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Brauchtum:Glücksbringer und Dämonen

Seit jeher gelten die Tage zwischen den Jahren als mystisch und unheilvoll. Viele Bräuche zum Jahreswechsel stammen aus vorchristlicher Zeit.

Dunkel und kalt kommen sie daher, die Rauhnächte. Zwölf Stück sind es, in deren Verlauf die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen und Dämonen, Perchten und Geister ihr Unwesen treiben. Mehr als 2000 Jahre Christentum haben nichts daran ändern können. Viele Bräuche in der Zeit zwischen den Jahren sind von schamanistisch-pantheistischen Glaubensvorstellungen aus den Jahrtausenden vorchristlicher Zeit geprägt. "Es war die Periode, als die Menschen von einer beseelten Umwelt ausgingen", sagt Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, "als man der Überzeugung war, Tiere und Steine könnten sprechen." Orakel spielten damals wie heute eine große Rolle. "Der Mensch wollte und will wissen, was das neue Jahr bringt."

Meist gilt die Nacht vom 25. auf den 26. Dezember als die erste Rauhnacht, die vom 5. auf den 6. Januar als die letzte. Früher begann die Zeit, in der man dachte, die Geisterwelt öffne ihre Tore, bereits am 21. Dezember zur Wintersonnwende. Sie endete an Heilig-Drei-König, da Sonn- und Festtage von den Rauhnächten ausgenommen waren. Die Winterzeit, berichtet Göttler, gelte generell als mythische Übergangszeit. Woher der Begriff Rauh- oder Raunächte komme, sei nicht eindeutig. Er könne vom rauen Klima stammen oder auch vom Räuchern. Denn das Räuchern gehöre seit jeher zu den Bräuchen zwischen Weihnachten und Neujahr.

Heimatpfleger Norbert Göttler

"Schamanistische Glaubensvorstellungen vermengten sich eng mit der neuen christlichen Lehre. Am deutlichsten wird diese Symbiose in der dunklen Jahreszeit des Winters."

Wohnungen und vor allem auch Stallungen wurden mittels Räucherwerk gesäubert. Gesundheit für Mensch und Tier war damals wie heute ein großer Wunsch für das neue Jahr. "Hier mischt sich alter Glaube mit medizinischem Wissen", betont Göttler. Mit dieser Form der Reinigung hoffte man, Krankheiten zu verhindern.

Überhaupt knüpften sich vielerlei Bräuche an die Frage, was die Zukunft bringen möge, sagt Göttler. Daher komme wohl auch das Bleigießen an Silvester. Blei sei ein billiger Rohstoff gewesen. Geschmolzen und ins Wasser gegossen, entstehen aberwitzige Gebilde, die Raum für allerlei Deutungen lassen. Vermutlich komme der Brauch aus dem höfischen Bereich und habe so - vielleicht übers Militär - Einzug in den bürgerlichen Bereich gehalten, erzählt der Bezirksheimatpfleger. Im bäuerlichen Bereich sei es üblich gewesen, dass junge Frauen im heiratsfähigen Alter einen Pantoffel über ihre Schulter warfen. Kam er richtig zu stehen, bedeutete dies, dass ein Liebhaber gar ein Bräutigam im neuen Jahr in Aussicht stand. Die Schuhspitze verriet obendrein aus welcher Himmelsrichtung der Werber kommen sollte. "Lag der Pantoffel verkehrt herum, hatte das Mädchen Pech. Kein Bräutigam", sagt Göttler.

Um Mitternacht an Silvester sei die bäuerliche Bevölkerung in die Ställe geschlichen, denn man glaubte, die Tiere würden zu sprechen beginnen und über die Zukunft erzählen. Allerdings hat das Ganze einen Haken: Menschen, die die Tiere sprechen hören, sterben unmittelbar danach.

Zu den Glücksritualen gehörten Glückspfennige, -schweine und -kleeblätter, die verschenkt wurden. Es gibt aber auch Vorboten des Unglücks, weiß Göttler zu berichten. Ein Holzstoß etwa, der umfällt. Oder weiße Wäsche, die zum Jahreswechsel nicht auf der Leine hängen bleiben dürfe. "Alles aus dem alten Jahr muss aufgearbeitet werden, damit etwas Neues beginnen kann", erklärt Göttler den Ursprung dieser Bräuche.

Silvester Glücksschweinchen

Die Schweinchen sollen im neuen Jahr Glück bringen. Früher wurden auch Pfennige als Glücksbringer verschenkt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Zur Mitte der Rauhnächte, also zu Silvester, erzählte man sich, dass Wotan mit den Toten zur "wilden Jagd" aufbricht. Denn in dieser Zeit steht nach altem Volksglauben das Geisterreich offen. Die Seelen der Verstorbenen treiben ihr Unwesen und suchen die Lebenden heim. Dämonen können Umzüge veranstalten oder mit der wilden Jagd durch die Lande ziehen. In diesen Nächten trieben sich zudem verkleidete Perchten oder Schellenbuben herum, erschreckten Kinder und belästigten nicht selten Frauen und Mädchen. Sie schossen Böller ab oder machten mit anderen Gerätschaften höllischen Lärm. Ob dies aus der Freue am "gemeinsamen Lärm" machen herrühre oder böse Geister vertreiben sollte, sei nicht eindeutig geklärt, sagt Göttler.

Die letzte der zwölf Nächte vom 5. auf den 6. Januar galt im Alpenraum als sogenannter Perchtenabend. Es fanden Maskenumzüge statt. Dabei wurden die Felder mit Weihwasser besprengt, um die Erde zum Leben zu erwecken, damit sie im Frühling fruchtbar sei und Ertrag hervorbringe. Dem Brauch des "Perchtenabends" setzte das Christentum im Mittelalter die Umzüge der Sternsinger entgegen.

Die Weihnachtszeit zog sich im bäuerlichen Leben bis zu Maria Lichtmess am 2. Februar hin. Bis dahin blieb der Christbaum in den Stuben und in Kirchen stehen. In der Messe weihte man Kerzen und Wachsstöcke. Letztere erhielten Mägde als Geschenk, die die Wachsstöcke das gesamte Jahr über nach und nach abbrannten. Maria Lichtmess war im Übrigen ein vielseits bedeutender Tag. Nicht nur, dass am 2. Februar das alte Bauernjahr endete, es war auch der sogenannte Schlenkeltag. Jetzt wurde den Knechten und Mägden der Jahreslohn ausbezahlt, sie wurden freigesprochen und konnten sich daraufhin entscheiden, ob sie bleiben oder sich eine neue Arbeitsstelle suchen wollten.