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Shopping-Tourismus:"Die Russen sind wieder da, endlich!"

Stachus, Karlsplatz, Platzserie

Eingang zur Münchner Fußgängerzone: das Karlstor am Stachus.

(Foto: Florian Peljak)
  • Touristen aus dem arabischen Raum, China und Russland sorgten 2017 für einen Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro.
  • Das ist fast ein Drittel des kompletten Umsatzes, den der Münchner Einzelhandel mit Touristen erwirtschaftet.
  • Die Händler müssen sich allerdings ins Zeug legen, um die Kunden aus den fernen Ländern an sich zu binden.

Ein ganz normaler Dienstagabend im Erdgeschoss des Oberpollinger. Schon seit mehr als hundert Jahren weht hier "der Atem der großen weiten Welt", wie die Münchner Neuesten Nachrichten bereits 1905 berichteten, nach der Eröffnung des Konsumtempels in der Neuhauser Straße. Daran hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert: Die Marken in den Edel-Boutiquen, den Juwelier-Stores und den Drogerie-Palästen, die sich die dezent beleuchtete Fläche im wohltemperierten Klima teilen, sind so international wie das Publikum, das hier flaniert. Es ist eine Welt ohne Preisschild, gekauft wird, was gefällt, nicht, was günstig ist.

Araber, Asiaten, Amerikaner, ihnen werden edle Schuhe in Landessprache angepriesen und seltene Düfte in einer robusten Herzlichkeit empfohlen, die eines Basars würdig wären. Und neuerdings wird auch wieder vermehrt russisch gesprochen, hier wie in anderen Geschäften der Münchner Innenstadt. "Die Russen sind wieder da, endlich! Wir haben sie wirklich vermisst", sagt Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern (HBE).

Nach der Ukraine-Krise war die Kundschaft von der Wolga sehr viel seltener an die Isar gekommen: Von 2014 an sank die Zahl russischer Besucher, die im Jahr zuvor mit nahezu 200 000 einen Höhepunkt erlebt hatte, um fast die Hälfte ab. Im vergangenen Jahr kamen wieder 146 000 russische Reisende in die Landeshauptstadt, Tendenz steigend.

Der Münchner Einzelhandel atmet auf: Die russische Kundschaft ist neben Chinesen und Arabern die wichtigste unter den Shopping-Touristen auf den Flaniermeilen und in den Kaufhäuser der Stadt. "Chinesen, Araber und Russen - das sind die glorreichen Drei", sagt Ohlmann vom Handelsverband. Die Delle durch die politische Lage in Osteuropa sei durch die Umsätze mit den anderen beiden Zielgruppen nicht aufzufangen gewesen.

Shoppingtourismus in München ist ein Milliardengeschäft, die Kundschaft aus aller Herren Länder wird nicht nur gerne mitgenommen - sie wird gesucht. Russen, Araber, Chinesen, "für uns ist das eine relevante Zielgruppe", sagt Petra Fladenhofer, Marketing-Direktorin der KaDeWe-Gruppe und damit auch für die Strategien im Münchner Haus Oberpollinger verantwortlich. Das Erdgeschoss ist gerade aufwendig umgestaltet worden, der "Groundfloor" wurde "transformiert", wie es im Branchensprech bedeutungsvoll heißt. Durch die Neuhauser Straße weht jetzt ein Hauch von 5th Avenue.

Spagat bei Angebot und Präsentation

Für den Münchner Einzelhandel bedeutet es einen Spagat, einerseits unverwechselbar und irgendwie bayerisch zu bleiben und andererseits gegenüber Shopping-Metropolen wie Mailand, London oder Paris zu bestehen. "Wir stehen im internationalen Wettbewerb. Shopping ist ein Reisegrund geworden", sagt Petra Fladenhofer. So, wie deutsche Touristen zum Christmas Shopping nach New York fliegen, kommen etwa arabische Kunden nach Deutschland, um Geschenke für das islamische Opferfest einzukaufen. Die ganze Welt: ein großes Kaufhaus.

Und München ist dabei ein Sehnsuchtsort. 2015 haben Marktforscher der BBE Handelsberatung im Auftrag des Handelsverbands Bayern das Kaufverhalten zunächst von Shopping-Reisenden aus dem arabischen Raum, 2016 das der Chinesen in München untersucht - jetzt haben sie russische Shopper analysiert. Wer gibt wie schnell wie viel Geld aus, wer legt Wert auf den Preis, wer kommt wie oft wieder?

Das Wissen darüber kann für den Einzelhandel Gold wert sein: Allein diese drei Gruppen sorgten 2017 für einen Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro - das ist fast ein Drittel des kompletten Umsatzes, den der Münchner Einzelhandel mit Touristen erwirtschaftet (3,17 Milliarden). Für russische Touristen ist München der beliebteste deutsche Einkaufsort vor Berlin, Frankfurt und Düsseldorf. Gefragt sind außerdem Dresden zur Weihnachtszeit und Baden-Baden - wegen der historischen Beziehungen zwischen dem großherzoglichen Haus Baden und dem Zarenhof.