Wohnungsmarkt in München:Das Geschäft mit der Not

Mietwucher Sankt-Martin-Straße

Ziemlich wenig Platz: Zwei Erwachsenen und zwei Jugendliche, auf dem Fenstersims Dagobert Duck, teilen sich dieses Zimmer.

(Foto: gru)

Eine vierköpfige Familie wohnt in einem Zimmer von 20 Quadratmetern und zahlt dafür 950 Euro. Ein Fall von Mietwucher? Die Vermieter sprechen von einer legitimen Übergangslösung für jene, die auf dem Mietmarkt Fuß fassen wollen. Doch die Stadt hat Zweifel.

Von Hubert Grundner

Wenn doch nur Dagobert helfen könnte. Mit dem Geld des Milliardärs aus Entenhausen wären Anton Todorov, seine Frau Vesselina und ihre Söhne Javor, 17, und Stojan, 14, (Namen geändert) all ihrer Sorgen enthoben. Zwar gilt Dagobert Duck als geizig, aber nicht als herzlos.

Zwei Stahlrohrbetten für vier Personen

Und das, was sich täglich unter den Augen der Disney-Figur auf dem Fenstersims abspielt, müsste selbst hartgesottene Kapitalisten wie ihn rühren: Zu viert lebt die bulgarische Familie in dem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer, das aber wegen der Dachschräge nicht komplett zu nutzen ist. Möbliert ist der Raum mit zwei Stahlrohrbetten, einem kleinen Kleiderschrank, einem Tisch und zwei Stühlen.

Neben der Eingangstüre reihen sich Kochplatte, Waschmaschine und Spülbecken aneinander. Einer der Söhne schläft nachts auf einer dünnen Matratze am Boden. Alles wirkt billig, doch billig ist hier nichts: Das Zimmer der Familie kostet monatlich 950 Euro Miete, was grob gerechnet einem Quadratmeterpreis von 50 Euro entspricht.

Das Konzept der Vermieter: "vorübergehender Gebrauch"

Ein horrende Summe für nicht einmal 20 Quadratmeter nutzbarer Wohnfläche - das klingt nach Mietwucher. Der Vermieter der insgesamt 45 Zimmer im Haus an der St.-Martin-Straße 92, die 2-Rent Group GmbH, weist diesen Vorwurf weit von sich. Es handle sich bei den Vermietungen dort um "kein klassisches Mietraumwohnverhältnis", erklärt Jan Pawlik, Leiter der Rechtsabteilung der 2-Rent Group. Stattdessen biete man eine Übergangslösung für Leute, die auf dem Mietmarkt Fuß fassen wollten - sprich, eine Wohnung auf Dauer suchten.

Das Konzept der 2-Rent Group basiere auf dem Begriff "vorübergehender Gebrauch", wie er in Paragraf 549, Absatz 2 Nummer 1 BGB definiert sei. Folglich sei man bei den Mietpreisen auch nicht an den Mietspiegel gebunden. Das sei in der Vergangenheit zwar schon öfter in Zweifel gezogen worden. Nach Anzeigen wurde von der Staatsanwaltschaft "alles zivil-, bau- und strafrechtlich geprüft" und nicht beanstandet, beteuert Pawlik. Er räumt ein, dass dieses Geschäftsmodell wohl nur auf einem leer gefegten Wohnungsmarkt wie dem Münchner funktionieren könne.

"Kann sein, kann nicht sein", sagt Beatrix Zurek zur Darstellung der 2-Rent Group, dass bei den Vermietungen im Anwesen St.-Martin-Straße 92 alles mit rechten Dingen zu gehe. Oft urteile ja ein anderer Amtsrichter in der gleichen Sache anders. Nach Meinung der Vorsitzenden des Mietervereins München liegt hier ein Umgehungstatbestand vor: Der Mieterschutz, zum Beispiel vor Kündigung oder ungerechtfertigt hohen Mieten, werde ausgehebelt.

Die Stadt prüft auf Zweckentfremdung

Außerdem bleibe Familien wie den Todorovs meist gar nichts anderes übrig, als diese kurzfristigen Mietverträge zu unterschreiben, so Zurek. Zweifel an den Zuständen an der St.-Martin-Straße 92 hegt man offenbar auch bei der Stadt: Nach Auskunft von Sozialreferatssprecher Frank Boos läuft dazu "aktuell ein Zweckentfremdungsverfahren".

Fast das gesamte Gehalt von Anton Todorov, der bei einer Reinigungsfirma netto etwa 1100 Euro verdient, geht für die Miete drauf; da bleibt nicht mehr viel zum Leben übrig. Die Familie stammt aus Gotse Delchev, einer etwa 120 Kilometer südlich von Sofia gelegenen Stadt in Bulgarien. Warum sie sich nach München auf den Weg gemacht haben? "Die Kinder haben keine Zukunft in Bulgarien, es gibt keine Arbeit", erklärt Anton Todorov.

Er benötigt dafür die Hilfe des 17-jährigen Hristo, eines Landsmannes, der bei dem Gespräch als Dolmetscher zugegen ist. Fehlende Deutschkenntnisse sind das nächste große Problem. Bis auf die Arbeitskollegen und seine Schwester, die am Isartor wohnt, kennt der Vater niemanden näher in München.

Die Bewohner teilen ein Bad mit zwölf weiteren Bewohnern

Statt wie Altersgenossen in der Freizeit zum Fußball oder ins Kino zu gehen, kauern Javor und Stojan auf ihrem Bett, lesen oder spielen, während der Vater vielleicht gerade telefoniert und die Mutter das Essen zubereitet, soweit das in der nicht vorhandenen Küche möglich ist. Das alles geschieht gewissermaßen auf Armlänge: Ständig hat jeder jeden im Blick, nichts geschieht unbemerkt, gehen zwei gleichzeitig zur Türe, wird's eng.

Und als wäre das noch nicht genug, müssen sich die Todorovs mit den zwölf Bewohnern von drei weiteren Apartments ein schmuckloses Bad teilen. "Wenn es besetzt ist, kann man auch nicht auf die Toilette", klagt die Mutter. Gerade ihr, die kürzlich eine Rückenoperation überstanden hat, ist trotz aller Freundlichkeit anzumerken, wie sehr die augenblickliche Wohnsituation an den Kräften der kleinen Familie zehrt. Noch sei es sein Ziel, die Kinder in München auf die Schule zu schicken, damit sie etwas lernen und später einen Beruf finden, sagt Vater Anton. Bis Mai will er versuchen, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Falls das nicht klappt, gehen alle wohl zurück nach Bulgarien. Zusammen mit Dagobert Duck im Gepäck, dem Talisman, der ihnen bisher noch kein Glück gebracht hat.

© SZ vom 17.01.2015/sekr
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