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SZ-Reihe: Münchner Seiten:München hat den Kulturkampf verloren

Bürohaus "Nymphe" in München, 2017

Die Front des Bürozentrums "Nymphe" an der Nymphenburgerstraße ist ein Beispiel für die vielen Glasfassaden, die das Stadtbild Münchens heute prägen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der zweite Band des Stadtführers "München ohne Lederhosen" beschreibt, wie sich München in den letzten Jahren zu einer Stadt des "weißblauen Lodenmantel-Establishments" gewandelt hat

Worum es diesem Buch geht, das erschließt sich recht eindrücklich auf der Doppelseite 106/107. Zwei Fotografien der Bavaria sind dort abgebildet: Links ist die bronzene Kolossalstatue von vorne zu sehen, rechts von hinten. Und der Autor des Bandes, der Soziologe Rudolf Stumberger, schreibt dazu: "Die Bavaria auf der Theresienhöhe von vorn: Viele in der Stadt sonnen sich im Licht von Wohlstand und sozialer Sicherheit." Und: "Die Bavaria von hinten: Manche in der Stadt haben die Arsch-Karte gezogen."

Diese Passage ist Programm. Stumberger hat sich die Stadt München schon einmal vorgeknöpft: Im vergangenen Jahr hat er einen "kritisch-alternativen Stadtführer" geschrieben, um der Jubelprosa vieler gängiger München-Bücher einen anderen Blick entgegenzusetzen. In "München ohne Lederhosen" beschrieb er seine Heimatstadt als einen Ort, an dem sich keineswegs alles um die Schickeria dreht, um Bier, Dirndl und Oktoberfest, um den FC Bayern und den unseligen Märchenkönig Ludwig II. Stumberger erzählte von der Räterepublik, von Nazis und deren Gegnern, vom Umgang mit der braunen Vergangenheit und auch vom Kalten Krieg, in dem München Frontstadt war, eine Stadt der Spione, der Exilanten und der Propaganda. Sein erster Stadtführer reichte von der Revolution 1918 bis zu den Sechzigerjahren. Jetzt führt er das Projekt fort.

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Im zweiten Band von "München ohne Lederhosen" beschreibt Stumberger, wie sich die Stadt seitdem baulich und gesellschaftlich verändert hat. München scheint auf als eine Stadt, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich weitet, in der die Altstadt fast komplett nobelsaniert wurde, in der aber auch ein kultureller Aufstand gegen das sogenannte Establishment seinen Lauf nahm, in der Bewegungen für den Sozialstaat kämpften, in der Terroristen mordeten und in der sich bis heute viele Einwohner gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagieren. War schon der erste Band weniger ein klassischer Stadtführer als ein politisches Geschichtsbuch, so ist das der zweite Band erst recht.

Dabei steckt der Band voller kleiner Geschichten, die Stumberger oft nur anreißen kann. Zum Beispiel die von Münchens erster Hausbesetzung: Im Jahr 1970 drangen Demonstranten nach einer Kundgebung gegen die Wohnungsnot in ein leer stehendes Gebäude an der Denninger Straße ein; die Polizei räumte die Anlage wenig später und verhaftete dabei etwa vier Dutzend Besetzer und einen Dackel.

Stumberger erzählt auch von der linksgerichteten Buchhandlung "Basis" an der Adalbertstraße, die 2012 nach vierzig Jahren zusperren musste; verantwortlich dafür seien neben dem Internet-Buchhandel auch der kapitalistische Zeitgeist und die Bologna-Reformen, deretwegen Studenten weniger Zeit zum Lesen hätten. Und er berichtet etwa vom Leben in einer Kommunarden-Wohngemeinschaft an der Schmellerstraße: von der Geli aus Oberbayern, die in den gitarrespielenden Gerhard verliebt war, von der "herben" Gurkenverkäuferin Kathy und dem Haschisch-Dealer Michel. In solchen Momenten erzählt Stumberger derart plastisch, dass sich die Frage aufdrängt, ob er womöglich eigene Erinnerungen eingearbeitet hat. Die Wohnung selber, schreibt er, sei einst ein dunkles, feuchtes Loch ohne Bad gewesen, dafür mit Ölheizung. Mittlerweile sei sie saniert worden - und habe dabei bizarrerweise eine Stuckdecke verpasst bekommen.

Basis Buchhandlung in München, 2012

Die Buchhandlung Basis musste im Jahr 2012 schließen - Schuld daran war vor allem der Internethandel.

(Foto: Robert Haas)

Die Reihe ließe sich fortführen; Stumberger macht den Wandel der Stadt an so vielen Beispielen fest, dass ihm das Buch zuweilen zur Aufzählung gerät. Er berichtet von Lebensmittelkooperativen, von alternativen Kindergärten und Theaterprojekten, von Öko-Läden, selbstverwalteten Betrieben wie der Werkstatt "Sponton" im Westend sowie linken Stadtteilzeitungen wie dem "Blatt", das eine Gegenöffentlichkeit schaffen wollte, vor allem aber als Börse für Kleinanzeigen herhielt. Da suchte dann etwa ein Fritz ein nicht zu teures Tenor-Saxofon, eine Christine suchte nach Gefährten, die mit ihr im Doppeldeckerbus nach Marokko fahren wollten, und eine Jutta suchte Gleichgesinnte, um auszuwandern und anderswo biologische Landwirtschaft zu betreiben.

Auch München war mal unsaniert und verschmutzt

"München ohne Lederhosen" ist dabei auch ein Bilderbuch, dass in ein verschwundenes München entführt, in eine Stadt mit unsanierten Altbauten, beschmierten Fassaden und abgeplatztem Putz. Wie daraus das heutige München wird, eine Stadt aus Glas, Stahl und Beton, erzählt Stumberger nicht mit Wirtschaftsdaten und Wachstumskurven, sondern aus der Sicht eines Betroffenen: eines älteren Bewohners eines mittlerweile durch einen lukrativeren Bau ersetzten Gebäudes an der Sandstraße und seiner Nachbarn. Er zeichnet nach, wie der alte Autohändler einem Laden für Großkücheneinrichtung weichen muss, wie die Menschen auf der Straße immer geschäftiger aussehen und wie es in der Nachbarschaft nach und nach mehr Glasfronten gibt und weniger türkische Familien.

Doch es sind nicht nur die Häuser und ihre Bewohner, die sich verändert haben, sondern auch die Kultur. Liebevoll beschreibt Stumberger, wie um Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt, Filmemacher wie Herbert Achternbusch oder auch das Theaterkollektiv "Rote Rübe" eine Gegenkultur entstehen konnte, in einer Zeit des Aufbegehrens gegen die Selbstzufriedenheit. Die Behörden schossen freilich zurück: Sie zensierten, sie strichen Zuschüsse oder verhängten gar Berufsverbote wie etwa bei Horst Holzer, einem Münchner Soziologie-Dozenten, der als Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei kein Professor werden durfte.

Doch auch diese Zeit ist in Stumbergers Augen vorüber, und zwischen den Zeilen ist durchaus Wehmut zu spüren. Das "weiß-blaue Lodenmantel-Establishment" habe den Kulturkampf für sich entschieden, klagt der Autor. Nun sehe man sich "der Hegemonie-Werdung der Lederhos'n und der Verdirndelung der Welt gegenüber". Das Oktoberfest ist für ihn ohnehin die Gegenfolie zum Aufbruch der Siebzigerjahre: ein multikulturelles, globales Event, von dem eine "gewisse Totalität" ausgehe, und das man als Münchner durchaus hassen dürfe. Das alternative Milieu sei dagegen versunken: Die kritisch-oppositionellen Stimmen seien "meist verstummt oder haben sich in das von der schwarzen Macht großzügig geduldete Gezappel von Hofnarren verwandelt. Oder sind so vom Erfolg gefüttert, dass sie freiwillig aufhören."

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Rudolf Stumberger: München ohne Lederhosen. Ein kritisch-alternativer Stadtführer. 1968 bis heute, Aschaffenburg: Alibri, 199 Seiten, 16 Euro.