Betreuungseinrichtung im Hasenbergl:"Sonst war ich immer die Tochter - hier war ich Aicha"

Betreuungseinrichtung im Hasenbergl: Setzen sich für einen guten Start in ein eigenständiges Leben ein: Dörthe Friess (links) von der Knowhow-Werkstatt des Lichtblick Hasenbergl und Aicha A.

Setzen sich für einen guten Start in ein eigenständiges Leben ein: Dörthe Friess (links) von der Knowhow-Werkstatt des Lichtblick Hasenbergl und Aicha A.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei Lichtblick Hasenbergl lernen junge Menschen, sich und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und Perspektiven für sich zu entwickeln. Aicha A. und Werkstatt-Leiterin Dörthe Friess erzählen, wie wichtig solche geschützten Räume für Heranwachsende sind.

Interview von René Hofmann

Finanzielle Sorgen haben gravierende Auswirkungen. Im Münchner Stadtteil Hasenbergl gibt es seit 1993 eine Institution, die gegen den Kreislauf sozialer Benachteiligung ankämpft: der Lichtblick Hasenbergl. Er betreut Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von fünf Monaten bis 25 Jahren aus sozial belasteten und benachteiligten Familien mit dem Ziel sicherzustellen, dass die Kinder gesund aufwachsen, eine Schulform besuchen, die ihrer tatsächlichen Begabung entspricht und eine Ausbildung durchlaufen. Der Lichtblick wird regelmäßig vom SZ-Hilfswerk unterstützt. Aicha A. hat ihn besucht, Dörthe Friess leitet die Know-how-Werkstatt der Einrichtung.

SZ: Aicha, ist Ihnen als Kind bewusst gewesen, dass die Möglichkeiten, die sich Ihnen boten, wegen der finanziellen Situation Ihrer Eltern eingeschränkt waren?

Aicha A.: Geld war bei uns immer ein Thema. Nicht nur bei uns, bei eigentlich allen Familien, die ich erlebt habe. Es ging darum, wie man das bezahlen kann, was man zum Leben braucht: die Wohnung, das Essen, die Kleider. Das war ständig präsent, was sehr anstrengend ist. Solche Gedanken laugen aus. Entsprechend sind die Eltern ständig gestresst, oft erschöpft. Auch wenn sie versuchen, das von den Kindern fernzuhalten, wenn sie sich Mühe geben, den Problemen mit einem Lächeln zu begegnen: Jedes Kind erkennt, wenn ein Lächeln ein Fake-Lächeln ist.

Wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Sozialsystem in Kontakt, das diesen Problemen ja eigentlich entgegenwirken soll?

A.: Schon sehr früh, als ich anfing, Lesen und Schreiben zu lernen. Ab da konnte ich meinen Eltern helfen beim Ausfüllen von Anträgen oder beim Austausch mit Behörden.

Frau Friess, erleben Sie es häufiger, dass Kinder so früh in eine Helferrolle kommen?

Dörthe Friess: Leider ja. Das ist ein wiederkehrendes Muster, dass Kinder sehr früh in diese Verantwortung genommen werden und dann in der eigenen Entwicklung gehemmt sind. Das ist ein Thema, das die Gesellschaft viel zu wenig auf den Schirm hat.

Wie kommt es dazu, dass Kinder und Jugendliche wichtige Ansprechpartner sind?

Friess: Sie wachsen hier auf, sie wachsen direkt in die Gesellschaft hinein. Das bedeutet, dass sie übersetzen können - und damit meine ich nicht nur die Sprache. Diese Dolmetscherfähigkeiten sind für die Familie toll, für die Kinder aber auch gefährlich. Wenn die Kinder sich kümmern, klappt es meist. Sie werden für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörden und Ämter, für Schulen und Nachmittagsbetreuungen selbstverständlich zu Ansprechpartnern. Damit werden die Kinder und Jugendlichen oft überfordert. Sie füllen Rollen aus, die nicht ihre sind. Sich zu kümmern, kostet auch Zeit. Diese Zeit fehlt dann für die eigene Entwicklung. Gerade in der Coronapandemie haben wir das beobachten können. Viele Jugendlichen waren im Burnout oder standen kurz davor.

Aicha, wie war das für Sie? Haben Sie diese frühe Verantwortung überhaupt wahrgenommen?

A.: Für mich war das einfach normal. Ich glaube, für jeden Menschen ist das Leben, das er führt, erst einmal normal. Ich war klein, ich wollte meinen Geschwistern und meinen Eltern helfen. Das will ich auch immer noch. Inzwischen habe ich aber gelernt, dass es Orte geben muss, an denen es um mich geht - und Zeiten.

Darum, das zu vermitteln, geht es im Lichtblick Hasenbergl, oder, Frau Friess?

Friess: Ja, unter anderem. Wir wollen als Erstes einmal ein sicherer Ort sein. Die Basis, um überhaupt irgendetwas vermitteln zu können, ist die Grundsicherheit. Hat das Kind etwas Gesundes gegessen? Hat es alle Schulmaterialien? Ist der Morgen so organisiert, dass es halbwegs entspannt aus dem Haus gehen kann? Leider keine Selbstverständlichkeiten. Auch gesundheitliche Aspekte sind wichtig: Sind die Zähne versorgt? Gibt es vielleicht Hörschwierigkeiten? All das sind Faktoren, die eine gesunde Entwicklung einschränken können. Erst wenn die bearbeitet sind, können Räume entstehen, in denen gelernt werden kann. Dann können Träume entstehen und Visionen für die eigene Zukunft. In vielen Fällen geschieht all das in der Familie. Wo das aus Mangel an Möglichkeiten dort nicht geschieht, braucht es dann viel. Mehr als normale Kindertagesstätten oft bieten können.

Wie groß sind die Gruppen im Lichtblick?

Friess: Wir haben pro Gruppe zwölf Kinder, die von zwei Fachkräften betreut werden. Die Kinder erleben: Ich komme, ich spiele, ich mache Hausaufgaben, ich nehme an spannenden Projekten teil. Dahinter liegt aber ein inzwischen ziemlich ausgefeiltes sozialtherapeutische Programm.

Das was genau vermittelt?

Friess: Bei den ganz Kleinen geht es darum: Wer bin ich? Was sind meine Bedürfnisse? Was sind die Bedürfnisse von anderen? Sich selbst kennenzulernen und andere wahrzunehmen, sich in soziale Gruppen einbringen und Grenzen erkennen. In dem Bereich kann man ganz viel spielerisch vermitteln. Dann geht es darum, Emotionen genauer kennenzulernen. Die Grundemotionen wie Freude, Wut, Traurigkeit oder Angst, wo und wie spüre ich sie? Auch Müdigkeit wird thematisiert, denn die spielt bei vielen eine große Rolle. In Familien, die beengt wohnen, fehlen häufig Rückzugsmöglichkeiten. Übermüdung kann sowohl zu Aggressionen als auch zu Traurigkeit führen. Lernen ist in so einer Situation richtig schwierig. Es gilt zu unterscheiden: Gibt es einen Konflikt zu lösen oder ist jemand einfach gestresst und müde?

Spielt Konfliktlösung eine Schlüsselrolle?

Friess: Im Alter von fünf bis acht ist das ein großes Thema. Es hilft für die ganze spätere Entwicklung, wenn ein Kind in diesem Alter lernt: Was ist ein Konflikt und in welchen Schritten können wir ihn lösen? Kinder, die aus Familien kommen, in denen es häufig laut und stressig ist, lernen, innerlich abzuschalten. Kinder, die sich innerlich zurückziehen, sind weniger mit fördernden Reizen erreichbar. Das heißt: Ich muss das Kind erst einmal beruhigen, ich muss ihm Sicherheit geben. Am Thema innerer Sicherheit, Wahrnehmung und Sprache hängt enorm viel. Wenn die Sprache nicht ankommt, funktioniert Schule nicht. Bei den Älteren geht es dann viel um Eigenverantwortung und Selbstständigkeit.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Friess: Das heißt: Denk darüber nach, was du machst und wie du dich in der Gruppe verhältst, in der du bist! Im Alter von zehn Jahren kann ein Kind ja selbst verstehen, was es mit seinem Handeln bewirkt. Also fragen wir erst mal nach und hören zu: Was ist passiert, warum hast du dich so verhalten, was haben die anderen gemacht und warum könnte es zum Streit gekommen sein. Es geht nicht um Richtig und Falsch, sondern um die Aufforderung: Lerne dich immer besser kennen, denke nach! Was meinst du? Was willst du? Und was bewirkt dein Verhalten? Das ist das Rüstzeug für wirklich selbständiges Handeln. Und das zu können, ist auch mit Blick auf die berufliche Perspektive elementar.

Also, die sichere Bubble ist nicht nur da, um darin abzuhängen, richtig?

Friess: Abhängen ist super, das braucht man. Aber als Ausgleich. Bei uns geht es nicht nur um einen sicheren Ort zum Abhängen. Wir versuchen, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: Du bist so, wie du bist, hier total willkommen. Was willst du? Und wo willst du eigentlich hin? Was machst du dafür? Wir glauben an dich! Und wir glauben, da geht noch mehr.

Aicha, wie haben Sie das wahrgenommen?

A.: Am Anfang war der Lichtblick einfach ein riesiger Kinderspielplatz. Ich wusste: Okay, hier muss ich meine Hausaufgaben machen und Lernen, aber dann darf ich spielen. Wir haben experimentiert, an Projekten teilgenommen, Ausflüge gemacht, viel Neues entdeckt. Man darf dabei nicht vergessen: Wenn man im Hasenbergl aufwächst, ist das nicht selbstverständlich. Vielen hier fehlt es an den Möglichkeiten, in den Ferien wegzufahren, Ausflüge zu machen, überhaupt einmal etwas anderes zu sehen und zu erleben.

Was mir aber am meisten geholfen hat: einfach Kind sein zu dürfen. Sonst war ich immer die Tochter, hier war ich Aicha. Hier haben die Leute gefragt: Aicha, was willst du? Was willst du jetzt, was willst du später einmal? Das bringt einen erst dazu, selbst darüber nachzudenken. Und: Der Lichtblick war ein Ort, von dem ich immer wusste, dass ich dort Ansprechpartner finde, Vertrauenspersonen, Menschen, die wissen, wo ich herkomme, was da los ist und wie ich mich fühle. Solche Orte fehlen vielen, die mit so viel Last aufwachsen.

Inzwischen haben Sie eine Berufsausbildung absolviert, arbeiten bei einer Versicherung und wollen sich weiter fortbilden. Was hat Ihnen auf dem Weg geholfen?

A.: Mathematik war immer mein Lieblingsfach. Und dann habe ich über den Lichtblick viele Praktika gemacht: im Supermarkt, bei verschiedenen Ärzten, in der Buchhaltung und dem Management bei der Allianz. So habe ich vieles kennengelernt und das, was am besten zu mir passt, langsam eingekreist. Viele, deren Eltern in anderen Ländern aufgewachsen sind, wissen gar nicht, welche Berufe es hier alles gibt und wie diese funktionieren. Ich habe mir irgendwann eine Art Checkliste gemacht, auf der ich notiert habe, was für mich passt und was nicht so. Irgendwann wusste ich: Ich will einen Bürojob, der mit Zahlen zu tun hat. So kam's zur Bankausbildung. Und jetzt dann zur Versicherung.

Frau Friess, entwickeln junge Menschen, denen wie Aicha sehr früh Verantwortung aufgebürdet wird, besondere Fähigkeiten?

Friess: Ja, das ist durchaus persönlichkeitsbildend. Ich erlebe oft einen enormen Ideenreichtum, auch Pragmatismus und die Fähigkeit, ein außerordentliches Stresslevel auszuhalten. Wer so früh immer wieder mit existenzbedrohenden Problemen konfrontiert wird, entwickelt die Gabe, vieles ad hoc zu lösen. Auch in der Coronapandemie haben wir das vielfach beobachtet. Manchmal fehlt aber das langfristige Denken. Ein Beispiel: Wenn es darum geht, eine Ausbildungsstelle zu suchen, ist es verlockend, die nächstgelegene Möglichkeit zu nehmen, dorthin zu gehen, wo die beste Freundin oder der beste Freund auch hin tendiert. Dass sich an einer anderen Stelle, die etwas weiter weg ist und für die man jeden Tag eine halbe Stunde früher aufstehen muss, vielleicht viel bessere Perspektiven ergeben, gerät da mitunter aus dem Blick.

Das Wort "Armut" vermeiden Sie bewusst. Warum?

Friess: Weil die Zuschreibung "Du bist arm" als sehr schlimm, als bloßstellend, von den Jugendlichen erlebt wird, von den Eltern auch. Arm darf man nicht sein. Wir sprechen von einem Mangel an Möglichkeiten, erst wenn wir Jugendliche wirklich lange kennen, wird es möglich, Armut besprechbar zu machen. Das ist ein generelles Problem in unserer Gesellschaft: dass Armut individualisiert und schuldbehaftet gesehen wird.

Während der Coronapandemie haben wir Jugendliche über Zoom miteinander sprechen lassen, wie es ihnen geht und daraus einen Film geschnitten. Dabei gab es ein großes Aha-Erlebnis: Die Erlebnisse der Jugendlichen waren sehr ähnlich, ohne dass diese das voneinander wussten. Und weil das so war, wurde ihnen klar: "Moment mal, wenn es allen so geht, dann kann das irgendwie nicht die Schuld von mir und meiner Familie sein." Armut wird aus Scham viel versteckt. Auch und gerade hier, in einem so überschaubaren Viertel, in dem im Prinzip jeder jeden kennt. Dabei wäre es so wichtig, Armutserfahrungen besprechbar zu machen. Das würde helfen, sie lösen zu können.

Wie nehmen Sie die staatlichen Hilfen wahr?

Friess: Viele unserer Familien arbeiten im Niedriglohnbereich und benötigen zusätzlich finanzielle Hilfen, zum Beispiel Bürgergeld, Wohngeld oder den Kinderzuschlag. Trotzdem ist das Zerrbild vom faulen Armen verbreitet. Nach dem Motto: Die wollen eh nicht arbeiten, da muss man mit Sanktionen ran. Wir erleben das genaue Gegenteil. Die allermeisten Familien vermeiden es, Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu müssen. Oft sind wir es, die darauf drängen: Stellen Sie jetzt bitte einen Antrag, weil es so nicht weitergehen kann, weil so keine Entwicklung zum Positiven möglich ist!

Behörden kommunizieren oft sehr formal. In den vorformulierten Briefen werden mit den Sachinformationen oft gleich Sanktionen angekündigt. Das wird dann als Belastung empfunden und nicht als Grundlage für eine vertrauensvolle Kommunikation. Die Bewilligung von Leistungen der Behörden baut aufeinander auf. Das heißt, wenn ich das eine bekommen will, muss ich erst das andere nachweisen - oft mit ganz unterschiedlichen Fristen. Es ist ein Labyrinth, in das dann häufig die Kinder als Pfadfinder hineingeschickt werden.

Am Übergang zum Erwachsenenleben wächst der Wunsch, sich abzukoppeln, auf eigenen Beinen zu stehen. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt, Aicha?

A.: Als anstrengend. Mit einer eigenen Wohnung muss man sich ja um vieles kümmern: Miete, Strom, Rundfunkbeitrag, Versicherungen. Wenn man auf eigenen Beinen stehen will, braucht man eigentlich hundert Prozent seiner Energie für sich selbst. Wenn da aber noch eine größere Familie ist, in die man eng eingewoben ist, ist das schwierig. Dann beginnt das Balancieren, das Abwägen: Wenn ich das jetzt für mich tue, was bedeutet das für die anderen? Ich denke nie nur für mich.

Friess: Wir erleben das auch in anderen Zusammenhängen immer wieder: Viele Familien halten sehr stark zusammen - im Familienverbund, aber auch untereinander. Sich abzunabeln ist für viele jungen Menschen deshalb schwierig. Es gibt aber auch strukturelle Probleme. Beim Bezug von Bürgergeld zählt beispielsweise das Einkommen der sogenannten Bedarfsgemeinschaft. Und in diese werden Familienmitglieder bis zum Alter von 25 Jahren hinein gezählt. Ausziehen ist nur mit nachgewiesenem Härtefall möglich. Die Hürden für Jugendliche, auf eigene Füße zu kommen und die Armut hinter sich zu lassen, sind hoch. Sie sollten viel niedriger sein. Dann würde das Thema nicht so oft in die nächste Generation weitergetragen.

München ist an eine wohlhabende Stadt. Es gibt auch Gegenden, in denen der Luxus regelrecht zelebriert wird. Wie erleben Sie das, Aicha?

A.: Um ehrlich zu sein: Was außerhalb der eigenen Bubble passiert, nimmt man gar nicht wahr. Wie man in der eigenen Bubble dasteht - das ist aber wichtig. Weil es schambehaftet ist, will man nicht, dass deutlich wird: Ich brauche Geld, ich brauche Hilfe. Man versucht, diesen vermeintlichen Schwachpunkt zu verstecken, keine Angriffsfläche zu bieten. Dafür ist es dann wichtig, bestimmte Schuhe zu haben, Markenkleider, das richtige Handy. Kinder können da untereinander unerbittlich sein, aber auch bei den Erwachsenen sind solche Statussymbole wichtig. Diese Fassade aufrechtzuerhalten, ist anstrengend. Wie das in Bogenhausen oder Grünwald läuft - darüber hat man gar keine Zeit, sich Gedanken zu machen.

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