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Szene München:Drogen in der Midlife-Crisis

Debatte ums Kiffen

Ein letztes Aufbäumen in der Midlife-Crisis?

(Foto: dpa)

Ab einem bestimmten Alter beschleicht einen das Gefühl: Immer mehr Menschen im Umfeld wollen für eine kurze Phase mehr als Longdrinks trinken. Warum nur?

Kolumne von Jakob Biazza

Paul zum Beispiel. Der hat jüngst beim Weggehen ein paar Menschen das Gesicht abgeleckt. Weil er sie mag. Paul heißt eigentlich anders, aber weil er ein paar Tage später sehr frei erzählt hat, dass die Euphorie des Abends von kleineren Mengen MDMA kam, muss ja keiner wissen, wie er wirklich heißt.

Paul jedenfalls ist ein eigentlich sehr angekommener Mensch. Ende 30, guter Job im mittleren Management, Vorort-Haus, Kinder, mit der Frau läuft es gut, mit der Hypothek auch. Er trinkt selten und dann selten viel. Aber ungefähr seit er 35 ist, gönnt er sich zwei Nächte im Jahr, in denen er eben ausflippt. In Absprache mit seiner Frau übrigens. So viel Reihenhaus-Habitus braucht es doch noch.

Bei Freund T. ist es Koks - auch zweimal im Jahr und immer zu festen Gelegenheiten. Und eine Gruppe von entfernteren Bekannten gönnt sich sogar die Überwachung eines Arztes, wenn sie auf einem bestimmten Festival, und auch nur da, LSD nimmt. Man hört solche Geschichten gerade oft - und hantiert freilich trotzdem mit dünner Empirie.

Letzte Reminiszenz an ein wilderes Leben

Leute wie Paul tauchen in Statistiken kaum auf, weil sie zu normal aussehen, um von der Polizei kontrolliert zu werden. Aber ab einem bestimmten Alter häuft sich das wenigstens gefühlt deutlich: Menschen, die noch einmal für eine kurze Phase kontrolliert mehr tun, als Longdrinks trinken und Joints rauchen.

Das Ganze ist natürlich auch eine Art Doping. Man vergisst ja schnell, wie anstrengend das ist: weggehen. Und welchen Druck wir uns sogar in der Freizeit machen, möglichst lang durchzuhalten. Aber da ist noch mehr. Das Verhalten hat etwas von einer verfrühten, denkbar brachial kompensierten Midlife-Crisis. Es scheint eine letzte Reminiszenz an ein wilderes Leben zu sein.

Man darf sich deshalb natürlich sorgen um diese Menschen. Drogen nehmen ist schließlich gefährlich. Sehr. Aber aus noch dünnerer Empirie ist bislang zu sagen: Nicht selten endet die kurze Phase so schnell, wie sie kam. Mit der Anschaffung eines Cabrios oder Motorrads zum Beispiel.

© SZ vom 23.07.2015/mmo
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