Repair-Bewegung:Reparieren statt wegwerfen

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Repair-Bewegung: Wolfgang Heckl ist seit Jahrzehnten ein begeisterter Reparateur, hier in seiner Privatwerkstatt. Und er ist überzeugt: Die Repair-Bewegung kann einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Ressourcen-Krise leisten.

Wolfgang Heckl ist seit Jahrzehnten ein begeisterter Reparateur, hier in seiner Privatwerkstatt. Und er ist überzeugt: Die Repair-Bewegung kann einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Ressourcen-Krise leisten.

(Foto: Deutsches Museum)

Wolfgang Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, ist nicht nur privat ein Bastler. Mit seinem Buch "Die Kultur der Reparatur" wurde der Professor für Experimentalphysik zu einem der geistigen Väter der Repair-Bewegung in München.

Von Barbara Hordych

Gegen den Wegwerftrend: Als Wolfgang Heckls Buch "Die Kultur der Reparatur" 2013 erschien, waren im Anhang 80 Adressen von Repair-Cafes in Deutschland verzeichnet - inzwischen sind es mehr als 1000, schätzt der begeisterte Reparateur.

SZ: Herr Heckl, was haben Sie zuletzt repariert?

Wolfgang Heckl: Oh, ich bin ganz stolz darauf, gerade ein Schellack-Grammophon-Möbel von 1927 repariert zu haben.

Was war daran kaputt?

Es steht eigentlich auf vier Beinen, aber ein Bein fehlte. Ich habe auf einer Drehbank, die ist noch aus dem Jahr 1923 und wird mit einem Riemen betrieben, ein neues Bein gedrechselt. Und das angeleimt.

Sind das die Gegenstände, mit denen Menschen ein Repair-Cafe aufsuchen?

Meiner Erfahrung nach kommen dort Menschen mit Lieblingsschätzen hin, in denen viel Emotionalität steckt. Ich habe neulich im Verkehrszentrum im Deutschen Museum, in dem auch unsere Reparateure arbeiten, ein älteres Ehepaar erlebt. Das kam mit einem Zeitungsständer aus Holz, bei dem ein Bein gebrochen war.

Es ist ja nicht so, dass ein neuer Zeitungsständer eine teure Angelegenheit wäre.

Natürlich nicht. Aber das Ehepaar erklärte, sie würden an dem Zeitungsständer hängen, weil es ein Hochzeitsgeschenk des Mannes für seine Frau war, vor fünfzig Jahren. Wenn so ein Gegenstand einen ein Leben lang begleitet hat, will man ihn auch behalten.

Wer kommt noch dorthin?

Die Repair-Bewegung ist eine Szene, in der man sich gut kennt. Es sind Menschen, die sich bewusst gegen die Wegwerfgesellschaft entscheiden. Die sich die Frage stellen, wie sie, wie wir alle in Zukunft leben wollen. Und da ist es ganz entscheidend, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen.

Es geht also nicht darum, für kleines Geld eine Reparatur zu ergattern?

Nein. Natürlich kann ich auch Geld sparen, wenn ich meinen Staubsauger, meinen Mixer oder meinen Toaster repariere, anstatt ihn wegzuwerfen. Ich selbst habe das einmal erlebt, als ich den verkalkten Spülkasten unserer Toilette reparieren wollte.

Was ist passiert?

Als ich dann in einem Sanitärladen das nötige Ersatzteil kaufen wollte, hieß es, das gäbe es nicht mehr. Ich solle besser den ganzen Kasten herausreißen ...

Aber dabei gehen die Fliesen kaputt?

Das sagte ich dem Verkäufer auch. Das sei doch ein guter Grund, das Bad neu zu fliesen, sagte er. Ich habe mich darüber so geärgert, dass ich das Ersatzteil im Internet gesucht und bestellt habe. Ein Gefühl großer Befriedigung! Es geht ja auch darum, das Ding zu verstehen, das ich vor mir habe, hier zum Beispiel das Archimedische Auftriebsprinzip, das den Schwimmer steuert.

Warum ist das aber eine Fertigkeit, die verloren gegangen ist?

Sehen Sie, als ich mir vor 45 Jahren mein erstes Auto, einen Fiat 127, kaufte, war es für mich selbstverständlich, das Buch "Jetzt helfe ich mir selbst" dazu zu kaufen. Das war damals eine ganze Buchreihe.

Dieses Wissen ist heute oft nicht mehr vorhanden ...

Es ist natürlich heute alles viel komplizierter geworden, aber es hat auch damit zu tun, dass die Hersteller von elektronischen Geräten nicht mehr automatisch den "Schaltplan" beim Kauf dazulegen, wie früher bei Radios etwa. Das war bis in die 60er-Jahre hinein ganz selbstverständlich, das war der Kern einer Reparaturanleitung. Heute bekommen sie, wenn überhaupt, nur noch die Bedienungsanleitung, manchmal ziemlich unverständlich maschinell ins Deutsche übersetzt.

Sie meinen, es würden sich mehr Menschen dafür interessieren, wenn sie mehr Informationen hätten?

Ganz sicher. Ich habe neulich erst zwei junge Türkinnen erlebt, die mit einem Bügeleisen in die Werkstatt kamen. Sie haben bei der Reparatur zugeschaut und wollten ganz genau verstehen, wie das vor sich geht. Sie wollten es beim nächsten Mal selbst reparieren können.

Nun ist ja das "Recht auf Reparatur" in den EU-Richtlinien verankert worden ...

Endlich! Jetzt muss es nur noch national umgesetzt werden. Es soll für Unternehmen eingeführt werden, die Waschmaschinen, Fernseher, Kaffeemaschinen und Ähnliches verkaufen. Und wenn eine Reparatur nicht möglich ist, muss das Gerät zumindest recycelt werden können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass die jungen Menschen der Fridays-for-Future-Bewegung erkennen, wie wichtig der Beitrag der Repair-Bewegung in der Ressourcen-Krise ist. Es ist nichts Vorgestriges. Das denkt man ja leicht, weil man vielleicht nur noch die alten Menschen vor Augen hat, die sich die Mühe machen, etwas zu reparieren. Dabei müssen wir lernen, es so zu machen wie die Natur.

Was meinen Sie damit?

Die Natur schafft es, alles am Ende eines Lebenszyklus molekular zu zerlegen - und zu recyclen. Das Problem ist, dass wir Menschen das nicht machen.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie das Magnesium. Das holen wir aus der Erdkruste, und es wird knapp. Wenn wir also ein Gerät haben, dessen Beschichtung aus Magnesium ist, dürfen wir, wenn es kaputt und nicht reparierbar ist, es nicht einfach verbrennen auf der Müllkippe. Sondern wir müssen es wieder in den Kreislauf zurückführen. Gott sei Dank gibt es für den Bereich Polymere schon erste Forschungsanstrengungen.

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