75 Jahre SZ-Adventskalender:Gutes zu tun heißt Menschsein

75 Jahre SZ-Adventskalender: Miteinander füreinander da sein: Dieser Gedanke stand von Anfang an hinter dem Spendenhilfswerk.

Miteinander füreinander da sein: Dieser Gedanke stand von Anfang an hinter dem Spendenhilfswerk.

(Foto: Login/Shutterstock)

Das Hilfswerk der SZ wurde aus dem Gedanken gegründet, dass gute Werke am meisten Wirkung entfalten, wenn sie aus nächster Nähe kommen. Warum diese Idee immer zeitgemäß bleiben wird.

Essay von Kurt Kister

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, homo homini lupus, wie die Zitatefreudigen gerne sagen. Diese Weisheit wird seit Jahrtausenden immer wieder mal herangezogen, wenn Erklärungen gesucht werden für Gewalt, Unterdrückung, Grausamkeiten aller Art, die Menschen an Menschen begehen. Thomas Hobbes und Arthur Schopenhauer haben sich dieses Sprachbilds bedient. Wenn der Mensch seinesgleichen prinzipiell als Raubtier gegenüberträte, dann wären Nächstenliebe, Fürsorge oder Mitleid eher die Ausnahme. Glücklicherweise ist es nicht so.

Der Satz mit dem Wolf geht ursprünglich auf eine Komödie zurück, die dem römischen Dichter Plautus zugeschrieben wird, der um die Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts geboren wurde. In den Asinaria (Eseleien) wollte Plautus keineswegs den Stab über das Menschengeschlecht und das Böse in ihm brechen, es geht vielmehr um Banales: Ein Kaufmann schuldet dem Demaenetus Geld, möchte das Geld aber nicht an dessen Diener Libanus auszahlen, der behauptet, er handele im Auftrag des Demaenetus.

Seine Weigerung begründet der Kaufmann dann mit dem Satz, dass er dem Libanus nicht vertraue, weil er ihn nicht kenne. Wenn man jemanden nicht kennt, dann müsse man vorsichtig sein, sagt der Kaufmann, eben weil der Mensch dem Menschen ein Wolf sei.

In der Vorstellung vieler Menschen ist der Wolf ein "böses" Raubtier. Allerdings ist der Wolf dem Wolf in diesem Sinne kein Wolf, im Gegenteil. Wölfe sind sehr soziale Tiere, die im Rudel leben und sich um das Wohlergehen des Rudels kümmern. So gesehen betreiben sie aktive Nächstenliebe, auch wenn ihnen das Bewusstsein dafür fehlt, was Liebe oder was böse ist. Menschen haben ein solches Bewusstsein. Glücklicherweise.

Gewiss, wenn man in diesen Wochen und Monaten die Nachrichten verfolgt, könnte man manchmal glauben, dass Nächstenliebe und das Bemühen um das Wohlergehen anderer auf verlorenem Posten stehen. Menschen können anderen Menschen unsägliche Grausamkeiten antun.

Dies geschieht oft mit metaphysischen, jenseits der Vernunft liegenden Begründungen: Man spricht einer bestimmten Gruppe von Menschen das Recht ab, zu leben oder dort zu leben, wo sie leben. Man behauptet, ein Gott, die höchste "Stufe" der Metaphysik, habe einer Gruppe das Recht auf ein Stück Land, eine Region oder die Herrschaft über andere Gruppen "gegeben". Man will, um die eigene Weltanschauung oder Religion durchzusetzen, Andersgläubigen im weiteren Sinne Präsenz oder gar Existenz verweigern. Diese Formen des Nächstenhasses kennt kein Tiger, kein Hai, kein Wolf. Der Nächstenhass ist typisch menschlich. Nur der Mensch ist dem Menschen ein Mensch.

Beim Hass allerdings verlieren alle, auch jene, die hassen und sich kurzzeitig für die Überlegenen halten. Hass macht böse, unglücklich und nimmt auch den Hassenden jene Würde, die den Menschen auszeichnet. Auch der Mensch ist ein soziales Wesen. Trotz aller Lebenshilfe-Bücher über das Glück im Alleinsein sucht der Mensch nach dem Anderen.

Allein ist man immer wieder mal, sei es, weil man es so will, oder weil es einem unwillentlich passiert, zugestoßen ist. Natürlich kann man auch allein sein, weil man Menschen in seiner Nähe vergrätzt hat. Und ja, man muss allein nicht unglücklich sein, auch wenn man kein Anhänger des Satzes aus Schillers "Wilhelm Tell" ist: "Der Starke ist am mächtigsten allein." Wenn allerdings das Alleinsein dazu führt, dass man einsam wird, entfernt sich das Glück auch von den vermeintlich Starken.

Mit ihrem Hilfswerk ist die SZ im besten Sinne Lokalzeitung

Am besten jedenfalls geht es dem Menschen, wenn es ihm gemeinsam mit anderen gut geht. Der Wunsch, anderen dabei zu helfen, dass es ihnen besser geht, ist also nicht nur Nächstenliebe, sondern auch Selbstliebe, allerdings Selbstliebe der altruistischen Art. Man findet auch dazu eine lateinische Spruchweisheit: do ut des, ich gebe, damit du mir gibst.

Wer anderen Gutes tut, wartet nicht unbedingt darauf, dass ihm, gewissermaßen im Ausgleich, auch Gutes getan wird - jedenfalls nicht im materiellen Sinne. Not ist oft eine materielle Frage - auch und gerade in einer Gesellschaft, in der es vielen relativ gut geht, aber dennoch zu viele zu wenig haben, als dass es ihnen gut gehen könnte.

Der Sozialstaat in Deutschland ist - im Vergleich zu vielen anderen Staaten auf dieser Welt - gut ausgebaut. Darüber hinaus existiert ein Netz sozialer und karitativer Einrichtungen, von denen etliche wichtige von den großen Kirchen getragen werden (auch das kann eine Antwort auf die immer häufiger gestellte Frage sein: Warum zahle ich eigentlich noch Kirchensteuer?). Private, also nicht staatliche Initiativen steuern einen wichtigen Teil dazu bei, dass Menschen in Not geholfen wird. Eine solche Initiative ist der "SZ-Adventskalender für gute Werke", den es seit 1948 gibt.

Das Hilfswerk ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Nächstenliebe organisieren lässt, selbst in einer Metropole wie München, wo schon die große Zahl der Einwohner nicht unbedingt das Gefühl aufkommen lässt, jeder oder jede in der Stadt sei einem der oder die Nächste. Wer helfen will und dies nicht sehr individuell in seiner unmittelbaren Nachbarschaft tut, braucht einen Zwischenträger, dem er vertraut.

Dieser Zwischenträger sammelt einerseits Geld, und kümmert sich andererseits, am besten in Zusammenarbeit mit der Stadt, Gemeinden und Verbänden, darum, dass das Geld bei Hilfsbedürftigen ankommt. Genau das macht das SZ-Hilfswerk. Die SZ ist hier im allerbesten Sinne Lokalzeitung - ihre Leser vertrauen ihr (sie vertrauen ihr auch die Spenden an), und beim SZ-Adventskalender weiß man aus langer Erfahrung, wo Hilfe nötig ist. Die Lokalzeitung kennt die Stadt, und die Stadt kennt "ihre" Lokalzeitung.

München ist in einer besonderen Situation. Von den zehn "reichsten" Städten beziehungsweise Landkreisen (gemessen an der Kaufkraft pro Einwohner) in Deutschland gehören sechs zur Großregion München. Nach Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK liegen auf den ersten vier Plätzen dieses Wohlstandsrankings die Landkreise Starnberg und München, danach kommen die Stadt München und der Landkreis Ebersberg.

In München liegen Reichtum und Armut besonders nahe beieinander

Erst auf den Plätzen fünf und sechs folgen dann nichtmünchnerische Landkreise, nämlich der Main-Taunus-Kreis und der Hochtaunuskreis, beide Einzugsbereich der Finanzmetropole Frankfurt. Wo viele Wohlhabende wohnen und arbeiten, ist alles teurer: die Mieten, die Supermärkte, die Tankstellen et cetera.

Für die vielen Menschen, die in München und Umgebung leben, aber nicht zu den dort eben auch sehr zahlreichen Besserverdienern gehören, ist das Leben aus finanziellen Gründen vergleichsweise schwieriger als in fast allen anderen deutschen Städten. Wer dann auch noch in diesem Zentrum des Wohlstands durch Krankheit oder andere persönliche Schicksalsschläge in Not gerät, ist neben der staatlichen und kommunalen Unterstützung auf weitere Hilfe angewiesen - von den Tafeln, von Nachbarschaftsgruppen oder eben von Initiativen wie dem Adventskalender.

In München liegen Reichtum und Armut sehr nahe beieinander. Wer die Augen aufmacht, sieht das. Und es lässt einen nicht kalt, eben weil der Mensch grundsätzlich ein soziales Wesen ist.

Noch einmal zurück zu Plautus: Der Kaufmann misstraut dem Libanus, weil er ihn nicht kennt, und er drückt dies durch das Wolfs-Bild aus, das er jedenfalls nicht so hart meint, wie es zunächst klingt. Er sagt indirekt sogar, dass die Nähe zu einem Menschen, das Erkennen ausschlaggebend ist, nicht etwa eine ominöse, konfliktorientierte Prädisposition (dem Menschen ein Wolf...).

In einer großen Stadt können sich nicht sehr viele Menschen persönlich kennen. Aber selbst eine große Stadt ist eine "Gemeinde" im Sinne des Wortes: ein organisierter Zusammenschluss von Menschen, der sich gebildet hat, weil man gemeinsam besser lebt als vereinzelt oder gar allein. "Gemeinde" bedeutet eben auch Verantwortung denen gegenüber, welche die Gemeinde bilden. Man hilft sich. Und wer es sich leisten kann, hilft mehr.

Helfen heißt Gutes tun. "Gutes" ist ein sehr allgemeiner Begriff, der in der jüngeren Vergangenheit von vermeintlichen Realisten auch schon zur Verspottung Andersdenkender - "Gutmenschen" - benutzt worden ist. Das Gute zu wollen, gilt in Teilen der leistungsorientierten, konfliktbereiten Gesellschaft als naiv. Wer sich dafür einsetzt, setzt sich oft moderater bis offener Häme aus. Das hat auch damit zu tun, dass Fernsehkomödianten, Kabarettistinnen, Social-Media-Typen und Sichalleinunterhalter vieles zu Tode ironisieren, was manchen Menschen wichtig ist. Zu den vielen Veränderungen in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren, gerade auch in der Kommunikation, gehört die oft ärgerliche Form der Überwitzigkeit auf allen Kanälen und Apps.

Gutes zu tun heißt Menschsein. Nur wir Menschen haben einen Wertekanon, der aus keinem Naturzustand herrührt, sondern in Jahrhunderten der Selbstvergewisserung, aber auch der Irrtümer entstanden ist. Die Gleichheit aller gehört dazu, auch wenn sie noch längst nicht verwirklicht ist. Das Recht auf Leben in Würde ist grundlegend. Diese Würde zu garantieren, ist Aufgabe der Gemeinschaft, in der wir leben, damit wir nicht allein sind. Und deswegen ist es auch die Aufgabe der Einzelnen, die zu der Gemeinschaft zählen.

Zu geben heißt Gutes tun. Und Gutes tun hilft nicht nur denen, die etwas bekommen. Wer teilt, hilft der Gemeinde. Eben weil der Mensch dem Menschen kein Wolf ist.

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