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"Volksbund für Kunst und Theater":Freikarten und völkisches Gedankengut

Das erste Signet nach der Wiederauferstehung 1947.

(Foto: Theatergemeinde)

Vor 100 Jahren wird der Vorläufer der heutigen Theatergemeinde München gegründet - im Kampf gegen linke Kräfte und "weichknochige Gesinnungslosigkeit".

München im Herbst 1919: Die Bewohner der Stadt, mehr als 600 000 sind es, versuchen wieder Tritt zu fassen nach den schrecklichen Jahren, die hinter ihnen liegen. Da war der Krieg, aus dem viele Männer nicht mehr zurückgekehrt sind, da grassierten Hunger und Elend, als die Versorgung zusammenbrach, dann das Trauma der Niederlage, und schließlich die Revolution, das Ende der Monarchie. Für die einen war sie ein Lichtblick, die Morgenröte am Horizont, für die anderen ein Albtraum. Dann die Ermordung Kurt Eisners, des ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, die beiden Räterepubliken und schließlich der Einmarsch der konterrevolutionären Truppen, die ein Massaker veranstalteten.

Nun muss es irgendwie weitergehen. Aber wie? Die Linke, die Arbeiterbewegung, diejenigen, die den weißen Terror überlebt haben, sind demoralisiert. Dennoch grassiert im Bürgertum die Angst vor dem bolschewistischen Umsturz, und die reaktionären Kräfte gewinnen zunehmend an Boden.

Auch der Reiseunternehmer Ludwig Siemer, der der katholischen Bewegung nahesteht, betrachtet die politische Linke als Gegner, weshalb er den sozialistischen Kräften etwas entgegensetzen will - auf dem Feld der Kultur. Am 25. November 1919 gründet er den "Volksbund für Kunst und Theater", eine Organisation für Schauspielfreunde, die sich zum Ziel setzt, "die Kunst im Theater und auf allen Gebieten der Kunst im Sinne volkstümlich-deutscher Kultur und christlicher Lebensauffassung zu fördern". Aus dem Volksbund ist die Theatergemeinde München hervorgegangen, die in diesem Jahr ihren 100. Gründungstag feiert.

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Münchner mit gutem Gedächtnis werden bei dieser Mitteilung stutzen. Wie? Es ist doch gar nicht so lange her, dass die Theatergemeinde ihr 60-jähriges Bestehen zelebrierte. Richtig. Auch vor zwölf Jahren, 2007, feierte man Jubiläum, und zwar den 60. Jahrestag der Gründung. Hundertprozentig korrekt war das allerdings nicht. 1947 war lediglich das Jahr der Wiedergründung. Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hatte man einfach ausgeblendet.

Ein paar Jahre nach dem Jubiläum, so schreibt Michael Grill, der Geschäftsführer der Theatergemeinde, "erinnerte man sich wieder daran, dass die Theatergemeinde eigentlich bereits 1919 gegründet worden war". Um Näheres herauszufinden, regte Grill eine Forschungsarbeit an.

So kam Daniela Maier ins Spiel, die an der Ludwig-Maximilians-Universität Geschichte studiert. Sie schreibt mittlerweile an einer Doktorarbeit über die Anfänge der Theatergemeinde. Dabei hat sie Dokumente aus der Zeit der Weimarer Republik aufgespürt, die, sofern man überhaupt von ihnen wusste, als verloren galten. Generell sind die Jahre nach der Niederschlagung der Revolution in München und in Bayern eine dunkle Zeit, in der antidemokratische und völkisch-nationalistische Kräfte ihr Unwesen treiben und auch nicht vor politischen Morden zurückschrecken. Viele der Künstler und Schriftsteller, die das Leben der Schwabinger Bohème in der Vorkriegszeit prägten, verlassen München, oft in Richtung Berlin, wo es liberaler und freizügiger zugeht.

Der aus Oldenburg stammende Ludwig Siemer hingegen dürfte sich wohler in der bayerischen Landeshauptstadt fühlen. Er gehört zu den konservativen Kreisen, die der katholischen Kirche nahestehen. Siemer, berichtet Daniela Maier, stellt bereits 1919 in einer Denkschrift Überlegungen an, wie der "allgemeinen Verwirrung", die von den linken Kräften ausgehe, begegnet werden könne. Als Siemer gerade in "christlicher Mission" in der Oberpfalz unterwegs ist, erreicht ihn der Brief eines "gleichgesinnten Freundes". Dieser schreibt, die Führer der christlichen Arbeiterbewegung seien bestrebt, demnächst Theatervorstellungen anzubieten, um der von Berlin ausgehenden, linken Volksbühnenbewegung entgegenzutreten. In diesem Zusammenhang fragt der gleichgesinnte Freund, ob er, Siemer, an der "großen Idee" nicht mitwirken wolle. Siemer muss nicht lange überlegen. Er will.

Der Ton wird aggresiver

Die Volksbühnenbewegung hat zum Ziel, auch den ärmeren Schichten, insbesondere dem Proletariat, Theaterbesuche zu ermöglichen. Sie ist ein linkes Projekt, was dem christkonservativen Siemer selbstverständlich zuwider ist. Um die "revolutionäre Tendenz auf dem Gebiet der Theaterpflege" aufzuhalten, fährt er umgehend nach München und macht sich an die Arbeit. Im Leohaus, der Verbandszentrale der katholischen Arbeitervereine, trifft er sich mit dem Musikprofessor Josef Ludwig Fischer, dem Archivrat Joseph Weiß sowie Johannes Eckardt vom Verein katholischer Leser. Das Quartett beschließt die Gründung einer Organisation, die für bürgerliche oder nicht ganz so betuchte Kreise Theaterbesuche organisieren soll.

Während der offiziellen Gründungsfeier am 8. Januar 1920 im Konzertsaal des Hotels Bayerischer Hof, bei welcher der antisemitisch gesinnte Komponist Hans Pfitzner Klavier spielt, wird deutlich, auf welcher Seite der "Volksbund für Kunst und Theater" steht. Seine Initiatoren rufen zum "Aufbau eines neuen Deutschlands" auf, man beschwört die "Wiedererweckung geistiger Werte" in einer Zeit "materialistischer Kultur", die Volksseele müsse veredelt werden "für eine neue größere Zukunft" - Schlagworte aus dem Repertoire völkischer Ideologen, die sich gegen die künstlerische Moderne und die Weimarer Demokratie richten. Damit will der Volksbund "alle christlichen Volksteile Münchens" erreichen, um sie letztlich "von der Diktatur des Cliquenwesens und der Tagesmode" zu befreien.

Auf Handzetteln erfahren die Münchner, was der Volksbund zu bieten hat: Für einen Monatsbetrag von drei Mark erhalten die Mitglieder jährlich mindestens zwölf Freikarten für Vorstellungen der staatlichen Theater sowie ermäßigte Eintrittsbilletts für "sonstige Veranstaltungen" des Volksbunds. Bei der groß angelegten Werbekampagne tut sich besonders Pater Rupert Mayer hervor, der später zu einem der wichtigsten Männer des katholischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus wird. Die gut organisierte Öffentlichkeitsarbeit trägt bald Früchte: Am Ende des zweiten Geschäftsjahrs zählt Geschäftsführer Hugo Schott bereits 13 000 Mitglieder.

In seinen monatlichen Mitteilungen - sie erschienen unter dem Titel "Kunst und Theater" - formuliert der Volksbund seine Ziele, die teils christlich-konservativ, teils völkisch grundiert sind. Man strebe eine christlich-deutsche Kulturgemeinschaft an sowie ein deutsches Nationaltheater, wobei, so darf man schließen, die geistige Ausrichtung klar umrissen ist, denn: "An der weichknochigen Gesinnungslosigkeit ist das alte Deutschland verblutet." Mit anderen Worten: Wären die Deutschen etwas gesinnungsfester gewesen, hätten sie den Krieg nicht verloren - eine nicht sonderlich originelle Variante der Dolchstoßlegende. So empfiehlt man neben den üblichen Opern- und Schauspielaufführungen insbesondere Lieder von Opernfiguren wie dem Waffenschmied Stadinger (Albert Lortzing) oder Siegfried (Richard Wagner) sowie die Beschäftigung mit Werken altdeutscher Malerei als Mittlerin "nationaler Werte".

Anfang Oktober 1920 ändert der Volksbund seinen Namen und heißt fortan "Theatergemeinde München". Bereits drei Jahre nach der Gründung hat die Organisation mehr als 20 000 Mitglieder, was den Theatern allmählich Probleme bereitet, weil sie nicht ausreichend günstige Karten anbieten können. Auch Reisen bietet die Theatergemeinde an, etwa die große Deutschlandfahrt im Sommer 1925, die, wie Daniela Maier schreibt, zu einer "deutlichen Demonstration deutsch-nationaler Gesinnung" gerät. 1926 nimmt man auch Filme ins Programm auf, natürlich nur die "besten Seiten deutscher Filmproduktion", bei denen der Zuschauer vor "tendenziösen und geschmacklosen Darstellungen" sicher ist.

Die Feier zum zehnjährigen Bestehen am 22. September 1929 wird zu einem der Höhepunkte in der Geschichte der Theatergemeinde. Als Ehrengäste finden sich Spitzenvertreter des Landtags, der Staatsregierung und der Stadt ein. Beethovens Leonoren-Ouvertüre erklingt, Händels Halleluja-Chor und selbstverständlich Wagner. Die Jubiläumsredner beschwören abermals die Ziele der Theatergemeinde: Dienst am Ganzen des Staates, Aufbau einer Gesinnungsgemeinschaft in christlich-deutschem Volksgeist und Kampf gegen jede Form des Kulturbolschewismus.

In den folgenden Jahren wird der Ton noch aggressiver, häufig ist vom Krieg und vom Kampf die Rede "gegen alle antideutschen, antichristlichen, alte, ererbte Kulturwerte verseuchende Bestrebungen". In ihrer Monatsschrift wettern die Theatergemeinde-Autoren mit Vorliebe gegen das mondäne Berlin, das mit Begriffen wie "Krankheit", "Verseuchung" und Asphaltkultur" assoziiert wird - auch dies wieder Munition aus dem völkisch-nationalistischen Arsenal.

Anfang der Dreißigerjahre gerät die Theatergemeinde in die Bredouille. Neben anderen Faktoren sind es vor allem die Folgen der Wirtschaftskrise, die der Organisation zu schaffen machen. Viele Teilnehmer treten aus, weil sie sich die Beiträge nicht mehr leisten können. Mit großen Werbeaktionen versucht man den Schwund auszugleichen, was halbwegs gelingt. Doch schon bald droht von politischer Seite Ungemach. Seit März 1933 sind die Nazis an der Macht, und deren Anspruch ist totalitär. Vorstand Georg August Baumgärtner erhält die Mitteilung, dass die Theatergemeinde, die Münchner Volksbühne und die Kampfbundbühne zur NS-Organisation "Deutsche Bühne" zusammengelegt werden sollen. Baumgärtner fügt sich und bekennt zudem, die Theatergemeinde München habe "als solche von Anfang an im innersten Kern in Ideen gestanden wie sie heute der Nationalsozialismus offenbart". Am 10. August 1933 verliert die Theatergemeinde ihre Eigenständigkeit und geht im Reichsverband "Deutsche Bühne" auf.

Die Wiederauferstehung erfolgt am 3. Juni 1947. An der Spitze der neuen Theatergemeinde steht Jakob Baumann, ein theaterliebender Kohlenhändler, der mit vielen Künstlern und Politikern vernetzt ist. 1952 kann es sich die Gemeinde bereits leisten, ein Haus an der Ecke Goethe- und Landwehrstraße zu kaufen und als Geschäftsstelle auszubauen. Der Kampf gegen die Asphaltkultur steht nicht mehr auf dem Programm - und doch oder gerade deshalb geht es aufwärts. Doch dies ist eine andere Geschichte.

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