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"Es pressiert":Unter Zeitdruck auf Feldern und Äckern

Josef Brunner Endlhausen

In dem Eglinger Ortsteil Endlhausen werden Getreide und und Kartoffeln für "Unser Land" angebaut.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der lange Winter führt im Oberland zu Verzögerungen und Einbußen in der Landwirtschaft. Pflanzen und Bauern müssen nun verlorene Zeit aufholen.

Von Claudia Koestler

Dem Volksmund nach mag im Märzen der Bauer die Rösslein einspannen, doch die Realität sieht anders aus, zumindest in der Region in diesem Jahr. Im März hatte der Winter noch weite Teile des Landes im Griff, genauso wie im April. Erst Ende Mai wollte sich endlich ein bisschen Frühling einstellen - was nun erhebliche Konsequenzen für die heimische Landwirtschaft mit sich bringt. Denn Bodenbearbeitung, Düngung, Aussaat und Mahd sind durch das lange kalte Frühjahr um ein bis zwei Monate verzögert. Ob die Pflanzen dies noch kompensieren können, hängt von der Witterung in den nächsten Wochen ab. Und das wiederum wird entscheidend sein für alles, was letztlich und wann beim Verbraucher auf dem Teller landen kann - und zu welchem Preis.

"Ich erkläre es immer gerne mit dem Beispiel von Salat", sagt Kreisbäuerin Ursula Fiechtner aus Wackersberg. Wenn der beginne, auszuschießen, könne er zwar noch geerntet und verzehrt werden, sei aber holzig, nicht mehr so schmackhaft und nicht mehr so nährstoffreich. Ähnlich verhalte es sich gerade mit der gesamten Vegetation: Nach dem langen Winter und dem kalten Frühjahr habe die schnelle Erwärmung seit Ende Mai dazu geführt, dass die Natur nun förmlich "explodiere", alles also rasant schnell in die Höhe schießt. Für die Landwirte bedeute dies vor allem mehr Arbeit und Organisation, sagt Fiechtner. "Kurzum: es pressiert." Denn auch wenn es vor allem südlichen Landkreis so gut wie keinen gewerblichen Ackerbau gibt, für die dortigen Grünland- und Milchviehbetriebe stehen aktuell die erste Heumahd, respektive die Silo-Arbeiten an. Für diese Arbeiten, die ineinandergreifen müssen und deshalb auch Silierketten genannt werden, würden sich viele Landwirte die erforderlichen großen Maschinen untereinander ausleihen. "Und den letzten beißen dann die Hunde, wenn es für den richtigen Erntezeitpunkt eine kurze Zeitspanne gibt", sagt Fiechtner. Allerdings sei dieses Jahr in ihren Augen keine extreme oder gar einzigartige Ausnahme: "Mei, wir haben das schon öfters erlebt, dass es erst so Anfang, Mitte Juni losgehen kann - 1985 etwa war es der 9. Juni."

Auch die Solidargemeinschaft "Unser Land" bestätigt, dass heuer viele Pflanzen ihrer Produzenten in der Entwicklung zurückliegen. "Teilweise sind gleich alle Auspflanzungen erfroren", berichtet die Vorsitzende Adriane Schua. Der Frost habe zum Beispiel die Essiggurken schlimm erwischt, so dass nun teilweise komplett neu gepflanzt werden müsse. Und bei den Kartoffeln - am nördlichsten Zipfel des Landkreises, in Endlhausen, pflanzt ein Landwirt diese neben Getreide für die Solidargemeinschaft an - gibt es Verzögerungen von um die drei Wochen. Aber dass sich die Natur eben nicht nach der Stechuhr richtet, "das ist das täglich Brot der Bauern." Schua hofft, dass es zur Bewusstseinsbildung beim Kunden beiträgt, wenn eben nicht jedes regionale Produkt ständig oder zum gleichen Zeitpunkt verfügbar sei. Ob die Waren dieses Jahr auch teurer werden, kann Schua für die "Unser Land"-Produkte noch nicht absehen. Auf alle Fälle aber müssten Kunden in diesem Jahr mit Lieferverzögerungen rechnen, sagt sie.

Auch wer selbst kein Landwirt ist, aber auf die eigene Ernte nicht verzichten will, muss noch Geduld aufbringen, etwa in den vielen Kleingärten oder Parzellen. Und während auch die ersten Felder zum Selberpflücken sonst im Mai öffneten, dauert es heuer noch. Hans Sonner etwa hat seit Mitte der 1980er Jahre den Betrieb seines Vaters übernommen und erweitert. Der Königsdorfer betreibt inzwischen fünf Erdbeerfelder und zwei Himbeerfelder in der Region. Aber: "Die Erdbeerernte beginnt heuer wegen des kalten, nassen Wetters voraussichtlich Mitte Juni", lässt Sonner wissen.

© SZ vom 04.06.2021
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