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Bad Tölz:Experten erteilen Zuschuss für Geburtshilfe eine klare Absage

Um wirtschaftlich sein, brauche eine Klinik mehr als 1300 Entbindungen pro Jahr, rechnet ein Gesundheitsökonom vor - Hebammen halten dagegen.

Von Klaus Schieder

"Das ist eine Lösung, bei der ich sage, sie ist höchst unwirtschaftlich": Erhebliche Zweifel äußerte Professor Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomik an dem Modell, nach dem der Landkreis mit einem finanziellen Zuschuss die Geburtshilfe an der Asklepios-Klinik rettet - auch wenn damit die Personalkosten für eine eigene Hauptabteilung in Kooperation mit einem anderen Krankenhaus aus einem Nachbarlandkreis bezahlt werden. Bei 500 Geburten wären dafür knapp 1,8 Millionen Euro pro Jahr nötig, bestätigte er die Zahlen des Asklepios-Konzerns. Bei 700 wären es noch 1,4 Millionen, bei 1000 Einbindungen immerhin 800 000 Euro. Erst bei 1335 Geburten würde eine solche Abteilung kostendeckend arbeiten, sagt Neubauer am Freitag bei der Sondersitzung des Kreisausschusses. Acht Experten wurden im großen Sitzungssaal zur Situation der Geburtshilfe in Bad Tölz respektive im Landkreis gehört.

"Sie müssen dafür sorgen, dass Sie schwarze Zahlen schreiben", sagte Professor Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Nötig seien ein Chefarzt, zwei Oberärzte, fünf Assistenzärzte, bis zu 1000 Geburten und bis zu 700 Operationen pro Jahr. Außerdem sei auch ein Baby-Notarztsystem unerlässlich, denn im Ernstfall sei in erster Linie das Kind, in zweiter Linie erst die Mutter in Gefahr. Schon aus dieser Sicht sei Agatharied nicht die Lösung für Bad Tölz, denn auch von dort würden Babys im Risiko nach Rosenheim gebracht.

Die notwendige Zahl der Geburten wäre für den Landkreis gar nicht mal nicht utopisch. 2015 brachten immerhin 1132 Frauen aus dem Kreis ein Kind auf die Welt - eine Steigerung von 5,11 Prozent gegenüber 2014. Das Problem: Etwa jede dritte Mutter gebar ihren Nachwuchs weder in Tölz noch in der Kreisklinik Wolfratshausen. "Geburtshilfe ist auch Tourismus", sagte Beckmann. Wenn sich die Schwangeren sicher und wohl fühlten, "kommen sie auch aus München zu Ihnen".

Plädoyers für eine wohnortnahe Versorgung hielten die Belegärzte Dr. Stephan Krone aus Tölz und Dr. Manfred Stumpfe aus Geretsried, ebenso Martina Winkler als Sprecherin der örtlichen Hebammen und Christine Wehrstedt, Hebamme und Wissenschaftlerin von der Universtität Witten. Kurze Wege, schnelle Versorgung, eingespielte Teams mit Erfahrung, weniger Stress für die Mütter - all dies sind Wehrstedt zufolge die Vorzüge einer wohnortnahen Geburtshilfe. Im Prozess der Zentralisierung blieben die Menschen auf der Strecke und irgendwann nur noch Gesundheitszentren übrig, sagte Wehrstedt. In Schweden ist dies mit den Boardinghäusern für Gebärende bereits so - sie reisen einige Tage vor der Niederkunft an und übernachten in einem nahen Hotel. Auch in Deutschland laufe die Umstrukturierung hin zu größeren Krankenhäusern. "Durch die Hintertür", wie Neubauer betonte: "Man sagt, du bist zu klein, und nicht, deine Qualität stimmt nicht." Im Vergleich zu anderen Industriestaaten gebe es hierzulande mehr Betten, mehr Patienten und immer noch eine höhere Verweildauer. "Aber das muss finanziert werden, und zwar von der jungen Generation."

Die Anhörung dient als Grundlage für die Entscheidung des Kreistags in der nächsten Woche, ob der Landkreis einen Zuschuss für die Tölzer Geburtshilfe gewährt oder nicht. Die Anhörung war bei Redaktionsschluss noch nicht beendet.

© SZ vom 18.03.2017
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