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Eröffnung:Auf zwei Pfaden der Tugenden

Tugend to go: Wer sich auf den Rundgang durchs Kloster Beuerberg begibt, kann sich eine aus dem Automaten lassen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die neue Ausstellung im Kloster Beuerberg lädt zu einer Auseinandersetzung mit der Frage ein: Wie wollen wir leben? Der Rundgang beginnt mit einer individuellen Entscheidung.

Die erste Attraktion dieser Schau steht gleich ein paar Schritte hinter der Klosterpforte. Ein Holzkasten mit Münzschlitz ermuntert den Besucher, seine "Tugend für heute" zu ziehen. Mit 50 Cent ist man dabei. Es rattert, eine Klosterschwester öffnet und schließt die Augen, dann wirft die Wundermaschine ein beschriftetes Plättchen aus, das sich mit einem Gummiband in ein Armband verwandeln lässt. "Glaube" könnte darauf stehen. Oder "Hoffnung". Zwei christliche Tugenden, in denen sich Christoph Kürzeder und sein Team gerade üben dürften. Zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung "Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?" im Kloster Beuerberg ist nämlich noch wenig dort, wo es am Samstag sein sollte.

"Wir sind natürlich nicht fertig geworden, das ist nichts Neues", sagt Kürzeder beim Presserundgang kokett. "Unser Leitspruch ist es, die Unvollkommenheit zu ertragen." Es ist die fünfte Ausstellung, die der Leiter des Diözesanmuseums Freising in Beuerberg ausrichtet. Wie in den Vorjahren geht es ihm darum, an dem geschichtsträchtigen Ort Aspekte des klösterlichen Lebens zu beleuchten und zugleich Brücken ins Hier und Jetzt zu schlagen. Was in diesem Jahr anders ist: Es wird coronabedingt keine Führungen geben. Die Gäste werden sich alleine auf den Pfad der Tugend machen müssen. Genauer gesagt, auf die beiden Pfade der Tugenden.

Denn darin besteht eine originelle konzeptionelle Idee. Die Ausstellung kann auf zwei Wegen beschritten werden. Wer sich am Scheideweg nach rechts wendet, erschließt sich die Schau auf einem humanistischen Pfad über die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung. Nach links geht es durch ein Spalier von Tugenden und Lastern direkt Richtung Fegefeuer und dann scharf rechts in einen Klosterteil, der bislang nur am Tag des offenen Denkmals zugänglich war und unangenehm gemüffelt hat, den Totengang.

Der Weg über die Laster führt Richtung Fegefeuer.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Kürzeder geht davon aus, dass sich viele Besucher nach links wenden werden. "Vor allem die Stammgäste, die neugierig auf den Totengang sind." Der präsentiert sich nun trocken und licht und lädt mit einer aufpolierten Gebeinnische zum Innehalten ein. "Hier lässt sich das Leben von seinem Ende her denken", sagt Kürzeder. "Was hinterlasse ich?"

Der zweite neugestaltete Raum dürfte für viele eingeschworene Klosterfans eine Ernüchterung sein. Der illustre Likörkeller der Salesianerinnen ist verschwunden. Wo sich bislang bauchige Glasflaschen drängten und ein Hauch von Löwenzahn-Likör in der Luft lag, herrscht nun kirchliche Strenge. Die Ausstellungsmacher haben den ursprünglichen Kapitelsaal mit Altar, Chorgestühl und mahnenden Schriften an den Wänden wiederhergestellt, in dem bis zur Säkularisation die Augustiner in Beuerberg gebetet hatten. "Wir haben die Einzelteile zusammengetragen, und alles hat gepasst - wie ein Wunder."

Die Fragen, welche die Ausstellung aufwirft, sind zeitlos und brandaktuell. Wie will ich leben? Mit welcher Haltung begegne ich den Anforderungen des Zusammenlebens? Wer bin ich als Individuum in der Gemeinschaft? Diese Themen lägen in der Luft, sagt Kürzeder, nicht erst seit der Corona-Krise. "Wie kann ich klug, gerecht, tapfer und maßvoll sein in einer Welt, die sich in rasanter Geschwindigkeit wandelt und damit auch unser überliefertes Wertesystem in Frage stellt?"

Die Zugangsweise in Beuerberg ist einerseits von der Geschichte des Klosters bestimmt. So gibt es Schaukästen zu den drei evangelischen Räten Keuschheit, Armut und Gehorsam, die vor Augen führen, mit welcher Konsequenz sich die Salesianerinnen einst für ein Leben in Tugend entschieden - selbst die Ausgabe einer Zahnbürste oblag dem Orden. Auf der anderen Seite gibt es spielerische und interaktive Stationen, die den Bogen ins eigene Leben schlagen. So können Besucher etwa in einem kleinen Gerichtssaal über reale juristische Streitfälle entscheiden und ihren Gerechtigkeitssinn prüfen.

"Wir wollen nicht moralinsauer sein", erklärt Kürzeder. "Wir wollen Menschen auf den Weg schicken, um zu fragen: Was haben die Tugenden mit mir zu tun?" Auch bei dieser Schau vertraut er auf den "Beuerberg-Effekt". Der äußere sich darin, dass die Leute nach dem Rundgang noch lange zusammenstünden und ein großes Bedürfnis nach Austausch hätten. "Dieses Kloster ist ein Reflexionsraum."

Coronabedingt sind nur 70 Besucher auf der 1400 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche zulässig. Angenehme Ausweichmöglichkeiten bieten das Refektorium (Reservierung empfohlen) und der wunderbare Garten.

"Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?", 30. Mai bis 1. November, geöffnet Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen, 10 bis 18 Uhr, aktuelle Infos unter www.dimu-freising.de/kloster-beuerberg sowie auf Instagram unter @klosterbeuerberg

© SZ vom 29.05.2020

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