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Studierende aus 84 Ländern:"Rückkehrer stehen unter hohem Erfolgsdruck"

Mittlerweile hat er das Problem offen mit seinen Eltern besprochen. Die Mutter pocht auf eine baldige Rückkehr. Sein Vater sagt: Mach, was dich glücklich macht. Voriges Jahr hat sich Compaoré mit seiner Freundin verlobt, zu Hause in der Heimat, wo sie sich zu Jugendzeiten kennengelernt hatten. "Wir versuchen, die Entfernung zu meistern. Bislang hat es geklappt. Aber klar, die Frage, wo führt es uns hin, ist präsent. Langfristig ist Burkina Faso das Ziel. Aber der Weg dorthin ist noch offen."

Rückkehrer würden mit hohen Erwartungen aus ihrem Umfeld konfrontiert, sagt Antje Göllner-Scholz. Die Wissenschaftlerin hat über das entwicklungspolitische Bewusstsein ausländischer Studenten geforscht. "Rückkehrer stehen unter hohem Erfolgsdruck." Sofern sie zu Hause einen Arbeitsplatz finden, der ihrer Ausbildung entspricht, nähmen sie die Rolle eines "change agent" ein. "Das heißt, sie bewegen etwas für ihr unmittelbares Umfeld und auch darüber hinaus", sagt Göllner-Scholz.

So wie Armand Nekar Ndilmbaye aus N'Djamena, der Hauptstadt der Republik Tschad. Der zweifache Familienvater betreibt dort eine Farm, auf der er Obst und organische Sheabutter produziert, die zum Beispiel als Hautcreme verwendet wird. Das fachliche Wissen dazu hat er von der Technischen Universität in Weihenstephan, wo der 39-Jährige das Master-Programm "Landmanagement und Landbesitz" gemacht und im vergangenen April promoviert hat. "Mit der Farm geht ein Traum in Erfüllung", schreibt Ndilmbaye.

Seine Selbständigkeit habe aber auch praktische Gründe: "Es ist sehr schwierig, hier einen Job ohne Kontakte oder Bestechungsgelder zu bekommen." Als Bauer könne er stattdessen sein angelerntes Wissen anwenden und an die Jüngeren vor Ort weitergeben. Er berät Landwirte, schreibt Bücher und hält Kontakt zu Kollegen in aller Welt. "Ich versuche, über die Runden zu kommen. Mein Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, aber es scheint die Leute hier zu interessieren."

Ein solcher Wissensaustausch zwischen Deutschland und Entwicklungsländern wird von der Bundesregierung explizit unterstützt. Der sogenannte Marshall-Plan mit Afrika, ein Vorhaben des Bundesentwicklungsministeriums, schlägt vor, das Erasmus-Programm, das Studenten unbürokratisch Auslandssemester innerhalb Europas ermöglicht, auch auf Afrika zu erweitern. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kehren 45,9 Prozent aller ausländischen Studierenden in ihre Herkunftsländer zurück. Bei DAAD-Stipendiaten sind es 71 Prozent.

Die anderen bleiben hier. Zu ihnen gehört Edith Otiende-Lawani. Die 30-Jährige stammt aus Kemusu in Kenia und studierte bis 2015 Jura an der LMU. Ihr Vater starb, als sie vier war, ihre Mutter zog die zehn Kinder neben ihrer Pastorentätigkeit allein auf. "Ich bin das sechste Kind. Meine ganze Familie ist zu Hause in Kenia." Dass sie nach Deutschland kam, ist einem Bekannten zu verdanken, der Au-pair-Mädchen nach München vermittelte. Sie machte mit und kam fürs Studium wieder.

Auch Edith Otiende-Lawani stand vor der Frage, ob sie nach Afrika zurückkehren sollte. Doch die Liebe funkte dazwischen - ihren Mann Patrick Lawani aus Nigeria lernte sie in München kennen. Die beiden heirateten 2013, während ihres Studiums. Der gemeinsame Sohn ist 16 Monate alt. Jetzt arbeitet Otiende-Lawani in Teilzeit in einer Kanzlei. Ihre Zukunft sieht sie hier in München. Da ihr Beruf sehr länderspezifisch ist, sei ein Direkteinstieg als Anwältin in Kenia eher unwahrscheinlich. Ausschließen will sie eine spätere Rückkehr dennoch nicht. "Aber ich bin froh über die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben."

© SZ vom 01.03.2017/bhi

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