Kolumne "Das ist schön":Parsifal mit Neutralreiniger

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Kolumne "Das ist schön": Würdevoller Auftritt: Regisseur Caner Akdeniz gibt der Opern-Reinigungskraft Athina Theodoridou in seiner Tiktok-Videoreihe eine "Bühne hinter der Bühne".

Würdevoller Auftritt: Regisseur Caner Akdeniz gibt der Opern-Reinigungskraft Athina Theodoridou in seiner Tiktok-Videoreihe eine "Bühne hinter der Bühne".

(Foto: TikTok)

Die Bayerische Staatsoper stellt sich digital neu auf, dazu gehört auch ein eigener Tiktok-Kanal.

Von Jutta Czeguhn

Selbstversunken wie Kundry sitzt Athina Theodoridou da. Schwermütig wabern Streichertöne aus Wagners "Parsifal"-Vorspiel heran, während Blut in einen blauen Putzeimer rinnt und die Kamera bedeutungsschwanger über eine Flasche Duft-Neutralreiniger fährt. Die Frau in der blauen Kittelschürze zerzupft nun weiße Federn, später wird sie das Schwan-Gefieder zusammen mit dem Blut das Klo hinunterspülen. Eine neue Regietheater-Tat an der Staatsoper? Dabei ist Pierre Audis - zugegeben recht einschläfernde - Weihespiel-Deutung doch gerade mal vier Jahre alt. Nein, wir befinden uns hier auf dem Tiktok-Kanal der Bayerischen Staatsoper. Er ist Teil einer neuen Digitalstrategie, die Staatsintendant Serge Dorny und sein Team verkünden. Das Filmchen ist gerade mal 2,25 Minuten lang und - um mal Gralsritter Gurnemanz zu zitieren: "Zum Raum wird hier die Zeit." Denn Regisseur Caner Akdeniz gelingt etwas ganz Wunderbares: Er gibt Reinigungskraft Athina Theodoridou eine Bühne; sie ist einer von vielen Menschen, ohne die so ein Riesenbetrieb wie die Staatsoper nicht funktionieren würde. Und Akdeniz schafft es in nur wenigen Einstellungen, Theodoridou mit der Kunst im Haus kurzzuschließen. Würdevoll, denn die Prise Ironie geht nicht auf ihre Kosten.

Caner Akdeniz' Videoreihe auf Tiktok soll Diversität und buchstäblich Vielstimmigkeit am Münchner Opernhaus abbilden. Und natürlich geht es auch darum, mit der Uralt-Kunstform Oper nicht den Anschluss an die neue Medien-Welt und damit gesellschaftliche Bedeutung zu verlieren. Zumal das Netz ja während der Hochphasen der Pandemie der einzig mögliche Pfad war, um mit dem Publikum Kontakt zu halten. Dorny hat die Abteilungen Kommunikation und Dramaturgie neu aufgestellt. Unter Leitung von Kathrin Zeitler ist das Digital-Team seit Beginn der Spielzeit 2021/22 dabei, attraktive Formate zu entwickeln.

Der Weg ins Digitale ist auch schon von der vorherigen Intendanz beschritten worden, mit Streams, Blogs, Instagram und Getwitter. Doch Dornys Equipe hat deutlich aufgerüstet, beinahe könnte man auf die Idee kommen, dass im Netz gerade mehr los ist als auf der analogen Bühne des Nationaltheaters. Im digitalen Universum gibt es halt keine 25-Prozent-Regel. So braucht man mindestens die Zeit eines Parsifal-Aufzugs, um sich einen Überblick zu schaffen. Da ist beispielsweise "Apollon", das neue Dossier der Staatsoper, das regelmäßig aus dem Spielplan Themen herauskondensiert und auch einen eigenen Podcast mit dem Titel "Hand aufs Hirn" ausspielt. Im aktuellen Kondensat diskutiert Dramaturg Christopher Warmuth mit Stefan Aust. "How to Oper" wiederum ist ein Podcast für Neulinge und Neugierige, daneben gibt es ein Audiofeature vor jeder Premiere, die Formate "Observations" und "Files" blicken hinter die Kulissen des Hauses. Das ist alles ambitioniert und innovativ. Und macht vor allem Lust auf Live-Erlebnisse im Haus. Wenn dann die Besucher künftig auch noch daran denken, nicht zu viel Schmutz zu hinterlassen, um Athina Theodoridou ihren Job zu erleichtern, wäre das sehr schön.

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