Kritik:Party mit Shakespeare

Liebesverbot Opera Incognita

Herausragend: Ekaterina Isachenko als Isabella und Lyriel Benameur als Mariana (von links).

(Foto: Opera Incognita)

Die Opera Incognita spielt Richard Wagners Frühwerk "Das Liebesverbot" - an einem ungewöhnlichem Ort in München.

Von Klaus Kalchschmid, München

Die Teilnehmer des Internationalen Richard-Wagner-Kongresses sind an ihrem letzten Abend leicht befremdet, als sie an jeder Menge Skatern, einem großen Basketball-Platz und allerlei bunten Graffiti an hohen Wänden vorbei den Eingang des "Sugar Mountain" suchen. Dort gibt es die selten gespielte Oper "Das Liebesverbot" des 23-jährigen Wagner zu erleben. Mit Helmen bewehrte Polizisten geleiten sie zu ihrem Platz auf der Tribüne in einer riesigen Halle, einst ein Betonwerk, heute ein Tanzclub.

Gespielt wird eine Vertonung von Shakespeares "Maß für Maß": Der Statthalter Siziliens verbiet im Karneval von Palermo jeden Alkohol, Tanz und Belustigung oder gar erotische Begegnung. Doch er selbst hält sich nicht an dieses Verbot und erscheint maskiert, um eine heiße Braut zu treffen, die sich dann aber als seine eigene Gattin entpuppt, die er sitzen gelassen hat. Am Ende bereut er tief, und das feierwütige Volk verzeiht. Ende gut, nicht alles gut, denn man traktiert den in ein Bärenkostüm gesteckten Heuchler.

Alle 19 Jahre kann man in München dieses verrückte Lustspiel, komponiert zwischen "Die Feen" und "Rienzi" mit Anleihen bei Rossini, aber auch schon vorausweisend auf "Holländer" und "Tannhäuser", in München szenisch erleben. An Wagners 100. Todestag gab es die Premiere einer der Commedia dell'Arte verpflichteten Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle am Nationaltheater, 2002 folgte Claus Guth am Gärtnerplatztheater. Nach einer konzertanten Aufführung im Prinzregententheater zum 200. Geburtstag des Komponisten nun also Andreas Wiedermann mit seiner großartigen Truppe "Opera Incognita" auf Einladung des Münchner Wagner-Verbandes, der die Produktion mittels Sponsoren auch finanzierte.

Vorhandene Geländer und Absperrungen werden für die offene Bühne genutzt

Die Polizisten sorgen ziemlich brutal auch auf offener Bühne für Ordnung. Sie ist nur von ein paar Netzen optisch begrenzt und nutzt die zahlreich vorhandenen Geländer und Absperrungen. Links hinten sitzt das kleine Orchester, für das Dirigent Ernst Bartmann wie immer die Partitur geschickt eingerichtet hat. Dank des Halls kommt der Sound gut rüber, wie auch Protagonisten und Chor auf der Bühne immer dann gut zu vernehmen sind, wenn sie nach vorne singen.

Eine ragt heraus: Ekaterina Isachenko als Isabella, die ihren Bruder aus dem Gefängnis befreien will und dafür vom Statthalter Friedrich (Robson Bueno Tavare mit furchteinflößendem Bassbariton) fast vergewaltigt wird. Ihr Sopran leuchtet in der schweren Partie, die jugendlich-dramatisches Fach mit Belcanto-Koloraturen kreuzt, fulminant in allen Farben. Und auch im Spiel ist sie hervorragend. Lyriel Benameur steht ihr als Mariana kaum nach, hat aber wie Larissa Angelini nur eine kleine Rolle.

Bassbariton Florian Dengler ist ein prägnanter Polizeichef, aber neben ihren Bariton-Freunden Angelo (Konstantin Riedl) und Antonio (Herfinnur Árnafjall) haben es die Tenöre beim frühen Wagner echt schwer. Als Luzio und Claudio schlagen sich Karo Khachatryan und Rodrigo Trosino trotzdem gut. Am Ende ist das Urteil der Sitznachbarn von den Wagner-Verbänden einmütig: Die leicht durchgeknallte Aufführung an einem derart abgefahrenen Ort wird dem Frühwerk mit all seinen Ecken, Kanten und Schwächen besser gerecht als eine perfekte Staatstheater-Produktion.

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