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Klimaproteste:Abgekühlt

Die Corona-Krise macht Proteste für mehr Klimaschutz gerade schwierig. Drei Fridays-for-Future-Gruppen in der Region geben die Hoffnung dennoch nicht auf - wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.

Die drei "Fridays for Future"-Hochburgen in der Region befinden sich gerade an ganz unterschiedlichen Punkten. Die einen sind kurz davor, durchzustarten, die anderen drohen auszulaufen. Eine Sorge teilen sie jedoch: Dass die Politik glaube, mit der Corona-Krise die Klimakrise vergessen machen zu können.

Corona "hat uns tatsächlich ein bisschen blöd erwischt", sagt Emilie Fröhner. Für den 13. März hatte sie, zusammen mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten, die allererste "Fridays for Future"-(FFF)Demo für Wolfratshausen geplant. Um die 70 Wolfratshauser hatten sich der Bewegung angeschlossen. Und dann kam das Coronavirus. Doch: "Wir sind jetzt schon ständig am Besprechen: Wann können wir weitermachen, was gibt es für Alternativaktionen."

Die FFF-Bewegung höre auf die Wissenschaft, sei es nun Klima- oder Corona-Krise, sagt die 15-Jährige. Auf der Straße streiken werde ihre Gruppe also erst, "wenn wir von der Wissenschaft das Okay kriegen." Bis dahin nimmt Wolfratshausen an den deutschlandweiten Aktionen teil: mit Plakaten und Bannern, die freitags an Gartenzäunen und Fenstersimsen hängen und von denen sich Fotos im Internet sammeln. "Jede Aktion bewirkt etwas", gibt Fröhner sich überzeugt. Die Klimakrise dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Und die Wolfratshauser hätten begonnen, umzudenken: Die Menschen hätten nun Zeit und Motivation, Sport zu machen, Rad zu fahren. "Ich glaube viele Leute finden ganz neue Dinge für sich heraus." Vielleicht hätten einige realisiert: "Hey, ich muss zum Supermarkt um die Ecke nicht mit dem Auto fahren", hofft die Veganerin. "Es muss nicht jeder perfekt sein, aber einmal die Woche weniger Fleisch essen", sagt sie, "wenn das viele machen, hat das einen großen Effekt." Die Realschülerin warnt jedoch auch: Wolfratshausen habe den Klimanotstand ausgerufen, nun müssten Taten folgen. "Meine größte Sorge ist, dass wir nach Corona falsch ansetzen, dass wir in die falschen Dinge investieren und einfach nicht an die nächsten Generationen, an die Umwelt denken."

Emilie Fröhner aus Wolfratshausen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Während die Wolfratshauser Aktivisten noch auf weitere Lockerungen der Corona-Regeln warten, planen die Tölzer schon für diesen Freitag eine Mahnwache. Maximal 50 Teilnehmer dürften dann kommen, mit Masken, auf 1,50 Meter Abstand. Eigentlich hätte die bewegungslose Demo schon am vergangenen Freitag zustande kommen sollen, doch das Organisieren über Whatsapp und Skype gestalte sich zäher als im direkten Kontakt. Immer ein Mensch müsse im Live-Gespräch die Struktur vorgeben, sagt Lukas von Andrian, auf Whatsapp kämen kaum Reaktionen. "Es macht weniger Spaß."

Der 16-Jährige gründete Anfang März 2019 zusammen mit einem Freund die FFF-Gruppe in Bad Tölz. Mittlerweile sind sie acht Organisatoren. Sie demonstrierten nahezu jeden zweiten Freitag - so zuletzt auch am 20. April, mit mehr als 600 Teilnehmern. Seit der Gründung habe er drei Stunden täglich in den Klimakampf investiert, sagt Andrian. Die Corona-Krise kam ihm nun entgegen, als kleine Klimakampfpause. "Hat schon gut getan."

Eine Verschnaufpause habe das Coronavirus auch der Umwelt geschenkt. "Die Fische sind zurückgekommen in die Kanäle in Venedig, wir haben in China keinen Smog mehr, unsere Städte sind weniger Autobelastet", zählt Andrian auf. "Ich würde mir wünschen, dass die Menschen merken, wie schön das ist, wie cool das ist." Und dann kam die Abwrackprämie der Bundesregierung. Für die Aktionäre, "die Unmengen an Geld verdienen", sagt Andrian. Die Klimakrise werde extremere Ausmaße annehmen als die Corona-Krise. Trockenheit, versalzenes Ackerland, Hungersnöte.

Seine Forderungen an die Bad Tölzer Lokalpolitiker sind deshalb diese: Heizen müsse die Gemeinde mit erneuerbaren Energien, bislang liege dort der Prozentsatz bei "unter 20 Prozent, was katastrophal ist." Durch die Straßen würden Diesel- statt Wasserstoffbussen fahren. "Weg vom SUV, Fahrradwege ausbauen", fordert Andrian. Die Tölzer Landwirte bräuchten eine biologische Landwirtschaft, mit weniger Tierhaltung.

Lukas von Andrian aus Bad Tölz.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Um diese Ziele zu erreichen, sagt Andrian, sei Kommunikation enorm wichtig. Ohne Kommunikation könne keine Veränderung eintreten. Doch: "Wenn man so lange auf der Straße war - das ist unglaublich krass, das ist richtig heftig", beklagt er. "Uns gibt es seit über einem Jahr und es ist noch nichts passiert." Manchmal frage er sich schon: "Was geht bei unserer Regierung ab? Interessiert es die überhaupt noch, was wir jungen Menschen wollen? Oder interessiert es die nur, was die Aktionäre wollen." Der Realschüler schreibt bald seine Abschlussprüfung. Danach wird er sich aus der FFF-Bewegung in Bad Tölz zurückziehen. Sein Kampf fürs Klima gehe weiter.

Selina Rudolph aus Kochel scheint "Fridays for Future" indes schon aufgegeben zu haben. Die 18-Jährige gründete im Januar 2019 eine FFF-Gruppe in Penzberg, weil dort viele Schulen angesiedelt sind. Um die 60 Schülerinnen und Schüler waren mit ihr aktiv, "zum Höchststand waren wir um die 150 in der Gruppe", sagt Rudolph. Drei, vier größere und zwei, drei kleinere Demos habe sie im vergangenen Jahr organisiert. Lieber weniger und dafür mehr, war ihre Einstellung. "Ich persönlich fand es cooler, wenn es ein bisschen größer aufgefahren wurde." Doch dann machte Rudolph ihr Abitur und begann in einem Supermarkt zu arbeiten, um sich das Studium im kommenden Herbst finanzieren zu können. Sie hatte weniger Zeit. Und niemand trat in Penzberg an ihre Stelle. "Ich weiß auch nicht, ob die Luft raus ist, ganz komisch", sagt sie. Schon vor der Corona-Pandemiesei in der Whatsapp-Gruppe nur noch wenig los gewesen, während Corona dann gar nichts mehr. Auch um Greta Thunberg sei es ruhig geworden. "Dadurch, dass sie dieses große Symbol war, ist sie immer angreifbarer geworden", sagt Rudolph, und verteidigt die junge Schwedin: "Ohne sie würde es diese ganze Diskussion kaum geben. Da kann man sich über sie aufregen, wie man will, aber die Diskussion ist da." Nun wie Andrian eine Mahnwache zu organisieren, wagt Rudolph jedoch nicht. Wenn mehr Leute als erlaubt zu der Versammlung erscheinen würden, wolle sie nicht dafür geradestehen.

Kritisch sieht Kochlerin, dass Corona aktuell das einzige dominierende Thema in den Medien sei. "Wenn jetzt wieder mehr über Waldbrände berichtet würde", vermutet sie, "würden die Leute sich bestimmt wieder mehr dafür einsetzen." Andererseits hat Rudolph Verständnis: "Dass man gerade nicht so viel an die Umwelt denkt, ist doof, aber jetzt auch nicht verwerflich." Schüler etwa hätten gerade enorm viele Hausaufgaben. Erwachsene plagten existenzielle Ängste. Und doch: Jene, die Arbeit hätten, lernten das Homeoffice zu schätzen. "Homeoffice ist ja gut fürs Klima: weniger Staus, weniger Autos", sagt Rudolph. Die Stadt Penzberg sieht sie auf einem guten Weg: "Ich denke, dass Klimaschutz auf einer lokalen Ebene einfacher ist, weil man sich nicht um so viel kümmern muss", sagt Rudolph. "Aber je größer es wird, desto größer muss man planen. Desto mehr kommt der Kapitalismus ins Spiel."

Selina Rudolph aus Kochel am See.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Auf dem Land, vermutet Rudolph, sei sich die Bevölkerung des Klimawandels noch nicht so sehr bewusst wie in der Stadt. Er sei weniger spürbar. Vielleicht ein Grund, warum sich auch die Jugend in Penzberg weniger engagiere. Eine ihrer gelungensten Aktionen sei die Idee einer Lehrerin des Penzberger Gymnasiums gewesen: Mit mahnenden Blicken starrten sie des Morgens jene Eltern an, die ihre Kinder einzeln mit dem Auto zur Schule fuhren. "Fahrgemeinschaften bilden oder den Bus nehmen", sei die Forderung die Lehrerinnen und Schüler gewesen. "Ganz viele Eltern haben weggeschaut: So nein, nein, nein, uns geht es nichts an", erinnert Rudolph sich.

Doch Rudolph nimmt auch die Aktivistinnen und Aktivisten selbst in die Kritik. "Wenn man nicht ernst genommen wird, muss man sich auch mal überlegen, was man anders machen kann", sagt sie. Die Bevölkerung sei zunehmend genervt von der Bewegung, während Politiker sich diese zunutze machten, um ihre Beliebtheitswerte zu steigern. Kritisch sieht Rudolph, "wenn Jugendliche selbst einen Lebensstil haben, der auf keinen Fall für Umweltschutz steht - und dann auf die Straße gehen." Jeder müsse in Sachen Klimaschutz zunächst bei sich selbst anfangen und mit sich im Reinen sein. Nur wer authentisch sei, könne andere mitreißen. Dennoch sagt Rudoph: "Ich bin total dafür, dass Jugendliche sich engagieren - weil sonst macht es gefühlt ja keiner."

© SZ vom 19.05.2020

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