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Aschenbrödel als Musical:In den wilden Wäldern von Wolfratshausen

Von der Stiefmutter und Stiefschwester gegängelt, lässt sich das Aschenbrödel, dargestellt von Marina Granchette, nicht unterkriegen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das "a.gon Theater" aus München bringt "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" als Musical in die Loisachhalle. Das kommt beim Publikum gut an.

Gerade in der Vorweihnachtszeit wird unter dem verkaufsträchtigen Label "Ein Musical für die ganze Familie" leider allzu oft Minderwertiges angeboten. Überzogen agierende Schauspieler, schlecht arrangierte Musik aus der Konserve, Klamauk auf der Bühne. Welch wohltuenden Gegensatz dazu bot "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" des "a.gon Theaters München" in der Loisachhalle am Freitagabend.

Dieses führt seinen Untertitel "Theater aus Leidenschaft" offensichtlich zu Recht. Denn diese Produktion war in der Tat mit Liebe und Leidenschaft gemacht - und das vermittelt sich. Auch und gerade den jungen Zuschauern, die erfreulich zahlreich an diesem Abend vertreten waren. Dass ein tiefroter Vorhang die Bühne versteckte und von zwei Schauspielern quasi als Ouvertüre aufgezogen wurde, ließ in der eher nüchternen Loisachhalle tatsächlich echte Theaterstimmung aufkommen.

Das quirlige, mit lustigen und fantasievollen Kostümen ausgestattete Personal stellte sich sogleich vor und ließ die Erwartung und Vorfreude weiter wachsen. Glücklicherweise geht diesem Ensemble das affektierte Sprechen so mancher Musicaldarsteller ab; die Dialoge kamen erfreulich natürlich daher. Und Singen konnten die acht Akteure tatsächlich auch. Begleitet wurden sie von real anwesenden Musikern an Keyboard, Bass, Violine und Gitarre. Zu sehen, wie die Musik gemacht wird, ist gerade für das junge Publikum, das noch wenig Live-Erfahrung hat, besonders schön. Zudem kann nur die Live-Musik auf die Gegebenheiten auf der Bühne reagieren und damit für weitere Lebendigkeit sorgen.

So waren alle Rahmenbedingungen gegeben, damit das Märchen vom Aschenbrödel seinen Zauber entfalten konnte. Dank der sympathischen Darsteller, die genau das rechte Maß an kindgerechter, praller Bühnenaktion trafen, ohne in den Klamauk abzugleiten, tat es das auch. Die Titelfigur wurde wunderbar verkörpert von Marina Granchette mit einer Mischung aus mädchenhafter Zartheit und selbstbewusster Frauenpower, die den liebenswürdigen, aber ein wenig machohaften Prinzen (Thorin Kuhn) zutiefst verwirrte. Bezeichnender Dialog: "Ich ordne an: Du kommst mit mir. Auf mein Schloss! - Und ich werde gar nicht gefragt? - Warum? Es geschieht immer, was ich will. Ich bin der Prinz!" Da lässt das Aschenbrödel den völlig verdutzten Prinzen einfach stehen und ist im Nu im Wald verschwunden.

Die böse Stiefmama, die nur auf das Eheglück ihrer begriffsstutzigen Tochter (sehr komisch: Birgit Reutter) aus ist, muss natürlich ein wenig überzogen dargestellt sein. Tanja Maria Froidl stattet diese Figur dennoch mit einer gewissen Grandezza aus. Sehr nett auch das Königspaar: Der etwas polternde, aber sehr lebensnah gezeichnete Herrscher (Oliver Severin) wird von seiner verständnisvollen Gemahlin (Eva Patricia Klosowski) liebevoll ausgebremst, wenn Vater und Sohn mal wieder aneinander geraten: "Die gerechte Strafe für seinen Trotz: Er heiratet!! - Lieber, erinnere dich: Du warst auch mal jung . . ."

Ein schön ausgestaltetes und gut durchdachtes Bühnenbild, das sich mit wenigen Handgriffen vom Königsschloss in den Wald oder die Küche des armen Aschenbrödels verwandeln ließ, erleichterte nicht nur dem jungen Publikum die Orientierung. Dabei kamen immer wieder Versatzstücke des guten, alten Theaters, das auch in Zeiten der Totaldigitalisierung noch auf die Kraft der Fantasie setzt, zum Einsatz: Die Täubchen, die die Erbsen aus der Asche lesen, flogen als Vogel-Mobile herein; Pferd und Eule, die treuen Gefährten Aschenputtels, erscheinen als Schattenrisse auf einer hellgrünen, den Wald symbolisierenden Leinwand. Im Wald findet denn auch die erste Begegnung des Paares statt, genauer gesagt "in den wilden Wäldern von Wolfratshausen", in denen der König eine große Jagd anberaumt hat. Diesen Prozess der beginnenden Verliebtheit, die zunächst gar nicht eingeordnet werden kann ("Warum fühle ich mich, wenn ich dich sehe, so . . . wie ich mich fühle?"), spielen Granchette und Kuhn ohne jeden Kitsch, sehr anrührend.

Das Happy End ist bekannt: Sie kriegen sich. Großer, verdienter Beifall in der leider nur zu Zweidritteln besetzten Loisachhalle.