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"Alles spielt hier bei uns":Fiktion und Wirklichkeit im Isartal

Buchvorstelung Die Bauernfürstin

Lia Schneider-Stöckl hat den Roman wiederentdeckt.

Lia Schneider-Stöckl hat Hanns Hunkeles Roman "Die Bauernfürstin" um historische Erklärungen und viele alte Bilder ergänzt und neu aufgelegt

Von Susanne Hauck

Ein Heimatroman im doppelten Sinn ist "Die Bauernfürstin". Einerseits erzählt er die Geschichte einer aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Frau, andererseits gibt er tiefe Einblicke in das Alltagsleben der bäuerlichen Gesellschaft um 1900 im Isartal. "Das Besondere daran ist, dass alles hier bei uns spielt", schwärmt Lia Schneider-Stöckl. "Du kennst jeden Weg, der da beschrieben wird, und gehst ihn in Gedanken mit." Die Besitzerin des "Hollerhauses" in Irschenhausen, bekannt für seine kulturellen Veranstaltungen, hat das vergessene Werk von Hanns Hunkele neu herausgegeben, indem sie es mit historischen Erklärungen und reichem Bildmaterial ergänzt hat. Entdeckt hat sie die 1930 erschienene "Bauernfürstin" zufällig im Zuge der Recherchen zu ihrem Buch über die Ebenhausener Ortsgeschichte.

Handlung und Personen sind fiktiv, die Schauplätze aber real. Die Isartal-Ortschaften Hohenschäftlarn, Ebenhausen, Zell, Irschenhausen und Baierbrunn kommen ebenso vor wie die Landschaften, Straßen, Gastwirtschaften, Kirchen und die Isartalbahn. Manches, wie die Hofnamen, hat Hunkele in abgewandelter Form wiedergegeben. In vielen Fällen lässt die geografische Beschreibung jedoch Rückschlüsse zu, welches Anwesen er wohl meinte. Die flott erzählte Geschichte handelt von der unehelich geborenen und als "Bauernfürstin" verspotteten Anna Fürst, die dank ihrer Redlichkeit zu Wohlstand gelangt, sich aber gegen Neid und Missgunst zur Wehr setzen muss. Es geht handfest zu. Die Männer sitzen am liebsten im Wirtshaus und der Umgang der Geschlechter miteinander ist wenig feinfühlig.

Bei der Lektüre stolperte Schneider-Stöckl immer wieder über Begriffe, mit denen sie nichts anfangen konnte. Was etwa hatte es mit der "gräflichen Wäsche" auf sich, und was bedeutete der "Wasserbau an der Isar", bei dem sich der alte Dellinger sein Rheuma geholt hatte? Fragezeichen über Fragezeichen. Mithilfe ihrer Co-Autorin, der 2018 verstorbenen Annemarie Hartwig, konnte Schneider-Stöckl viele Rätsel auflösen.

Die alte Dame, die fast ein halbes Jahrhundert im Rathaus Schäftlarn gearbeitet und den Zeller und Hohenschäftlarner "Dorfrundgang" verfasst hatte, war so etwas wie das "lebendige Gemeindelexikon". Sie wusste noch, dass sich die Dorffrauen etwas dazuverdienen konnten, wenn im Sommer die Grafenfamilie Rambaldi im Ebenhausener Fischerschlößl wohnte und jemanden für die große Wäsche brauchte. Für die anstrengende Arbeit musste das Wasser in Eimern vom Fischerschlößl-Wald (heute Grundschule) geholt werden. Große gemauerte Waschzuber wurden mit Holz angeheizt, das Wasser zum Kochen gebracht und die zuvor mit Kernseife gebürstete Wäsche eingelegt und mit großen Holzstangen gewendet, bis sie sauber war. "Wahnsinn, mit wie wenig die Leute damals auskommen mussten", sagt Schneider-Stöckl über die Lebensumstände der Bevölkerung, die sie dank vieler Leihgaben mit einer Fülle an historischen Fotos anschaulich machen konnte.

Der mühevolle "Wasserbau"

Viele Männer waren notwendig, als Ende des 19. Jahrhunderts die große Zeit des harten und mühevollen "Wasserbaus" im Isartal begann. Neue Brunnen, Wasserleitungen und Kraftwerken waren nötig, um die Versorgung in den schnell wachsenden Gemeinden und der Isartalbahn zu sichern. Die Bahn musste für ihren Dampfbetrieb an fast jedem Bahnhof Wasser aufnehmen. Im Zuge dieser gewaltig in die ursprüngliche Landschaft eingreifenden Arbeiten entstanden auch der Isarkanal und der Ickinger Stausee.

Zu Schneider-Stöckls Verwunderung aber kannte so gut wie niemand im Ort den alten Schmöker über die Bauernfürstin, geschweige denn den Autor. Dabei ist Hanns Hunkele kein Unbekannter. Nach dem Heimatschriftsteller und Volksschauspieler, der auch in bekannten Filmen wie "Der Jäger von Fall" mitwirkte, ist sogar eine Straße in Forstenried benannt. Als Rundfunkpionier ging er bereits 1924 zum Radio, er war journalistisch tätig und verfasste gut ein Dutzend Heimatromane. Über den Erfolg der Bücher ist Schneider-Stöckl nichts bekannt. Erst über einen anlässlich seines Tods 1957 erschienenen Nachruf stieß sie darauf, dass der 1892 geborene Hunkele nicht nur Zeit seines Lebens sehr am Isartal hing, sondern ein gebürtiger Ebenhausener war. Er wuchs im Fischerschlößl auf, als Sohn des für den weitläufigen Park zuständigen Gärtners. So erklärt sich auch, warum er in sein Buch so vieles aus seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen einfließen ließ. Später zog er nach München, dann nach Feldafing. Nachbarn erinnern sich an ihn als einen Mann von Format mit einem unverfälscht bayrischen Wesen.

Begleitend zum Erscheinen des Buchs findet im Hollerhaus die Ausstellung "Das Isartal zur Zeit der Bauernfürstin um 1900" statt. Die Eröffnung wird bekannt gegeben, sobald es die Coronaregeln erlauben. Ebenso sind weitere Veranstaltungen auf den Spuren der Romanheldin geplant, Lesungen, historische Spaziergänge und Radwanderungen.

Das Buch "Die Bauernfürstin" von Hanns Hunkele mit historischen Anmerkungen von Lia Schneider-Stöckl und Annemarie Hartwig ist bei der Buchhandlung Isartal (Ebenhausen), Schreibwaren Baumgartner (Icking), Schreibwaren Bartl (Hohenschäftlarn), Blumen Geisler (Hohenschäftlarn), Klosterladen (Kloster Schäftlarn), Dorfladerl (Baierbrunn) und der Buchhandlung Rupprecht (Wolfratshausen) für 19,90 Euro erhältlich

© SZ vom 23.11.2020
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