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Projekt vor dem Aus:Rathauscafé bleibt geschlossen

Konditorin Barbara Schramm-Kastl  Ratscherl-Wirtin Rita Schmid  Rathauscafé Wolfratshausen

Ein Bild aus hoffnungsvollen Zeiten: Im Februar war Ratscherl-Wirtin Rita Schmid (re.) noch voller Zuversicht, zusammen mit Konditorin Barbara Schramm-Kastl dem Rathauscafé bald neues Leben einzuhauchen. Nun äußert sie sich enttäuscht über den Stadtratsbeschluss.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Wolfratshauser Stadtrat lehnt die Pläne für eine Wiedereröffnung des Gebäudes am Loisachufer ab. Die Gesamtkosten von etwa einer Million Euro sind den meisten Mandatsträgern in Corona-Zeiten zu hoch

Von Konstantin Kaip

Die Wiederbelebung des Wolfratshauser Rathauscafés haben viele sehnsüchtig erwartet. Im städtischen Gebäude am Loisachufer, das seit Mai 2019 leer steht, wollten die Ratscherl-Wirtin Rita Schmid und die Konditorin Barbara Schramm-Kastl bald wieder selbstgemachte Kuchen, Torten und Pralinen und einen Mittagstisch mit regionalen Produkten anbieten. Nun aber steht ihr Projekt vor dem Aus. Die erste seriöse Kostenschätzung hat ergeben, dass die Ertüchtigung der Räume für den angedachten Betrieb circa eine Million Euro kosten würde. Der Stadtrat ist in der Corona-Krise nicht bereit, so viel Geld zur Verfügung zu stellen.

Das Gremium stimmte am Dienstag zwar mehrheitlich der Ertüchtigung für eine große Küche im Erdgeschoss zu. Die Maßnahmen für eine Produktionsstätte im Keller wurde jedoch mit großer Mehrheit abgelehnt. Die wäre den Pächterinnen zufolge aber notwendig, um das Café wirtschaftlich zu betreiben. Sie sehe nun "fast keine Möglichkeit mehr", den Betrieb zu eröffnen, sagt Rita Schmid zu dem Beschluss.

Im April hatte der Stadtrat beschlossen, für die Renovierung des Cafés 445 000 Euro im Haushalt einzustellen. Mit den Arbeiten wurde die Städtische Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft (Stäwo) beauftragt. Dass das Geld nicht reichen würde, wurde bald klar. Nachdem die ursprünglich vorgesehenen Fachplaner den Auftrag wegen der Deckelung abgesagt hatten, schaltete die Stäwo einen anderen lange bekannten Planer ein, der nach der Entkernung der Räume eine Kostenschätzung für die von den Pächterinnen gewünschte "Maximallösung" mit neuer Produktionsstätte im Keller und einer Küche für etwa 100 warme Essen im Erdgeschoss erstellte. Demnach würden sich die Kosten wegen der Technik für Lüftung, Elektro, Sanitär und Heizung auf etwa eine Million Euro belaufen. "Der schlechte Zustand des Hauses war erst nach der vollständigen Demontage in vollem Umfang sichtbar", sagte Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW).

In der Debatte zeigte sich, dass die Stadträte solch hohe Investitionen ablehnten - zumal es sich, wie Stäwo-Geschäftsführer Lothar Ortolf sagte, bisher nur um eine "grobe Kostenschätzung" handle. Angesichts der Corona-Krise sei "keine Zeit für finanzielle Experimente", sagte SPD-Fraktionssprecher Fritz Meixner. Auch BVW-Sprecher Josef Praller warnte davor, den Investitionsansatz vor der Klausur zur Finanzlage am 24. Juli "zu verdoppeln". Und der Zweite Bürgermeister Günther Eibl erklärte, dass seine CSU-Fraktion am Kostendeckel von 445 000 Euro festhalten wolle. Mit diesem habe man "den zweiten Schritt vor dem ersten getan", sagte hingegen Manfred Menke (SPD). "Wir haben einen Beschluss gefasst über eine Summe, ohne belastbare Zahlen zu haben." Er plädierte als einziger dafür, die von den Pächterinnen gewünschte Nutzung weiterzuverfolgen. Deren eigener Planer sei zu einer günstigeren Schätzung gekommen sei, sagte Menke. Möglicherweise ließen sich die Kosten drücken, wenn sich beide Planer absprächen. Das Rathauscafé sei schließlich ein "zentraler Punkt am Loisachufer".

Das betonte auch die Dritte Bürgermeisterin Annette Heinloth (Grüne). Das Café sei essenziell, um die Stadt wieder attraktiver zu machen, und diene so auch dem Allgemeinwohl, sagte sie. Damit es erfolgreich sei, brauche es eine gute Gastronomie und eine große Küche. Eine "Sandwich-Küche" reiche nicht. Sie plädierte dafür, das Erdgeschoss entsprechend auszustatten, was laut Schätzung Gesamtkosten von etwa 600 000 Euro verursachen würde - eine Summe, die "gerade noch vertretbar" sei. Eine Produktionsstätte im Untergeschoss, deren Ausstattung alleine mehr als 300 000 Euro kosten würde, müsse man jedoch angesichts der Krise ablehnen. Ähnlich sah dies die Wolfratshauser Liste. "Es wäre nahezu fahrlässig, wenn man diese für unsere Bürger so wichtige Institution aufgeben würde", sagte Sprecher Helmut Forster zum Rathauscafé.

Nach mehreren Diskussionen über das Procedere der Abstimmung stimmte der Stadtrat schließlich zunächst einmütig gegen die Nutzung der Immobilie als Büros. Dann wurde mit 20 zu fünf Stimmen (gegen die CSU-Fraktion) der Ertüchtigung des Erdgeschosses für eine große Küche zugestimmt. Eine Produktionsstätte im Keller lehnte der Stadtrat mit großer Mehrheit ab, lediglich Menke war dafür. Schließlich wurde der Beschluss für die Deckelung der Sanierung vom April einstimmig aufgehoben. Wie Bauamtsleiterin Susanne Leonhard erklärt, will die Stadt nun zunächst das Gespräch mit Schmid und Schramm-Kastl abwarten. Sollten sie das Café ohne die von der Stadt finanzierte Ertüchtigung des Untergeschosses zur Produktionsstätte nicht betreiben wollen, werde die Stadt die Immobilie ausschreiben.

"Wir sind sehr, sehr enttäuscht", sagt Rita Schmid über die Beschlüsse. "Wenn man 30 Jahre nichts macht, muss man damit rechnen, dass man investieren muss." Sie werde sich nun noch einmal mit Schramm-Kastl, ihren Töchtern und ihrem Planer zusammensetzen. Die Küche für das Restaurant und die Produktion von Pralinen und Torten zu nutzen, halte sie jedoch nach wie vor für unpraktikabel.

© SZ vom 16.07.2020

Kommentar
Rathauscafé
:Corona als Totschlagargument

Kommune müssen in der Corona-Krise vosichtig sein. Wenn Sparen aber zur alles übertönenden Doktrin wird, tut eine Stadt ihren Bürgern keinen Gefallen. Das zeigte sich in Wolfratshausen, wo der Stadtrat mit bürokratischer Kaltblütigkeit das Geschäftsmodell zweier Pächterinnen für das Rathauscafe am Loisachufer abgelehnt hat. Es wäre zu wünschen, dass weiterhin nach einer Lösung gesucht wird _ für alle, die sich sehnsüchtig eine Wiedereröffnung dieses Treffpunkts wünschen.

Von Konstantin Kaip

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