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Pandemie in Bad Tölz-Wolfratshausen:Irritierende Impfpraxis

Coronavirus - Slowenien

Die verfügbaren Impfstoffe kommen derzeit in sehr unterschiedlichen Mengen im Landkreis an.

(Foto: dpa)

Im Landkreis warten Bürger über 80 weiter auf ihre Corona-Impfung, während wesentlich Jüngere bereits eine erhalten haben. Das liegt zum einen am Vakzin - aber auch an einem undurchschaubaren Auswahlverfahren.

Von Konstantin Kaip

Die Nachricht, dass es im Landkreis in den kommenden zwei Wochen keine Erstimpfungen gegen Corona geben wird, weil die zugeteilten Vakzin-Dosen nur für die anstehenden Zweitimpfungen reichen, hat Dieter Drewnitzki irritiert. Der Tölzer hatte schließlich erst tags davor in der Zeitung über die Impffortschritte gelesen - und davon, dass sein Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) mit 43 Jahren bereits seine Spritze bekommen hat. Drewnitzki wird im Juli 81 und hat sich nach eigenen Angaben Anfang Januar für eine Immunisierung registrieren lassen. Außer einer Bestätigung, dass er erfasst sei, habe er noch nichts vom Impfzentrum gehört. "Ich warte weiter geduldig auf einen Termin", sagt er. Er neide Mehner seine Impfung nicht, betont der Rentner. Irritiert hat ihn das aber schon.

Drewnitzki ist nicht der Einzige, der die Impfpraxis schwer nachvollziehen kann. Zwar hat Mehner das Vakzin Astra Zeneca erhalten, das die Ständige Impfkommission bislang nur für Personen empfiehlt, die jünger als 65 sind. Und das Landratsamt hat erklärt, dass neben dem Alter auch Faktoren wie Beruf und Vorerkrankungen bei der Priorisierung eine Rolle spielen. Landrat Josef Niedermaier (FW), der mit seinen 59 Jahren älter ist als Mehner und als Chef der Kreisbehörde einen mindestens ebenso entscheidenden Beruf ausübt, hat jedoch noch keinen Termin vom Impfzentrum erhalten. Der Landrat kann das aber erklären. Er habe sich bereits im Dezember registriert, sagt Niedermaier. Die Abfragekriterien zum Beruf seien im System damals noch nicht so ausgearbeitet gewesen. Mehner hingegen habe angekreuzt, dass er Leiter einer Kommunalbehörde sei und sei deshalb vom System bevorzugt worden. Auch Mitarbeiterinnen seiner Bäckerei, berichtet Niedermaier, hätten schon Impftermine bekommen, weil sie bei der Registrierung ihren Job mit täglichem Kundenkontakt angegeben hätten.

Dass so etwas vor allem bei den über 80-Jährigen für "viel Ärger" sorgt, könne er nachvollziehen, sagt Niedermaier. Während zuletzt viele Dosen Astra Zeneca an Jüngere verabreicht wurden, darunter laut Landrat auch schon an etliche Lehrer und Erzieherinnen, herrsche ein "Riesenmangel" bei den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna, die auch für ältere empfohlen werden. Das System sei "sehr komplex", sagt der Landrat. "Das versteht keiner - und das zu Recht."

"Warum eine Person ausgewählt wird, kann man nicht nachvollziehen", erklärt dazu Michael Heigl von der Pressestelle des Landratsamts, "weil die Software das automatisch ermittelt." Die Behörde pflege Art und Menge des erhaltenen Impfstoffs in das System ein. Das ermittle dann aufgrund der Angaben aus der Registrierung, die schon jetzt grundsätzlich jedem offen steht, wer als Nächstes dran ist. "Wir können nicht in die Impfreihenfolge eingreifen." Dass zahlreiche Bürger über 80 noch auf ihre Termine warten, liegt auch an der Immunisierung in den Alten- und Pflegeheimen. Die habe "absolut oberste Priorität" gehabt, sagt Niedermaier. So habe das für die Impfzentren zuständige Sachgebiet Katastrophenschutz die in den Heimen zu verabreichenden Dosen stets von der Menge abgezogen, die im System eingepflegt wurde. "Am Anfang blieb da nicht viel übrig", sagt der Landrat. Inzwischen sei man in den Heimen aber "auf der Zielgeraden". Von den rund 9000 Bürgern über 80, die nicht in Heimen leben, konnte laut Landratsamt schätzungsweise bereits ein Viertel geimpft werden. "Genaue Zahlen lassen sich leider nicht ermitteln", heißt es. Die Impfsoftware lasse trotz mehrmaliger Forderung der Landräte keine diesbezügliche Abfrage zu.

Dass die Impfdosen in den kommenden zwei Wochen nur für die knapp 1000 anstehenden Zweitimpfungen reichen, liege auch daran, dass der Landkreis zuletzt viel geimpft habe, sagt Niedermaier. "Wir haben auf Geheiß der Staatsregierung ziemlich Gas gegeben." Die nun von der staatlichen Koordinierungsstelle angekündigte Ration entspräche "bei Weitem nicht" dem, was man angefordert habe. "Jetzt werden wir für unseren Fleiß bestraft, weil wir mit den uns zugeteilten Liefermengen gerade so die hohe Zahl anstehender Zweitimpfungen abdecken können." Das sei "sehr ärgerlich", sagt der Landrat. "Man ist gerade dabei, extrem viel Vertrauen zu verspielen bei der Bevölkerung."

Der Impfstoff sollte flexibler an die Landkreise verteilt werden, fordert Niedermaier. Wo es mehr Kapazitäten gebe, solle auch mehr Vakzin ankommen. "Das versteht doch kein Mensch mehr, wenn in manchen Landkreisen der Impfstoff liegen bleibt und in anderen Landkreisen die Kapazitäten gar nicht ganz ausgeschöpft werden können." Das dies zeitnah geändert werde, sei aber unwahrscheinlich. Es bleibe nur zu hoffen, dass sich die zugeteilten Mengen bald erhöhen. In den Einrichtungen bereite man sich in den kommenden zwei Wochen auch darauf vor. "Wir sind gerade dabei, die Kapazitäten in den Impfzentren nochmals zu erhöhen."

© SZ vom 03.03.2021
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