bedeckt München
vgwortpixel

Engagiert gegen Plastik:"Eine Lebensaufgabe"

Erst hatte sich Bettina Kelm der Rettung der Meere verschrieben. Nun engagiert sie sich für den Umweltschutz vor der eigenen Haustür in Bichl. Ihr Credo: Jeder kann jeden Tag etwas bewirken.

Eigentlich hatte Bettina Kelm zusammen mit ihrem Mann Axel vor der Küste Panamas Buckelwale fotografieren wollen. Stattdessen fand sie sich bei einem Tauchgang in einem Albtraum wieder: Das Meer war mit Plastik verseucht, Schildkröten kämpften um ihr Leben. Zehn Jahre ist das her. Mittlerweile sind Kelm und ihr Mann nach Bichl gezogen und haben ihr Leben umgekrempelt. An diesem Donnerstag eröffnen sie ihre Foto-Ausstellung "one second" in Bad Tölz; tags darauf unterstützen sie den Bund Naturschutz bei der Gründung einer Ortsgruppe in Bichl-Benediktbeuern.

SZ: Frau Kelm, vor fünf Jahren haben Sie Ihre Ausstellung "One second" bereits einmal im Kloster Benediktbeuern gezeigt. Wie viele Tonnen Plastikmüll sind seither in die Meere gespült worden?

Bettina Kelm: Wissenschaftler gehen davon aus, dass jedes Jahr mehr als zehn Millionen Tonnen Plastikmüll dazukommen. Zugleich nimmt die weltweite Kunststoffherstellung kontinuierlich zu. Derzeit liegt sie bei 400 Millionen Tonnen im Jahr. 2015 waren es etwa 350 Millionen Tonnen.

Tortue prisonniére des filins en plastique.

Eine in Plastik gefangene Schildkröte führte Bettina Kelm die Vermüllung der Meere vor Augen.

(Foto: Thierry Eidenweil)

Frustriert Sie das nicht?

Doch, natürlich, immer wieder. Aber Frust hilft nicht. Zudem gibt es ja auch positive Entwicklungen. Das Bewusstsein und das Engagement für Natur- und Meeresschutz sind gewachsen. Die Nachfrage nach meinen Vorträgen, die ich im Namen des Vereins One Earth One Ocean halte, ist stark gestiegen. Ich bekomme Einladungen aus ganz Deutschland, könnte permanent unterwegs sein. Die Kids wollen etwas machen - sie sammeln Geld, organisieren Ausstellungen und Müllsammelaktionen. Eine Schule in Idstein hat unserem Verein 25 000 Euro gespendet. Das macht einem dann wieder Mut.

Erziehen die Kinder mittlerweile die Eltern?

Ja, so ist es. In einer Montessori-Schule haben die Schüler nach einem Workshop gesagt: Wir wissen nun Bescheid, jetzt müssen unsere Eltern kommen.

Und dann haben Sie den Eltern einen Vortrag gehalten?

Genau. Ich habe Konzepte für alle Altersgruppen. Grundschülern würde ich nie das Bild eines verendeten Tieres zumuten; die verstehen ohnehin ganz schnell, worum es geht.

Im Südpazifik fotografierte die Naturjournalistin einen Buckelwal in seiner majestätischen Schönheit. Nun setzt sie sich zunehmend für den heimischen Artenschutz ein.

(Foto: Bettina Kelm)

Das heißt, mittlerweile kennt jeder das Problem, aber keiner die Lösung?

So würde ich das nicht sagen. Zum einen gibt es immer noch Menschen, bei denen das Problem nicht angekommen ist. Unlängst war ich in einer Berliner Brennpunkt-Schule, da war das Thema noch nicht in den Köpfen. Im Großen und Ganzen sind die Fakten jedoch bekannt. Die Strände sind vermüllt, die Meere verseucht. Aber, und das ist der zweite wichtige Teil meiner Vorträge: Es gibt auch Lösungen! Ich will die Kinder ja nicht traumatisieren. Stattdessen erkläre ich ihnen, wie jeder von uns Plastik vermeiden und die Umwelt schonen kann. Jeder kann auf Mehrweglösungen umstellen und beim Einkaufen möglichst verpackungsfreie Produkte wählen.

Wie lässt sich das umsetzen, wenn man in Bichl wohnt?

Vieles lässt sich bereits im hiesigen Supermarkt verpackungsfrei einkaufen, noch besser im Klosterladen. Deo, Shampoo und Zahncreme, aber auch Müsli und Getreide gibt es im Ois-ohne-Laden in Bad Tölz. Dort bekommt man noch nicht alles, was man im Alltag braucht, aber es ist ein toller Anfang. Außerdem wollen wir mit einer neuen Ortsgruppe des Bund Naturschutz lokale Projekte vorantreiben. Am Freitag ist Gründungsversammlung im Gasthof Herzogstand. Ich werde mich im Arbeitskreis Plastik engagieren.

Der große Brachvogel ist vom Aussterben bedroht.

(Foto: Bettina Kelm)

Was für Projekte haben Sie konkret im Sinn?

Wir möchten mit lokalen Unternehmen ins Gespräch kommen mit dem Ziel, in der Gastronomie, in Cafés und Bäckereien Mehrweg-Take-Away anzustoßen und die Verpackungen im Einzelhandel zu reduzieren. Unsere Gemeinde kann noch deutlich plastikfreier werden. Darüber hinaus könnte man Einkaufsgemeinschaften bilden und gemeinsam in große Bio-Märkte fahren oder ein Repair-Café gründen. Viele sind von den schrecklichen Bildern gelähmt. Wir müssen Betroffenheit in Aktion umwandeln.

Als Natur- und Reisejournalistin möchten Sie das Bewusstsein für die Umwelt schärfen und zugleich Neugier und Reiselust wecken. Ist das nicht ein Widerspruch?

Tatsächlich bin ich da seit einiger Zeit in einem inneren Konflikt. Deshalb konzentrieren wir uns inzwischen auf heimische Reportage-Themen. Fernreisen sind selten geworden. Und wenn, bringen wir immer eine Umweltreportage mit, berichten über wertvolle Initiativen wie zum Beispiel ein Regenwaldschutzprojekt in Costa Rica. Wenn ich nun die Bilder aus Australien sehe, würde ich natürlich am liebsten die Koffer packen und hinfliegen, um zu helfen. Aber sollte ich wirklich Koalas aufpäppeln? Es gibt so viel für den heimischen Artenschutz zu tun. Wir engagieren uns im Artenhilfsprogramm Isar-Uhu und im Wiesenbrüterschutz in den Loisach-Kochelsee-Mooren. Seit einiger Zeit verstehe ich mich nicht mehr als Reise-, sondern eher als Natur- und Umweltjournalistin. Darüber diskutiere ich auch viel mit meinem Mann. Er war lange in der Automobilbranche tätig, hat gut verdient. Vor zwei Jahren konnte er seinen Job nicht mehr mit seinen Überzeugungen vereinbaren. Er hat gekündigt. Jetzt arbeitet er als Isarranger für das Landratsamt, lenkt Besucher, klärt auf. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich als Wiesenbrüter-Berater.

Das ist erstaunlich konsequent.

Es ist ein Bewusstseinsprozess, ein Umdenken, das Konsequenzen nach sich zieht. Man hinterfragt alle Lebensbereiche: Sollte man noch Fleisch essen? Fisch? Welche Bank wähle ich? Wie erzeuge ich durch meine Konsumverhalten möglichst kein Leid und Ausbeutung. Und dann entwickelt es sich zu einer Lebensaufgabe. Meinem Mann und mir ist es wichtig, die Welt für die Kinder zu erhalten, auch wenn wir selbst keine Kinder haben. Und immer, wenn ich frustriert bin von dem Ausmaß der Zerstörung, hilft mir Jane Goodalls Zitat: You must have hope! Jeder kann jeden Tag etwas bewirken. Wir können andere mitnehmen. Und wir werden immer mehr. Es passiert auch viel Positives. Die Jugend macht mir Hoffnung.

Plastikfasten Plastikverbrauch reduzieren

Bettina Kelm ist freiberufliche Autorin und Fotografin. Im Namen des Vereins One Earth One Ocean bietet sie deutschlandweit Vorträge und Workshops zum Thema Plastikmüll an. Sie lebt mit ihrem Mann in Bichl.

(Foto: Manfred Neubauer)

Und die Politik?

Da fehlt es noch gewaltig. Wir haben eine viel zu niedrige Recyclingquote. Wir brauchen ein strengeres Verpackungsgesetz, das nicht auf Freiwilligkeit baut, sondern die Industrie verbindlich zur Müllvermeidung zwingt. Wenn Verpackungen unerlässlich sind, müssen sie schadstofffrei und recyclingfähig hergestellt werden. Da ließe sich politisch viel lenken.

Was wollen Sie mit Ihrer Ausstellung bewirken?

Wir zeigen magische Momente, mit denen uns die Natur beschenkt hat, und machen auf die Zerstörungen aufmerksam. 20 Prozent des Erlöses verkaufter Bilder gehen an Umweltorganisationen. Erstmals werden wir nicht nur Organisationen zum Schutz der Meere, sondern auch den Landesbund für Vogelschutz unterstützen - je nach Fotomotiv. Wir haben nämlich auch Bilder vom Großen Brachvogel in die Ausstellung aufgenommen. Im Loisach-Kochelsee-Moor gibt es nur noch sechs Paare dieser Vögel. Im Frühjahr lasse ich mich auch zur Wiesenbrüter-Beraterin ausbilden. Mit dem Landesamt für Umwelt, dem LBV, Wissenschaftlern und Ehrenamtlichen wollen wir den Schutz der Wiesenbrüter in diesem Gebiet verbessern.

"One second": Ausstellung von Bettina und Alex Kelm, Sparkasse, Badstraße 20-22, Bad Tölz, Vernissage am Donnerstag, 23. Januar, Beginn 18.30 Uhr, Kurzvortrag "Die Meere ertrinken im Plastik" (19.30 bis 20 Uhr), Eintritt frei, bis 31. März; Gründung der BN-Ortsgruppe Benediktbeuern-Bichl: Freitag, 24. Januar, 19.30 Uhr, Gasthof Herzogstand, Dorfstraße 7, Benediktbeuern

© SZ vom 23.01.2020/aip
Zur SZ-Startseite