Erinnerung an den 28. April 1945:Geschichtsbewahrung mit Stolpersteinen

Erinnerung an den 28. April 1945: An der Bürgermeister-Rummer-Straße verlegte der Künstler Gunter Demnig mit Hilfe von Penzbergs Bürgermeister Stefan Korpan die ersten beiden Stolpersteine für das Ehepaar Fleissner.

An der Bürgermeister-Rummer-Straße verlegte der Künstler Gunter Demnig mit Hilfe von Penzbergs Bürgermeister Stefan Korpan die ersten beiden Stolpersteine für das Ehepaar Fleissner.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stadt Penzberg gedenkt der 16 Opfer der Mordnacht. Künstler Gunter Demnig verlegt selbst die ersten fünf Steine.

Von Alexandra Vecchiato

77 Jahre ist es her, dass in Penzberg 16 Frauen und Männer in den letzten Kriegstagen von den Nazis ermordet wurden. Das Gedenken an die Opfer der Mordnacht vom 28. April 1945 wird in der Stadt hochgehalten. Künftig erinnern sogenannte Stolpersteine an die Ermordeten. Der Künstler Gunter Demnig, der seit 1996 zur Erinnerung an Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus diese verlegt, kam Mittwoch nach Penzberg, um dort die ersten fünf Stolpersteine in die Gehsteige vor den früheren Wohnhäusern einzulassen. Darunter den europaweit 90 000. Stolperstein, der an Agathe Fleissner erinnert, die erhängt wurde.

Jedes Jahr halte die Stadt das Andenken an die Opfer der Mordnacht wach, sagte Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) in seiner Ansprache. Die Stolpersteine bildeten eine weitere Facette in der Aufarbeitung der Penzberger Mordnacht - "und eine ganz besondere: Denn durch die Stolpersteine wird der Fokus auf das Leben der Menschen gelegt. Und eben nicht nur auf deren Ermordung", sagte Korpan. Die Recherche zu den Wohnorten der Opfer habe gezeigt, wie schwierig es aus heutiger Sicht sei, die Lebensmittelpunkte der Penzberger Ehrenbürger zu rekonstruieren. Die Arbeit habe "aber auch die Bedeutung der Geschichtsbewahrung offenbart", sagte Korpan. So habe der eine gewusst, wen er fragen könne, der andere, welches Netzwerk er anzapfen musste, "bis wir am Ende alle Wohnstandorte auf die aktuelle Stadtkarte übertragen konnten". Beeindruckend sei gewesen, wie die mit der Recherche betrauten Personen ins Gespräch über die Menschen kamen, die vor 77 Jahren viel zu früh ihr Leben ließen.

Erinnerung an den 28. April 1945: Sowohl die 16 Opfer der Penzberger Mordnacht erhalten je einen Stolperstein als auch die beiden Überlebenden vom 28. April 1945, Sebastian Tauschinger und Franz Schwab.

Sowohl die 16 Opfer der Penzberger Mordnacht erhalten je einen Stolperstein als auch die beiden Überlebenden vom 28. April 1945, Sebastian Tauschinger und Franz Schwab.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In 1265 Städten und Gemeinden in Deutschland hat Demnig Stolpersteine verlegt. Bald werde es sie in 27 Ländern geben, als nächstes im Kosovo, erzählte der Künstler. In Penzberg setzte Demnig eigenhändig die Steine für den damaligen SPD-Bürgermeister Hans Rummer, für das Ehepaar Agathe und Franz Xaver Fleißner (alle an der Bürgermeister-Rummer-Straße), für Franz Biersack und Johann Summerdinger (beide an der Bahnhofstraße). Stolpersteine bekommen überdies die beiden Überlebenden Sebastian Tauschinger und Franz Schwab.

Es sei eine besondere Grausamkeit, die am 28. April 1945 in Penzberg geschehen sei, sagte Demnig. Er freue sich über die Penzberger Initiative. Denn jeder Stein sei wichtig. Zudem dankte er den Mitarbeiter des städtischen Bauhofs für ihre Vorarbeit: "Als Künstler kann man eine Idee haben, aber es braucht auch Leute für die Umsetzung." 1992 hatte er den Stolperstein-Prototyp in Köln gesetzt. Viele sind seitdem hinzugekommen, die laut Demnig vor allem jungen Menschen einen anderen, lebendigeren Zugang zur deutschen Geschichte ermöglichten. Demnig zitierte einen Rabbi: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Und einen Überlebenden des Holocaust, der als 14-Jähriger allein nach Großbritannien geschickt wurde. Für ihn sei das ein Abenteuer gewesen, habe dieser erzählt. Damals habe er nicht verstanden, warum seine Mutter und seine Tante beim Abschied am Bahnsteig weinten. Beide seien im KZ umgekommen. "Für mich sind es Schlusssteine", habe der Mann ihm erzählt, die es ihm ermöglichten, wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen.

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