Landwirtschaft:Der Linsenbauer vom Wörthsee

Lesezeit: 4 min

Landwirtschaft: Bernhard Neumüller auf seinem Linsenacker in Hechendorf.

Bernhard Neumüller auf seinem Linsenacker in Hechendorf.

(Foto: Arlet Ulfers)

Bernhard Neumüller baut die Hülsenfrucht im dritten Jahr an und experimentiert auf den steinigen Böden mit Öllein, Körnersenf und Sonnenblumen. Lebensgefährtin "Fräulein Müller" verarbeitet und verkauft die Bio-Produkte.

Von Carolin Fries

In zwei Wochen wird es wohl so weit sein, dass die Ernte eingefahren werden kann. Dann wird Bernhard Neumüller auf seinen Mähdrescher steigen und den kurzen Weg durch Hechendorf zum Acker fahren, aus der Halle raus einmal rechts und zweimal links abbiegen. Und mit jeden hundert Metern, die der 32-Jährige seinem Feld näher kommt, wird seine Aufregung zunehmen: Wird es sich gelohnt haben, auch heuer wieder auf einem Hektar Linsen anzubauen? Oder ist das eine unwirtschaftliche Spielerei, im Fünfseenland auf den Ertrag von Hülsenfrüchte zu setzen?

Landwirtschaft: Anicia heißt die Sorte, die Neumüller neben Beluga-Linsen anbaut.

Anicia heißt die Sorte, die Neumüller neben Beluga-Linsen anbaut.

(Foto: Arlet Ulfers)

Vor zwei Jahren hat Neumüller es zum ersten Mal versucht, damals im Zuge seiner landwirtschaftlichen Meisterarbeit. Vier Hektar hat er dafür in mehreren Parzellen mit unterschiedlicher Aussaatstärke und Stützkultur ausprobiert. Anders als Getreide oder der kräftig wurzelnde Mais braucht die Linsenpflanze nämlich stützende Nachbarpflanzen, "sonst kommt die gar nicht in die Höh'." Neumüller hat den zarten Linsenpflänzchen also Gerste, Hafer und Triticale-Ähren zum Anlehnen gesät und war begeistert, wie hoch der Ertrag war, insbesondere in der Kombination mit der Gerste. 2000 Kilogramm der dunkelbraunen Anicia-Linsen konnte er auf einem Hektar ernten und eine Tonne Gerste. Da mag das Sortieren der ähnlich großen Gersten- und Linsenkörner noch so aufwendig gewesen sein: Es hatte nicht nur funktioniert, sondern sich gelohnt.

"Das war aber wohl eine Ausnahme", sagt er rückblickend. Im vergangenen Jahr nämlich hat er von einem Hektar keine 500 Kilogramm bekommen, "da war es unterm Strich einfach zu nass." Doch deshalb gibt der Bio-Landwirt nicht auf: In diesem Jahr hat er wieder auf einem seiner knapp 78 Hektar die Hülsenfrucht angebaut. Damit ist er der einzige Linsenbauer im Landkreis. Seine Beluga- und Puy-Linsen werden von der Erzeugergemeinschaft "Unser Land" vermarktet und in den Supermärkten in der Region angeboten.

Natürlich baut Neumüller auch Getreide wie Dinkel, Hafer und Weizen an und experimentiert mit den Ölfrüchten Sonnenblume, Leindotter und Öllein - oder probiert mal Körnersenf. "Ich brauch' in der Fruchtfolge aber auch die Hülsenfrucht", erklärt er. Knöllchenbakterien an deren Wurzeln binden den Stickstoff aus der Luft, das ist wichtig für die Aufbereitung ausgezehrter Böden. Überwiegend käme in der Region allerdings die Ackerbohne oder Erbse zum Einsatz - doch wieso nicht mal die Linse ausprobieren? Noch dazu, wenn die Bodenbeschaffenheit passt: "Der muss gar nicht besonders gut sein", erklärt Neumüller. "Hauptsache er ist gut gelockert und hat keine Staunässe." Denn "nasse Füße" möge die Linse gar nicht. Für ihn ist der Linsen-Anbau auch deshalb von Vorteil, weil sich die Früchte anders als zum Beispiel Dinkel oder Hafer relativ platzsparend lagern ließen. Zwar erweitert Neumüller gerade seine Maschinen- und Lagerhalle am Ortsrand von Hechendorf, doch in teure Silotürme kann und will er nicht investieren.

Landwirtschaft: Die Halle dient als Lager und Garage für den landwirtschaftlichen Fuhrpark.

Die Halle dient als Lager und Garage für den landwirtschaftlichen Fuhrpark.

(Foto: Arlet Ulfers)
Landwirtschaft: Die Linsenpflanze mag "keine nassen Füsse". Was die Bodenqualität betrifft, ist sie sehr tolerant.

Die Linsenpflanze mag "keine nassen Füsse". Was die Bodenqualität betrifft, ist sie sehr tolerant.

(Foto: Arlet Ulfers)

Neumüller hat 2020 den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters übernommen, zuvor hat er zehn Jahre als Fluggerätemechaniker gearbeitet. "Da habe ich zwar gut verdient, aber für immer wollte ich das nicht machen.", erzählt er. Auf den Meister setzte er noch ein Studium zum Agrarbetriebswirt, auch "um mir zu beweisen, dass ich das pack'." Seit Dezember arbeitet Neumüller jetzt an drei Tagen in der Woche im Landwirtschaftsamt in Fürstenfeldbruck als Sachbearbeiter im Bereich Förderung - den Rest der Zeit ist er Landwirt und "jeden Tag im Betrieb."

Für ein ähnliches Arbeitsmodell hat sich seine Lebenspartnerin Katharina Müller entschieden. Die 36-Jährige ist ebenfalls in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, auch sie sehnte sich als Vollzeitkraft im Marketing nach einer sinnstiftenden Arbeit. Vormittags vermarktet sie jetzt Gartenmöbel - und nachmittags die eigenen Produkte vom elterlichen Hof und aus der Landwirtschaft von Bernhard Neumüller. "Fräulein Müllers Bio Produkte" heißt ihr kleines Unternehmen, das sie mit viel Herzblut und Überzeugung betreibt. "Es heißt ja immer, die Leute wollen lokale Bio-Produkte aus der Region, also biete ich sie an." Die Kartoffeln im Sortiment kommen aus Alling, alles andere aus Hechendorf - unter anderem Bernhard Neumüllers Linsen, das "regionale Superfood".

Landwirtschaft: Katharina Müller verkauft die Linsen und weitere Bio-Produkte in ihrem Online-Shop.

Katharina Müller verkauft die Linsen und weitere Bio-Produkte in ihrem Online-Shop.

(Foto: Arlet Ulfers)
Landwirtschaft: Aus einer Garage am Hof wurde Werkstatt, Küche und Ausstellungsraum.

Aus einer Garage am Hof wurde Werkstatt, Küche und Ausstellungsraum.

(Foto: Arlet Ulfers)
Landwirtschaft: Aus den Resten der Öl-Herstellung macht Katharina Müller Seife.

Aus den Resten der Öl-Herstellung macht Katharina Müller Seife.

(Foto: Arlet Ulfers)

Doch Bernhard Neumüller experimentiert auf den steinigen Böden am Pilsensee auch mit Sonnenblumen und Körnersenf. So begann Müller mit dem Pressen von Öl und der Herstellung von Senf. Ihr macht es Freude, wertvolle Lebensmittel möglichst nachhaltig herzustellen. Zum Repertoire gehören inzwischen auch Senföl, Leindotteröl, Leinsamen und Holunderblütensirup. Und selbstgemachte Seifen, die sie aus den Resten der Ölfrüchte fertigt. Eine ehemalige Garage in der Hechendorfer Maschinenhalle hat sie praktisch als Werkstatt, Küche und Ausstellungsraum eingerichtet. Für den Verkauf betreibt sie einen Onlineshop - Laufkundschaft gibt es nämlich kaum. Lediglich in der Vorweihnachtszeit ist ihr kleiner Verkaufstand auch vor Ort geöffnet, denn als Geschenke sind ihre Produkte besonders beliebt. Nebenbei hält sie für Firmen Nachhaltigkeits-Kurse und manchmal führt sie auch Schulklassen zum Acker und beweist mit Linsenpflanzerl und Linsensalat, wie schmackhaft die Hülsenfrüchte sein können. "Das Interesse an ökologischer Landwirtschaft ist schon da", stellt sie immer wieder fest, "es fehlt einfach an Aufklärung."

Neumüller und Müller setzen darum auf Schilder, die am Feldrand erklären, was auf der jeweiligen Fläche angebaut wird. Damit haben sie gute Erfahrungen gemacht. "Viele wissen nicht, wie Dinkel ausschaut." Und die trockenen Linsenpflanze zwischen ihren stützenden Helfer-Pflanzen, Flughafer und Disteln, hält man unwissend schnell für Unkraut. Neumüller nimmt sich einen Büschel und begutachtet die vielen Fruchtansätze an den Pflanzen, die in diesem Jahr nicht besonders hoch gewachsen sind. "Es schaut ganz gut aus!", sagt er.

"Fräulein Müllers Bio Produkte" können online unter www.fraeulein-muellers.de erworben werden.

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