Installation:In Isolation

Lesezeit: 2 min

The Glass Cage

Isolation auf grüner Wiese: die Cellistin Julie Läderach.

(Foto: Regine Heiland)

Stefan Winters wundervolle Klanginstallation "The Glass Cage" in der Rathausgalerie

Von Egbert Tholl, München

Schon der Raum an sich ist großartig. Nun ist die Rathausgalerie ohnehin ein sehr schöner Ort, durch dessen Fenster an der Nordseite man Passanten mit offensichtlichem Vorweihnachtskaufdrang vorbeihuschen sieht; gleichzeitig befindet man sich selbst in einem Refugium, in dem man stundenlang verweilen möchte, weil das, was Stefan Winter dort aufgebaut hat, seine Geheimnisse erst nach und nach preisgibt. Man muss diese aber gar nicht in Gänze entschlüsseln, man kann sich auch einfach der Aura des Raums hingeben.

"The Glass Cage" - der Glaskäfig - heißt die Installation, und tatsächlich stehen sieben davon herum. Sie sind nicht aus Glas, sondern große, leicht milchige Zellophanwürfel, in denen sich jeweils ein Mensch befindet, die meisten davon machen Musik. In der Mitte des Raums befindet sich eine Art Kommandostation, eine Überwachungszentrale mit einem großen Bildschirm, auf dem die Bilder zu sehen sind, die Videokameras aus den Kuben übertragen. Mal sieht man ins Innere eines Würfels, mal auf einem geteilten Bildschirm in alle gleichzeitig. Es sind Bilder wie von Überwachungskameras, man sieht Menschen wie in Zellen, in, nun eben, gläsernen Käfigen.

Die Installation funktioniert auf zwei Ebenen. Sie ist eine Metapher für Isolation, erhält nun, obwohl vor Corona entstanden, eine neue Dringlichkeit in pandemischen Zeiten, thematisiert aber auch die zunehmende digitale Überwachung. Auf der anderen Seite ist sie ein im Raum verteiltes Konzert. Fumio Yasuda schrieb dafür sieben Stunden Musik, so lange dauert die installative Performance. Man kann die Musik, die aus den einzelnen Würfeln tönt, als Gesamtklang wahrnehmen, etwa wenn man sich an den Springbrunnen in der Mitte des Raums setzt. Aber man darf sich das nicht als strenges, quasi symphonisches Miteinander vorstellen, eher als ein klingendes Fluidum aus durchaus disparaten Einzelteilen. Dann entstehen Momente voller Spannung, etwa wenn die Cellistin Julie Läderach und der Akkordeonist Teodoro Anzellotti sich abwechseln in getragenen Melodien und rhythmisierten Läufen.

Man kann sich aber auch auf einen Würfel konzentrieren. Und etwa stundenlang der Tänzerin Breeanne Saxton zuschauen. Die Rückwand ihres Würfelns ist eine Videoleinwand, die ihre Bewegungen verdoppelt. Bewegt sie sich wild wie ein Derwisch, erzeugt das einen Strudel von Bewegungen. Klettert sie, sich elastisch zu den Klängen im Raum wiegend, an einer Klappleiter herum, hat man ihre Anmut gleich zweimal. Nebenan spielt Anne Gillot Flöte, auch eine Kontrabassblockflöte, ein tolles Ding, das Geräusche macht, die wie Gesänge vom Meeresgrund wirken. Und Sool Park denkt. Was er denkt, spukt ein Drucker vor seinem Käfig aus. "Das Nichterzählbare zwingt zum Schweigen. Das Hindernis der Sprache drängt zur Sprachlosigkeit."

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