Studium Die schwierigste Prüfung zum Unistart: eine Wohnung finden

Gesucht wird nach Wohnungen auf Facebook, auf Immobilienportalen - oder am Schwarzen Brett in der Mensa der LMU.

(Foto: dpa)

"Man kommt in eine Lage, wo man seinen Verstand beiseite legt": Viele Studenten werden wohl die ersten Wochen bei Freunden schlafen. Dubiose Anbieter haben diese Not längst erkannt.

Von Anna Hoben

Soziologie wird sie studieren, die Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschen. Diesen Montag geht es los, während der kommenden fünf Jahre wird die Universität den Mittelpunkt ihres Lebens bilden. Doch im Grunde hat Eileen, 21 Jahre alt, ihr Studium schon zwei Monate vorher begonnen, nämlich mit der Wohnungssuche in München. Das Verhalten von künftigen Mietern, von Vermietern und von Maklern wäre ja durchaus ein interessanter Forschungsgegenstand für eine soziologische Seminararbeit. 70 E-Mails hat sie geschrieben, 20 Mal telefoniert, einige Wohnungen besichtigt. Bisher ohne Erfolg: Zum Semesterstart wird Eileen, die aus Deggendorf stammt, wohl auf der Couch von Freunden schlafen.

Achtung, Binsenweisheit: In München eine Wohnung zu finden, ist schwer. In München jedoch im September oder Oktober eine Wohnung zu finden, wenn Tausende in der Stadt ein Studium beginnen, ist, so könnte man meinen, nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist auch die Zeit, in der Forschungsinstitute Zahlen zum Wohnungsmarkt veröffentlich, als wollten sie den Studenten klar machen: "München? Vergiss es!"

Semesterbeginn

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665 Euro bezahlen Studenten in der Stadt für eine Bude, heißt es in einem Gutachten, welches das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Kooperation mit der Internetplattform Immobilienscout24 erstellt hat. Zur besseren Vergleichbarkeit haben die Forscher den monatlichen Mietpreis einer hypothetischen Musterwohnung ermittelt. In Leipzig, der günstigsten der 15 untersuchten Groß- und Universitätsstädte, beträgt dieser mit 327 Euro weniger als die Hälfte des Münchner Preises. "Setzt sich die Entwicklung fort, dann werden Studenten in der bayerischen Landeshauptstadt bald mehr als 20 Euro für einen Quadratmeter Wohnraum zahlen müssen", schreiben die Gutachter.

Glücklich all jene, die ein Zimmer in einem Wohnheim gefunden haben. Die Wartezeit für einen der 9032 Plätze des Studentenwerks in München liegt je nach Haus zwischen einem und vier Semestern. Zurzeit stehen 9415 Studenten auf den Wartelisten für München, was laut Studentenwerk allerdings nicht heißen muss, dass sie tatsächlich alle noch an einem Platz interessiert sind. Im vergangenen Jahr wurden 7000 Plätze neu vergeben.

Und dann gibt es noch die Privatzimmervermittlung, über die nach Angaben des Studentenwerks ungefähr 1800 Wohnmöglichkeiten vermittelt werden, vom Zimmer zur Untermiete bis zu kompletten Wohnungen. Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle und Oberbürgermeister Dieter Reiter haben Münchner aufgerufen, günstige Zimmer an Studenten zu vermieten. Etwa 50 Angebote für München finden sich in der Liste, wenn man in der Woche vor Semesterbeginn darauf schaut. "Günstige Zimmer" sehen dann zum Beispiel so aus: 15 Quadratmetern für 100 Euro in Sauerlach, 13 Quadratmeter für 350 Euro in Markt Indersdorf, neuneinhalb Quadratmeter am Harras für 400 Euro.

Wer über das Studentenwerk nicht zum Zug kommt, konkurriert bei der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe mit gut verdienenden Berufsanfängern. Da helfen dann auch zahlungskräftige Eltern nichts. Ihren Unterlagen für Vermieter haben Eileen und ihr Freund, mit dem sie zusammenziehen will, Gehaltsnachweise aller vier Elternteile beigelegt. "Wir sind bereit, bis zu 1500 Euro warm zu bezahlen", sagt Eileen, "was ja an sich kein Studentenpreis ist." Seit zwei Monaten suchen sie, auf Immobilienportalen, über Facebook und Ebay, auch eine Anzeige in der Zeitung haben sie geschaltet. Ohne Erfolg. "Nichts, wirklich nichts", sagt Eileen. Eine Wohnung zu zweit zu finden, die Idee haben sie mittlerweile aufgegeben. Eileen sucht nun ein Zimmer nur für sich - und übernachtet derweil bei ihrem Freund im Wohnheimzimmer, "unerlaubt". Sie wartet darauf, dass die ersten Studenten nach ein paar Monaten wieder abbrechen. "Da müssten ein paar Tausend Wohnungen und Zimmer wieder frei werden", so hat sie sich das jedenfalls ausgerechnet.

Auch Ilenia Brodkorb hat sich vorerst bei ihrem Freund einquartiert. Doch in dessen Einzimmerwohnung will sie nicht bleiben. "Wenn man ein Studium beginnt, braucht man ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, das ist das Wichtigste für mich." Auch sie zieht nun erst einmal zu Bekannten, wo sie ein eigenes Zimmer hat. Die 19-Jährige wird an der LMU Englisch und Schulpsychologie studieren. Ihr Abitur hat sie in Hamburg gemacht, auch dort sind Wohnungen teuer und der Markt ist alles andere als entspannt, "ich dachte, das ist das Maximum". Dann kam sie nach München, machte sich auf die Suche nach einem WG-Zimmer und merkte: "Das ist noch mal eine andere Liga."

Zusammen mit ihren Eltern hat sie dann bald das Budget-Limit angehoben: von 400 auf 500 Euro. Gesucht hat sie hauptsächlich auf Facebook, oft stehen unter den Angeboten dort nach 15 Minuten 40 Kommentare von Interessenten. Sie hat sich einige WG-Zimmer angeschaut. Bei einem, Giesing, sieben Quadratmeter, 300 Euro, sagte sie spontan zu, "ich war so verzweifelt" - und später wieder ab. So viel Geld wollte sie für so ein winziges Zimmerchen dann doch nicht ausgeben.

"Man kommt in eine Lage, wo man seinen Verstand beiseite legt", sagt Ilena Brodkorb. Einmal schrieb sie mit einer dubiosen Anbieterin E-Mails hin und her, die sie dazu drängen wollte, einen Vertrag zu unterschreiben, ohne dass sie die Wohnung gesehen hatte. Sie brach den Kontakt dann ab. Nun hofft sie auf die Zusage für eine Wohnung, die ihr gut gefallen hat. Dort würde sie eine WG gründen mit einer Studentin, die sie bisher nur über Facebook kennt. Dass das eine Zimmer ein Durchgangszimmer ist, würde sie in Kauf nehmen. "Auf so was lässt man sich dann ein", sagt sie. Hauptsache ein Dach über dem Kopf und ein Zimmer mit Schreibtisch.

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