1011-Jahr-Feier werden müsste. "Aber wir bleiben bei den 1000. Punkt", sagt Schneil.

Auch wenn die Feiern zum großen Jubiläum noch warten müssen: Die akribischen Vorbereitungen und Recherchen sind inzwischen in ein aufwendiges Buchprojekt geflossen, das ab sofort im Ort erhältlich ist. "Sachsenkam - Geschichte, Geschichten und Bilder aus unserem Dorf" ist das 180 Seiten starke Werk betitelt, das Hans Reiter, Helmut Rührmair, Ulli Schneil, Christa Rührmair und Sepp "James" Bacher mit viel ehrenamtlichem Zeitaufwand und Herzblut zusammengestellt haben. "Es ist keine klassische Chronik", betont der ehemalige Bürgermeister Schneil. Stattdessen führe es "direkt hinein ins Sachsenkamer Leben", wie es im Vorwort heißt, und zwar mit einem lebendigen Panoptikum all dessen, was das Dorf ausmacht. Es erzählt von der Entstehung und Entwicklung des Ortes, von wichtigen Ereignissen und bedeutenden Persönlichkeiten, etwa Kaspar Winzerer II., der in Bad Tölz das sogenannte Pflegerhaus erbaute, von 1465 an Pfleger von Tölz war und sich als erster Winzerer auch "Herr von Sachsenkam" nannte, da ihm die Hofmark 1475 als Lehen vom Herzog gegeben wurde. Oder Johann Mayr, der als Abt Plazidus viele bedeutende Spuren im Kloster Benediktbeuern hinterließ.

Genauso spannend erzählt das Buch auch vom Alltag der Bewohner, "den sie mit Mut und Beharrlichkeit, Witz und Schlitzohrigkeit zu meistern suchten", wie es darin heißt. Das Werk habe, betont auch Schneil, keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Kurze Schlaglichter würden auf die Geschichte geworfen, auf wichtige, historische und humorvolle Begebenheiten. So habe man versucht, anzudeuten, was das Dorf und seine Bewohner ausmache, kurzum, was die Seele Sachsenkams sei. Auch Selbstironie fehlt nicht, etwa, wenn die Autoren von der zunehmenden Beliebtheit des Kirchsees seit den 1970er Jahren erzählen. Als sich die Klagen häuften, weil vor allem Hundebesitzer ihre Zamperl mit ins Wasser nahmen und Reiter durch das flache Wasser galoppierten, beschloss der damalige Gemeinderat, Schilder aufzustellen. Auf den sieben Schildern stand "Tiere gehören nicht ins Wasser". Sie waren schon fertig, als ein Gemeinderat die Stirn runzelte und fragte, was denn eigentlich mit den Fröschen, Fischen und Schlangen sei. Die Schilder lagern wohl bis heute ungenutzt im Bauhof.

Auch der Begeisterung der Sachsenkamer für Musik und für das Hochhalten von Sitten, Gebräuchen und Traditionen sind Kapitel in dem Buchl gewidmet, ebenso wie den landschaftlichen Besonderheiten, den alten Flurnamen sowie den Wirtshausgeschichten, die von Spitzbuben und Originalen und dem speziellen Humor der Sachsenkamer erzählen. "Altes Wissen, Überlieferungen, Persönlichkeiten, Bräuche und Geschichten wollten wir mit dem Buch für die Nachwelt bewahren", bringt es Schneil auf den Punkt. "Denn viele, die neu herziehen, wissen gar nicht, was den Ort außer seiner Lage noch auszeichnet. Und das ist wahrlich viel Liebens- und Lebenswürdiges."

Sachsenkam Buch: Cover und Innen

Geschichte und Geschichten: Bedeutende Persönlichkeiten kommen in dem neuen Band über Sachsenkam ebenso vor wie allerlei Wirtshauserzählungen, die von Originalen und vom speziellen Humor der Einwohner zeugen.

(Foto: Claudia Koestler/OH)

Das Buch "Sachsenkam - Geschichte, Geschichten und Bilder aus unserem Dorf" kostet 14,50 Euro und ist erhältlich in der Dorfbäckerei Lipp, im Nah&Gut, bei Elektro Slawik und im Kopierladen Pummer Sachsenkam.

© SZ vom 25.05.2020

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