Hertzkammer:Aus der Tiefe des Raumes

Lesezeit: 1 min

Glaskin

Meister elektronischer Genrekreuzungen: die Münchner Brüder Jonathan und Ferdinand Bockelmann alias "Glaskin".

(Foto: Benjamin Herchet)

Das Münchner Brüder-Duo "Glaskin" und sein Debüt-Album "Klaftertief".

Von Martin Pfnür, München

Was für ein Faktor die Tiefe in der elektronischen Musik sein kann, lässt sich unschwer an Genrebezeichnungen wie "Deep House" oder am Künstlernamen eines Altmeisters wie DJ Deep ablesen. Während sich der geschmeidig und vergleichsweise langsam dahinpumpende Deep House als altehrwürdige Variation der House Music vor allem durch eine gewisse bassmassierte Gemütlichkeit auszeichnet, sieht die Sache mit der Tiefe bei den Münchner Brüdern Jonathan und Ferdinand Bockelmann alias Glaskin dann doch noch mal ganz anders aus. "Klaftertief", ihr kürzlich auf ihrem eigenen Label Yael Trip erschienenes Debütalbum, bringt so ziemlich alles mit, was eine kühn in die Zukunft gedachte Techno-Platte enthalten kann. Allein: Von bassmassierter Gemütlichkeit kann hier wahrlich nicht die Rede sein.

Tatsächlich liegt die Tiefe bei den beiden Resident-DJs des Blitz-Clubs vielmehr in den schier unerschöpflichen Möglichkeiten elektronischer Genrekreuzungen, worauf denn auch der altertümliche deutsche Titel aus einer Zeit, in der man noch an gefährlich klaftertiefe Erdlöcher von unendlicher Tiefe glaubte, anspielt. Und so rauscht man hier vom filigran verknarzten Intro bis zur formidabel breakbeatverballerten finalen Miniatur "Forms" durch ein Album, das zu jedem Zeitpunkt vieles zugleich sein kann: zum einen schwebend, ambient und auf raumgreifende Weise atmosphärisch, zum anderen aber eben auch nachtschwarz, dreckig bis zum Anschlag und im besten Sinne fies.

Mal hört man also strammst nach vorne bollernden Proto-Techno, aus dem trotzdem immer noch eine Menge Melodie und Eleganz herausleuchten ("Stalactite Cave"), mal formvollendet auf Hochglanz herausgeputzten Starkstromelektro ("Galan"). Mal hört man wahre Sternstunden in Sachen Plastizität und Weite ("Hydrogroove I"), mal regelrecht bösartig um sich greifende musikalische Acid-Trips suppender und knallender Natur ("Fine Silver"). Kurzum: Ein Album, in dessen elf höchst kurzweilige und vitale Tracks man sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der erneut geschlossenen Clubs wunderbar fallen lassen kann. Gerne auch klaftertief.

"Klaftertief" ist via glaskin.bandcamp.com/album/klaftertief auf Vinyl erhältlich.

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