Preisträger im Porträt I:Ein Weg aus dem tiefen Tal

Preisträger im Porträt I: Christel Hansing gründete 1997 den "Montagsclub", eine Selbsthilfegruppe für Psychiatrie-Erfahrene.

Christel Hansing gründete 1997 den "Montagsclub", eine Selbsthilfegruppe für Psychiatrie-Erfahrene.

(Foto: Manfred Neubauer)

Vor 25 Jahren hat Christel Hansing die Selbsthilfegruppe "Montagsclub" in Bad Tölz gegründet. Der Landkreis würdigt ihr Engagement für psychisch Erkrankte mit der Isar-Loisach-Medaille.

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz

Chronische psychische Erkrankungen bleiben anfangs oft unbemerkt. Sie entwickeln sich schleichend mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Der Alltag beginnt, auf der Seele zu lasten. Unzufriedenheit, die in Depression mündet, kann eine solche Folge sein. Ein Teufelskreis. Christel Hansing hat diesen durchbrochen und ihre Depressionen überwunden. Nach Krankenhaus-Aufenthalt und Therapie hat sie sich einen eigenen Weg heraus aus dem tiefen Tal gesucht. Vor 25 Jahren gründete sie die Selbsthilfegruppe "Montagsclub" für chronisch psychisch Kranke, die sie bis zum Sommer 2023 leitete. Für ihr gemeinnütziges Engagement erhält die 81-Jährige die Isar-Loisach-Medaille des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen.

Es war in den 1980er-Jahren, als sich das Leben von Christel Hansing von Grund auf änderte. Sie und ihr Ehemann Berend hatten ein Gästehaus in Lenggries gebaut. Plauderstunden mit den Urlaubern bis Mitternacht seien an der Tagesordnung gewesen. Dann morgens wieder auf der Matte stehen müssen, dazwischen Baustelle und ihre beiden kleinen Söhne - irgendwann sei sie "total erschöpft" gewesen. Das Gefühl, keine Rückzugsmöglichkeit zu haben, setzte Christel Hansing zu. "Irgendwann konnte ich nicht mehr." Sie vernachlässigte den Haushalt und war nicht mehr in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern.

Hilfe zur Selbsthilfe

Als sie sich endlich entschloss, einen Therapeuten zu konsultieren, kam die Ernüchterung. Die Gespräche brachten keine Besserung. So blieb eines Tages nur noch die Psychiatrie im Klinikum Haar. Dort wurde ihr klar, dass sie eine Selbsthilfegruppe gründen möchte. Der Tölzer Mediziner Arnold Torhorst bestärkte sie darin. Am 5. Februar 1997 fand das erste Treffen des "Montagsclub", der Selbsthilfegruppe für Psychiatrie-Erfahrene, in Bad Tölz statt. Damals hieß der Gesprächskreis noch "Miteinander Reden". Im Oktober 2013 gründete Hansing eine weitere Selbsthilfegruppe an der Klinik Agatharied: den "Dienstagsclub". Das Organisieren der Selbsthilfegruppen habe ihr selbst sehr geholfen, erzählt die 81-Jährige. Vor ihrer Erkrankung war Christel Hansing in der Erwachsenenbildung tätig. Das Moderieren und der Umgang mit Menschen liegt ihr sozusagen im Blut.

"Sie hat es sich zur Herzensangelegenheit gemacht, Betroffene, später auch Angehörige und Menschen mit körperlichen Behinderungen in diesen Gesprächskreisen Begleitung und dauerhafte Stabilisierung erfahren zu lassen", heißt es in der Begründung, weshalb der Landkreis die 81-Jährige mit einer Medaille würdigt. Auch wenn Christel Hansing die Leitung des "Montagsclubs" abgegeben hat, bleibt sie trotz ihres Alters aktiv. "Nach 25 Jahren war es an der Zeit. Schließlich muss mal Schluss sein", erzählt sie. So richtig "Schluss" ist aber nicht. Ein Jahr lang habe sie überlegt und dann eine Entscheidung getroffen, sagt sie. Von 2024 an bietet sie zwei neue Gesprächskreise an. Beide firmieren unter "Miteinander reden", richten sich allerdings an unterschiedliche Zielgruppen. Der erste Kreis, der vom 8. Januar an im Franziskuszentrum in Bad Tölz stattfindet, richtet sich an Menschen mit seelischen Belastungen. "Egal, welcher Ausprägung", sagt die Tölzerin. Teilnehmer sollen sich austauschen können, was sie beschäftigt und welche Lösungswege es gibt. "Das kann bei Trauer oder bei Einsamkeit sein." Die zweite Gruppe, die am 22. Januar in der alten Seifensiederei an der Bairawieser Straße startet, steht für Menschen offen, die über "Gott und die Welt" ratschen möchten. "Darauf freue ich mich, wie ich mich auch über die Medaille sehr freue."

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