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Mittelalterlicher Fund:Die Entdeckung des Urklosters

Auf einer Baustelle in Schlehdorf finden Archäologen die Überreste eines der ältesten Konvente in Bayern.

Von Claudia Koestler

Der Himmel hatte etwas aufgeklart, nachdem es zuvor geregnet hatte. Abt Konradus machte sich deshalb auf zu einem kleinen Spaziergang rund um das Kloster. Dabei bemerkte er nicht, wie aus der Tasche seiner Mönchskutte das bronzelegierte Siegel fiel. Der Matsch auf dem Weg dämpfte den Aufprall. Schnell sank das Siegel unter die Oberfläche - wo es mehr als 1000 Jahre lang liegen blieb. So oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben, damals, als der Abt sein Siegel verloren hat, das nun ein archäologisches Fundstück und Teil einer noch größeren Entdeckung ist, die jüngst in einer Gemeinde am Ufer des Kochelsees gemacht wurde: In Schlehdorf fanden Archäologen neben einigen Artefakten aus dem frühen Mittelalter die Überreste eines Urklosters - einem der ältesten Klöster in ganz Bayern - und dazu die Skelette von elf Mönchen.

Zu Tage gefördert wurden die Relikte aus dem frühen Mittelalter, vermutlich aus der Zeit zwischen dem 8. und dem 1o. Jahrhundert, im Zuge eines Bauprojekts. 2012 wurden erstmals Pläne vorgestellt, auf dem Areal unterhalb des heutigen Klosters, dem sogenannten Kirchbichl, ein Seniorenwohn- und Pflegeheim zu bauen. Bereits zuvor hatte auf dem Anger ein altes Seniorenheim gestanden, das von einer Privatperson betrieben wurde, sich dann aber finanziell nicht mehr lohnte. Zudem war das Gebäude arg in die Jahre gekommen. Die Gemeinde Schlehdorf wagte den Neubau eines Pflegeheims, Bauherr wurde schließlich ein Zweckverband, dem neben der Gemeinde Schlehdorf auch das benachbarte Großweil angehört.

Das Bauareal war zu diesem Zeitpunkt bereits kartiert als ein sogenanntes archäologisches Hoffnungsgebiet. Als 2012 das Landesamt für Denkmalpflege Bodenradaruntersuchungen vornahm, bestätigten sich diese Hoffnungen. Die Radarbilder zeigten bereits sehr deutliche Mauerstrukturen, Fundamente und Bodenbeläge. Diese wiederum stimmten mit der Darstellung des alten Schlehdorfer Klosters überein, die der Hofkupferstecher Michael Wening um das Jahr 1700 auf einem alten Stich der Nachwelt hinterlassen hatte. "Nur den Hügel, den hat der Künstler stark überhöht, aber sonst hat es gepasst", sagt Ursula Scharafin-Hölzl. "Man erkennt die Kurve und auch den Straßenverlauf am damaligen Seeufer - was in etwa noch heute im Verlauf der aktuellen Hauptstraße entspricht." Die Archäologin ist Geschäftsführerin von X-Cavate Archaeology mit Sitz in Geretsried, eine von 72 Grabungsfirmen in Bayern, die zu solchen archäologischen Stätten hinzugerufen werden. Ihr Mann Mario Hölzl hat die Ausgrabungen beim Projekt Schlehdorf geleitet.

Doch mit den Arbeiten zog es sich hin - zum einen, weil erst einmal ein Haussperlingspaar in der Dachrinne des Altbestandes noch zu Ende brüten musste. Dann wurde das alte Gebäude abgetragen, ehe zu den ersten Grabungen in den Boden hinein ein Archäologe anwesend sein musste. Das war im Herbst 2016. Und immer wieder verzögerten sich die Arbeiten, vor allem wegen der Witterung: "Kaum regnete es drei Tropfen, stand die Grube unter Wasser", erinnert sich Scharafin-Hölzl. Und dann gab es noch Querelen um die Kosten der archäologischen Arbeiten. Die Gemeinde sprach wiederholt von etwa 500 000 Euro, die nach dem Gesetz vom Bauherrn getragen werden müssen. Die Archäologin aber betont, dass die kolportieren Kosten von einer halben Million Euro um etwa 200 000 Euro zu hoch angesetzt seien.

Relativ schnell und nahe der Oberfläche wurden die Spezialisten fündig. Zunächst stießen sie auf die alten Mauerreste, die Grundmauern des früheren Klosters, das der ersten urkundlichen Erwähnung nach im Jahre 763 gegründet worden und im Jahr 907 durch die Awaren zerstört worden sein soll. Neben den baulichen Überresten fanden die Archäologen allerdings auch Skelette: "Die Knochen von etwa elf Mönchen", sagt Scharafin-Hölzl. Sie waren einst am Kloster beerdigt worden, doch ihre Gräber waren über die Zeit in Vergessenheit geraten.

Dass die Archäologen nur die Grundmauern des Schlehdorfer Urklosters fanden, sei nicht verwunderlich. "Die wertvollen Baustoffe hat man alle wieder abgetragen und erneut verbaut", weiß die Expertin. Nur, was damals bereits im Boden war, blieb auch darin. Die Arbeiten seien in der vorindustriellen Zeit schließlich enorm aufwendig gewesen: "Ein Ochse zieht etwa 500 Kilogramm fünf Kilometer weit, dann braucht er einen Tag Rekonvaleszenz", so Scharafin-Hölzl. Doch Mauern und Mönche waren nicht das Einzige, was die Archäologen ausgruben: Auch eine venetische Münze aus dem 8. Jahrhundert entdeckten sie, und eben das bronzelegierte Siegel eines Abts, das er offenbar bei einem Spaziergang rund ums Kloster verloren hatte. "Es war das persönliche Siegel von einem Abt namens Konradus", konnte Scharafin-Hölzl rekonstruieren.

Auf eigene Kosten hatte Scharafin-Hölzl zudem die Überreste der elf Mönche nach der C14-Methode in einem speziellen Labor in Posen untersuchen lassen. Die Ergebnisse bestätigten die Zugehörigkeit zum Urkloster, die Mönche lebten ebenfalls im frühen Mittelalter. Das passe wiederum zu den baulichen Details: So habe es einen oktagon-förmigen Bau gegeben, was in die Zeit passe. "Denn so wie es auf Geschirr oder Kleidung zutrifft, sind auch Gebäude der Mode unterworfen."

Die sterblichen Überreste der elf Mönche liegen derzeit - gesäubert und katalogisiert - in einem klimatisierten Raum im Büro der Archäologen. Was mit ihnen geschehen wird, steht noch nicht fest. "Es gibt die Möglichkeit der Nachbestattung", sagt Scharafin-Hölzl. Doch die Entscheidung, ob die Relikte dafür freigegeben werden oder ob sie nicht doch für die Wissenschaft von Interesse sind, obliegt zunächst der anthropologischen Staatssammlung. Denn durch moderne Methoden wie die genetische Analyse könnten die Skelette viel über das damalige Leben und die Herkunft der Mönche erzählen - und damit ein weiteres Puzzlestück sein in der Geschichte der Klöster und der Geschichte Bayerns. Insbesondere, da zur damaligen Zeit viele Klöster auch Plünderungen und Verwüstungen ausgesetzt waren und sie daraufhin aufgegeben wurden, sei es interessant zu erfahren, woher die Mönche kamen. Welchem Orden sie zugehörten, das ließe sich eventuell durch eine parallele Suche in den Archiven klären.

Inzwischen steht auf dem Areal das neue Seniorenwohn- und Pflegeheim Schlehdorf. Im Boden darunter sei nichts mehr von archäologischem Wert, sagt Scharafin-Hölzl. Die Fundstücke und einige der Steine würden fachgerecht gelagert. Im Boden nebenan allerdings fänden sich wohl noch weitere Teile der Klosteranlage, die aus Kirche, Wirtschaftsgebäuden, Unterkünften und Nebenräumen bestand, glaubt die Archäologin. Was das ausgegrabene Urkloster betrifft, so hat die Firma X-Cavate die Möglichkeit genutzt, die gesammelten Daten zu einem 3-D-Modell zusammenzutragen. So bleibt die frühmittelalterliche Gebäudeanlage der Nachwelt zumindest virtuell erhalten.

Für Scharafin-Hölzl gibt es auch die Möglichkeit, dass in Schlehdorf neben dem neuen Heim ein kleiner archäologischer Park entstehen könnte. Der Palatin in Rom, einer der sieben Hügel und ältester bewohnter Teil der Stadt, wäre ja auch ein begehrter Baugrund, so die Archäologin, "aber stattdessen ziehen die Ruinen und Ausgrabungsstätten viele Touristen an". Ob Schlehdorf tatsächlich Kapital schlagen wird aus den Funden, hält sie allerdings für unwahrscheinlich. "Aber manche Fundstücke werden hoffentlich zumindest mal in einer Vitrine zu sehen sein."

© SZ vom 28.04.2020
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