Kritik:Im Sog des Schönen

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Kritik: Völlige Versenkung in der Musik: Tord Gustavsen bei seinem Auftritt in der Unterfahrt.

Völlige Versenkung in der Musik: Tord Gustavsen bei seinem Auftritt in der Unterfahrt.

(Foto: Oliver Hochkeppel)

Der Grieg des Jazz: Tord Gustavsen mit seinem Trio in der Unterfahrt.

Von Oliver Hochkeppel

Vielleicht noch nicht als Begleiter der eher weltlich singenden Silje Nergaard, aber seit dem eigenen ECM-Debüt "Changing Places" im Jahr 2003 haftet der Musik des norwegischen Pianisten Tord Gustavsen etwas Religiöses an. Man spürt in ihr einen transzendenten Glauben an die wahre Schönheit, der Gustavsen nahezukommen sucht. Umso passender, dass er den Auftritt seines Trios in der Unterfahrt mit einer Interpretation von Johann Sebastian Bachs "Jesu meine Freude" begann.

Schon die demonstrierte seine typische Herangehensweise: Von der Meditation kommt er ins Hymnische. "Kleine Hymnen" seien seine Stücke, hat er selbst einmal gesagt, und das beschreibt auch diesen Abend perfekt. Gustavsen hat zwar seine Ausdrucksmöglichkeiten im Lauf der Zeit erweitert: Neben der schon immer weidlich genutzten Chromatik kommen auch arabische Verzierungen und Tonarten, neben dem Flügel auch elektronische Effekte zum Einsatz, neben skandinavischer Volksmusik und Klassik stehen auch mal Oscar Peterson, Leonard Cohen oder gar Progrock-Muster Pate, und ein Stück darf auch mal im harten Shuffle-Groove daherrumpeln. Doch am Ende läuft alles auf die Melodie hinaus. Die kann gar nicht einfach und schön genug sein, Gustavsen ist völlig angstfrei, was Kitschgefahr betrifft und bannt sie im Zweifelsfall mit ein paar Blue Notes oder einem überraschenden Stimmungswechsel.

Ohnehin ist seine überragende Technik - Gustavsen ist im Jazz vielleicht der Großmeister des Anschlags - die Basis für die Versenkung in die absolute Reduktion. Gerade die Übergänge von der notengeballten hymnischen Wucht zur elegischen Stille sind zum Zerreißen schön. Für dieses Programm steht ihm mit Jarle Vespestad seit jeher der ideale Schlagzeuger zur Seite, der das Drumkit so feinfühlig und nuancenreich bedienen kann wie kaum ein anderer. Eine neue Farbe gewinnen alte Hits wie die Stücke vom neuen Album "Opening" durch den Neuen im Trio: Steinar Raknes spielt seinen Kontrabass bevorzugt elektronisch verfremdet, was den Tieftöner zumeist sphärisch und mitunter wie eine Art Bassgitarrenharfe klingen lässt. Alles zusammen erzeugte in der Unterfahrt wieder einen Sog, dem man sich nicht entziehen konnte.

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